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Die traurige Kampagne gegen die bösen Boomer-Bürger

Im politischen Verteilungskampf wird die Lebensleistung der geburtenstarken Jahrgänge oft übersehen.
Feuilletonredakteur Henry C. Brinker, Boomer-Rentnerin
Foto: DT / IMAGO / Lobeca | Im Diskurs-Regen stehen gelassen? Boomer sind besser als ihr Ruf.

Eine Projektion spaltet die Gesellschaft: in ältere Versorgungsempfänger und junge Berufstätige, Vermögende und Bedürftige, in Kranke und Gesunde. Auch zwischen Ost und West verlaufen wieder mal die Streitlinien. Es geht um die bösen Boomer-Bürger, die als geburtenstarke Jahrgänge die Rentenkassen herausfordern, die Pflegeversicherung zu sprengen drohen, große Wohnungen blockieren. Doch wie schlimm sind diese Menschen tatsächlich, die sozusagen wegen der Ungnade ihrer frühen Geburt am Pranger stehen?

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Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass die Männer und Frauen der Boomer nicht nur eine ganz erstaunliche Lebensleistung vollbracht haben, sondern dass ihre Leistungen auch in der Gegenwart anhalten und sicher in die Zukunft weiterwirken.
Zum Beispiel wird die Lebensleistung der Boomer in Bezug auf die Betreuung alter Menschen der vorangegangenen Generation kaum erwähnt. Dabei kann fast jede Familie eine oder mehrere Geschichten erzählen, wie bis zum Tod eine Pflegeleistung erbracht wurde oder noch erbracht wird, vielfach in geschwisterlicher Abstimmung und häufig in Kombination mit Pflegeeinrichtungen und den eher geringen Leistungen der Pflegeversicherung. Die Erziehung der eigenen Kinder verlief meist ohne das mehr oder weniger gut ausgebaute Betreuungssystem von heute, Mütter blieben für die Erziehung zu Hause und mussten sich bei einem Wiedereinstieg nach der Erziehungszeit mit schlecht bezahlten Ersatzjobs begnügen, die nicht ihrer eigentlichen Bildung und den entsprechenden Abschlüssen entsprachen.

Der kalte Kita-Staat konnte die warme Stube der Familie nicht ersetzen

Vor allem aber wird übersehen, dass das weitgehend auf Grund gelaufene Betreuungssystem nur von vielen hilfsbereiten, familienorientierten Boomern einigermaßen am Laufen gehalten wird. Die in der Ära der damaligen Familienministerin Ursula von der Leyen ohne Rücksicht auf die nötigen Strukturen vorangetriebene Fremdbetreuung hat ihre quantitativen und vor allem die qualitativen Ziele verfehlt. Der kalte Kita-Staat konnte die warme Stube der Familie nicht ersetzen.

Diese dreifache Lebensleistung mit eigener Familiengründung, Versorgung der Elterngeneration und Betreuungshilfe bei den jungen Eltern von heute muss endlich gerecht betrachtet werden. Dass die jungen Wilden, die heute die Boomer geißeln, immer noch auf erheblichen Erfolgen der Vorgängergeneration aufbauen dürfen, sei nur zum Schluss erwähnt. So schlecht steht dieses Land nicht da. Bei aller Kritik fällt der Weltvergleich immer noch positiv aus. Sonst wäre Deutschland nicht das zweitgrößte Einwanderungsland im wirtschaftsstarken OECD-Raum. Man darf gespannt sein, wie die junge Generation selbst ihre Herausforderungen an Leistungs- und Opferbereitschaft künftig meistern wird.

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Henry C. Brinker Familiengründung Ursula von der Leyen

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