Anfang der 1980er-Jahre erlebte das Filmgenre „Sektendrama“ eine kurze Blüte. Kurz zuvor hatte der Massenselbstmord des „Peoples Temple“ in Guyana die Weltöffentlichkeit erschüttert, gleichzeitig erregten die Rekrutierungspraktiken sogenannter „Jugendreligionen“ Aufsehen. Heute noch sehenswert ist Ted Kotcheffs Film „Das Idol“ von 1982, nicht zuletzt dank Peter Fondas eindringlicher Darstellung eines charismatischen Sektenführers. Der Film schildert glaubwürdig und differenziert die Attraktivität neuer religiöser Bewegungen für junge Menschen wie auch die manipulativen Methoden, mit denen diese Gruppen ihre Anhänger an sich binden.
Bemerkenswert ist dabei die Beobachtung, dass die Worte des Sektenführers zwar als tiefe Weisheit aufgefasst, memoriert und gebetsmühlenartig nachgesprochen werden, dabei aber in ihrer konkreten Bedeutung ambivalent bleiben und keine kohärente, von der Person ihres Urhebers abstrahierbare Glaubenslehre ergeben. Gerade dadurch erscheint die persönliche Autorität des Sektenführers unhinterfragbar und sein Führungsanspruch unangreifbar, und dieser Nimbus der Unfehlbarkeit wird noch verstärkt dadurch, dass er sich zuweilen bewusst widersprüchlich und erratisch verhält.
Verwischte Grenzen
Wenn in heutigen Debatten von „geistlichem Missbrauch“ die Rede ist, entsteht häufig der Eindruck, dies sei ein vorrangig in besonders strenggläubigen oder „erzkonservativen“ Gemeinschaften anzutreffendes Phänomen. Ein entschieden anderes Bild zeichnet indes beispielsweise der Anfang Februar des Jahres veröffentlichte Untersuchungsbericht „zur Aufarbeitung sexualisierter und spiritueller Gewalt“ beim katholischen Pfadfinderverband DPSG: Hier wird deutlich, dass gerade die betont liberale Haltung des Verbands gegenüber der Glaubens- und Sittenlehre der katholischen Kirche einen Nährboden für spirituelle Manipulation geschaffen hat. So beschreibt die Studie die „Aneignung und zugleich Überformung spiritueller Bilder zur Selbstdarstellung des Verbands“ als effektives Mittel zur „Bildung einer Art Eigen- oder Quasi-Kirche“, die „jenseits institutioneller Religionsbindung eine zentrale identitätsstiftende Rolle spielt“; weiterhin ist die Rede von einer „Subjektivierung und Emotionalisierung des Glaubens […] im Kontrast zu eher dogmatisch-hierarchischen Kirchenmodellen“, die eine „Grenzverwischung zwischen Glauben, Gemeinschaft und Gehorsam“ fördere und so letztlich die „Gefahr einer spirituellen Überhöhung des Verbandes – und der damit verbundenen Erwartungen an Loyalität“ berge.
Eine Schlussfolgerung, die die Verfasser der Studie nicht explizit ziehen, die jedoch zumindest nicht unplausibel erscheint, lautet, dass gerade eine solide, an der verbindlich definierten Glaubens- und Sittenlehre der katholischen Kirche ausgerichtete Katechese Schutz vor spirituellem Missbrauch bieten könnte – insofern, als sie einen Bezugsrahmen schaffen würde, der den von einzelnen Leitungspersonen erhobenen Anspruch auf geistliche Autorität überprüfbar macht und dieser Autorität Grenzen setzt.
Der Autor schreibt als Geisteswissenschaftler aus Berlin zu kulturellen Themen.
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