Wie gebannt schaut Italien auf den morgigen Tag – und zwar nach Mailand. Dorthin, wo eine randalierende Jugend am vergangenen Sonntag die elegante Einkaufsmeile rund um den Dom der lombardischen Metropole verwüstet hat.
Italien kennt Ausschreitungen aller Art: Vermummte, linke wie rechte Extremisten, radikale Impfgegner, Anarchisten, Ultras, die Schaufenster zertrümmern, Geldautomaten herausreißen und sich Straßenschlachten mit den Polizeikräften liefern. Aber was am vergangenen Samstag und Sonntag in Mailand geschah, war etwas ganz Neues, das das ganze Land, von der Politik über die Medien bis zur intellektuellen Elite, in einen Zustand der Ratlosigkeit versetzt hat: Was macht man mit radikalen Randalierern, die zu 80 Prozent Minderjährige sind?
Zumindest war das die Quote bei den etwa 200 festgenommenen Jugendlichen, die dann nach und nach von ihren Eltern bei der Quästur und den Polizeistationen eingesammelt werden konnten. Der Jüngste war 11 Jahre alt. Nur ein Bruchteil der verhafteten Kinder wanderte in Anstalten für Schwererziehbare und Jugendgefängnisse.
Die Kultur des „radical chic“
Und morgen könnte es weitergehen. Über die sozialen Medien läuft schon seit Tagen das Tamtam: Am 24. Oktober sollen Mailand, Rom und andere Städte Schauplatz eines neuen Aufstands werden. Wieder sprechen die Drahtzieher die ganz Jungen an. Während sich die älteren Generationen in Diskussionsrunden im Fernsehen und in den Kommentaren der Medien fragen, was da wohl falsch gelaufen ist.
Dass sich am vergangenen Wochenende die Zerstörungswut der Jugend vor allem in Mailand zusammenballte und die Stadt auch morgen im Fokus der Aufmerksamkeit steht, hat einen besonderen Reiz. Die wohlhabende Metropole im italienischen Norden gilt als Hauptstadt jener linksliberalen Kultur, die der Italiener als „radical chic“ bezeichnet, in der sich die linke Ideologie nach den Jahren der Studentenproteste und der emanzipativen Revolution der 68er-Generation mit einem konsumorientierten und hedonistischen Lebensstil verbunden hat. Die Mailänder haben den Dom und die Scala, aber dann zeigt man den Besuchern stolz die Galerien und Boutiquen, die zum Markenzeichen eines wohlhabenden Materialismus geworden sind.
Keine politische Demonstration
Genau sie waren am Wochenende das Ziel der Jugendlichen. Es war keine politische Demonstration. Man sah keine Fahnen, weder die der Palästinenser noch die mit Hammer und Sichel. Keine extreme Gruppierung hatte zu den Protesten aufgerufen. Es ging nicht um die Qualität der Schule, um die steigenden Kosten oder das Klima. Es war auch keine Revolution, sondern eher das Gegenteil: Man wollte nicht ein System stürzen, sondern Anteil haben an dem System, das die Generation der Eltern und Großeltern geschaffen hat: Die Jugendlichen und Kinder brüllten keine politischen Parolen, sondern sie kamen aus den Vorstädten gelaufen, um zu plündern und zu rauben, was sie sich bisher nicht leisten konnten: Sweatshirts, Sneakers, elektronische Geräte. Nebenbei bemerkt: Man hat auch einen großen Buchladen verwüstet. Aber niemand hat einen der jugendlichen Plünderer gesehen, der auch nur ein Buch mitgenommen hätte.
Die Politik hat auf die Geschehnisse je nach der eigenen Couleur reagiert: Staatspräsident Sergio Mattarella hat dazu aufgerufen, der Jugend wieder Hoffnung zu vermitteln. Die Regierung von Giorgia Meloni hat für morgen 500 Soldaten mit gepanzerten Fahrzeugen und Drohnen in die Innenstadt von Mailand beordert, während Justizminister Carlo Nordio die Kapazitäten der Jugendgefängnisse erweitern will.
Auch bei der Suche nach den Hintermännern und „Schuldigen“ urteilt jeder nach dem eigenen Schema: Während Innenminister Matteo Piantedosi und Verteidigungsminister Guido Crosetto die lange Hand Moskaus hinter den über die sozialen Medien gesteuerten Aufrufen zu den Plünderungen sehen, lehnt Lega-Chef und Vizepremier Matteo Salvini die „russische Spur“ ab und bringt die Migranten und Ausländer ins Spiel. Auch plant die Regierung ein Gesetz, das den Zugang zu den sozialen Medien für die unter 14-Jährigen sperren will.
Der Staat ist überfordert
Aber nur die wenigsten erkennen, dass an der Kultur etwas faul ist, die die Generationen auf den „Errungenschaften“ der 68er-Generation aufgebaut haben. Was sich in Mailand ausgetobt hat, ist der pure Materialismus gepaart mit der durch die sozialen Medien abgesenkten Hemmschwelle zur Gewalt.
Die Politik sieht einen Aufstand und setzt auf Repression. Aber das kann keine Lösung sein, wenn den Jungen das Gespür für Lebenssinn und Werte abhandenkommt. Die Eltern haben die Erziehung ihrer Kinder an den Staat delegiert, und der ist damit überfordert, der Jugend das zu vermitteln, was Präsident Mattarella mit Hoffnung meint. Hoffnung worauf denn?
Es bleibt abzuwarten, was morgen in Mailand geschieht. Wahrscheinlich wird das Zentrum der Stadt einer Festung gleichen. Aber es wäre zu wünschen, dass danach eine Debatte darüber beginnt, dass man nachwachsende Generationen auch erziehen muss, und darüber, wie eine solche Erziehung aussehen könnte.
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