Die Augen sind der Spiegel der Seele, heißt es im Volksmund. Der reformierte Pfarrer und Philosoph Johann Caspar Lavater formulierte den Spruch „Das Gesicht ist der Spiegel der Seele“ im 18. Jahrhundert, auch wenn er viel älter ist: Er geht auf den römischen Philosophen Cicero zurück, der bereits im ersten Jahrhundert vor Christus schrieb: „Das Gesicht ist das Abbild der Seele, die Augen sind ihre Anzeiger.“ Samuel von Hoogstraten, ein Rembrandt-Schüler, bezeichnete das menschliche Gesicht als einen „Spiegel des Geistes“.
Darauf wies Dagmar Hirschfelder, Direktorin der Gemäldegalerie, bei der Präsentation der Ausstellung „Porträts! Überraschende Begegnungen von Botticelli bis Lempicka“ vor der Presse hin. Die Ausstellung frage, so Hirschfelder, wie im Zeitalter von Selfies und Social Media auf die Porträtkunst als eine der ältesten und einflussreichsten Gattungen der europäischen Kunstgeschichte geblickt werde.
Die Sonderausstellung der Gemäldegalerie wählte die Werke aus der eigenen Sammlung sowie aus weiteren Berliner Museen aus einem konkreten Blickwinkel: nicht als Meisterwerke an sich, sondern als „Gegenüberstellungen von jeweils zwei Werken aus unterschiedlichen Kontexten, die gleichwohl verblüffende formale, motivische, inhaltliche Gemeinsamkeiten aufweisen“, so Hirschfelder. Um ein Beispiel aus der Sportwelt zu bemühen: Zwei hervorragende Tennisspieler ergeben noch lange kein gutes Doppel. Entscheidend ist nicht allein die Qualität der einzelnen Spieler, sondern auch, wie sie miteinander harmonieren.
Bilder sprechen nicht so gut miteinander
Spannungsvolle Gegenüberstellungen statt nur Entsprechungen. Als Beispiel nennt Stephan Kemperdick, einer der Kuratoren der Ausstellung, dass die Ausstellungsmacher ursprünglich Hans Holbeins berühmtes Porträt des Kaufmanns Georg Gisze mit Bronzinos Bildnis des Ugolino Martelli zusammenbringen wollten. Auch wenn es sich um zwei Meisterwerke der Renaissance handelt, stellte Kemperdick fest, dass die Bilder „gar nicht so gut miteinander sprechen“. Viel überzeugender habe sich die Kombination des Holbein-Porträts mit dem weniger bekannten Bildnis eines Astronomen von Giovanni Cariani erwiesen, weil sie sich in Format, Inszenierung und symbolischer Ausstattung ähneln. Die Ausstellung ordnet die Porträts nicht – wie üblich – nach Epochen, Ländern oder Schulen. Sie werden vielmehr paarweise präsentiert. Insgesamt 86 Bildnisse bilden 43 ungewöhnliche Kombinationen. „Sobald immer zwei Bildnisse nebeneinander hängen, fängt man automatisch an zu vergleichen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu suchen“, erläutert Kurator Sven Jakstat.
Genau darin liegt der Reiz der Ausstellung: Sie lädt dazu ein, vermeintlich vertraute Bilder neu zu entdecken. Dieses Konzept wird bereits im sogenannten Prolog deutlich: Ein Mumienporträt aus dem römischen Ägypten, entstanden um 130 nach Christus, hängt neben einem Bildnis der Gräfin Luise von Voss aus dem Jahr 1810. Auch wenn zwischen den beiden Werken fast 1.700 Jahre liegen, sehen sie sich verblüffend ähnlich. Beim Aufbau der Ausstellung habe jemand vermutet, es handele sich um Schwestern, berichtet Kemperdick schmunzelnd. In beiden Fällen entfalten große braune Augen, ein sanfter Blick und die leicht zur Seite geneigten Köpfe eine erstaunlich ähnliche Wirkung.
Dazu erklärt Kemperdick: „Wir sind absolut darauf spezialisiert, Gesichter zu lesen.“ Selbst unbewegten Gesichtszügen schreiben wir einen bestimmten Ausdruck zu. Manche Gesten und mimischen Ausdrucksformen scheinen über Jahrhunderte hinweg verständlich zu bleiben. Ein erstes Kapitel der Ausstellung beschäftigt sich mit „Porträttypen diesseits und jenseits der Alpen“, mit den Unterschieden, aber auch mit der gegenseitigen Beeinflussung insbesondere der niederländischen und italienischen Malerei.
Andere Zeit – anderer Blick
Im Abschnitt „Selbstdarstellung der Elite“ wird das Porträt als wirkmächtiges Mittel der sozialen Repräsentation präsentiert. Gesichter und Mienen, aber auch Schnitt und Material der Kleidung sowie Goldschmuck verraten den hohen gesellschaftlichen Rang einer Dame, etwa bei Velázquez. Porträts von Familienangehörigen oder nahestehenden Personen im Kapitel „Familie, Freundschaft und Intimität“ bewegen sich stets im Spannungsfeld zwischen individueller Persönlichkeit und gesellschaftlicher Erwartung.
Doch ähnliche Gesichtszüge müssen nicht unbedingt dieselbe Aussage haben: Die Gegenüberstellung eines Frauenporträts von Agostino Carracci aus dem Jahr 1590 mit einem 1905 entstandenen Bildnis von Anders Zorn verdeutlicht, dass die verblüffende Ähnlichkeit in dem einen Fall Gefasstheit und Sittsamkeit verkörpern soll, während das andere Werk eher lebendig und herausfordernd erscheint.
Über die überraschenden Ergebnisse hinaus hat die zweijährige Vorbereitung der Ausstellung auch neue Forschungsergebnisse gebracht. Mehrere Werke wurden restauriert, darunter ein Totenbildnis aus dem 16. Jahrhundert und ein 1534 entstandenes Porträt von Georg Pencz: Dessen Restaurierung legte ein bislang verborgenes Wappen frei. Die Gegenüberstellung von Menschen aus unterschiedlichen Jahrhunderten fördert nicht nur solche Ähnlichkeiten zutage. Sie hilft darüber hinaus, bereits bekannte Werke mit ganz anderen Augen zu sehen.
Der Autor schreibt als Historiker aus Berlin.
„Porträts! Überraschende Begegnungen von Botticelli bis Lempicka“. Kulturforum Berlin, Gemäldegalerie, Matthäikirchplatz, 10785 Berlin. Bis zum 14.3.2027 Zur Ausstellung erscheint ein Katalog (256 Seiten), ISBN 978-3-7319-1590-0.
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