Beim Stöbern ist mir ein altes Buch von Joachim Fernau in die Hände gefallen. Fernau? Allen, die nach 1970 geboren sind, wird dieser Name nichts sagen. In meiner Jugend war Fernau – neben Kishon und Konsalik – einer der meistgelesenen deutschen Autoren. Meine Mutter hatte sämtliche seiner Bücher. Sie liebte Fernaus Kunst, über historische und philosophische Themen im Plauderton zu schreiben und dabei – oft nur in Nebenbemerkungen – in große Tiefen einzudringen. Mich irritierte damals sein schnoddriger, ans Alberne grenzender Ton. Offenbar war ich zu jung, um die Abgründe zwischen den Zeilen wahrzunehmen.
Das Buch, das mir von ihm in die Hände gefallen ist, war sein erster großer Bestseller; es ist eine Geschichte Deutschlands („Deutschland, Deutschland über alles“, 1952 erstmals erschienen). Ich weiß nicht, wann mich zuletzt ein Buch derart ins Grübeln gebracht hat. Zum Beispiel diese Passage: „Kein anderes Land hat einen so langen, Hunderte von Jahren andauernden Kampf zwischen Adel und Bürgertum, zwischen Stadt und Land durchgemacht wie das unglückliche Deutschland.“
Miniaturfürstentümer gegen Zentralisierung
Er spricht über die sich der Zentralisierung widersetzenden Miniaturfürstentümer und behauptet, dass „in der ideenlosen, engen Welt der kleinen Städte ohne Vaterland“ jene Vereinsmeierei geboren wurde, die den deutschen Spießer ausmacht, „der seinen Stolz in lächerlichen Dingen sucht“.
Natürlich bin ich völlig anderer Ansicht: Unser Drama ist in meinen Augen eher die ständige Sehnsucht nach „deutscher Einheit“, wohingegen uns die Kleinstaatlichkeit bestens zu Gesicht stand. Egal. Auf jeder Seite stößt man auf Stellen, die zu Kaskaden von Gedankenspielen führen. Ist es nicht genau das, was wir von Büchern erhoffen?
Nachdem ich sein Deutschland-Buch in einem Anfall von Fressgier verschlungen habe, habe ich mir über diverse Online-Antiquariate nun sämtliche Bücher Fernaus besorgt. Dazu noch seine Biografie – verlegt von, bitte anschnallen, Götz Kubitschek. Ich befinde mich also in einem literarischen Wurmloch. Sollten Sie binnen vier Wochen kein Lebenszeichen von mir haben, bitte ich darum, Suchtrupps nach mir auszusenden.
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