Feuilleton

Der Fall Collini: Das Ziel ist, die Wahrheit zu verstehen

Der Täter ist bekannt: Der Jurist und Schriftsteller Ferdinand von Schirach auf der Spur nach dem Verbrechen. Von Gerhild Heyder

Der angesehene Industrielle Jean-Baptiste Meyer, 85 Jahre alt, wird in einem Berliner Luxushotel ermordet. Die äußerst brutale Vorgehensweise kommt einer Hinrichtung gleich. Der Täter, ein seit 35 Jahren in Deutschland lebender unbescholtener Italiener namens Fabrizio Collini, ruft selber die Polizei und lässt sich widerstandslos festnehmen. Er gesteht den Mord, und dann schweigt er. Kein Wort zum Motiv oder zum Hintergrund der Tat, keine Erklärung zu einer Verbindung mit dem Toten.

Der junge Pflichtverteidiger Caspar Leinen bekommt seinen ersten großen Fall zugewiesen und freut sich auf die Karrierechance, bis er erfährt, um wen es sich bei dem Mordopfer handelt: um den Großvater seines verstorbenen Jugendfreundes, den Caspar Leinen als Hans Meyer kannte und den er als warmherzigen, fürsorglichen Mann in Erinnerung hat.

Dennoch gibt er die Verteidigung nicht ab, er will verstehen, was den Täter zu dem Mord getrieben hat. Doch wie verteidigt man einen Menschen, der nicht verteidigt werden will? Der sich weigert, mit seinem Anwalt zu sprechen? Caspar Leinen macht sich auf die Suche. Und was er nach monatelangen Recherchen findet, führt zurück in eines der dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte: in die Barbarei des Nationalsozialismus.

Ferdinand von Schirach hat nach den beiden Erzählbänden „Verbrechen“ und „Schuld“ seinen ersten Roman geschrieben, einen Kriminalroman, der vom üblichen Muster abweicht: Der Täter steht von Anfang an fest, es geht nicht darum, den Schuldigen zu finden und seiner gerechten Strafe zuzuführen. Es geht, wie in den auf wahren Begebenheiten beruhenden Erzählungen, darum, zu verstehen.

Und darum geht es auch dem Autor, der weder als Strafverteidiger noch als Schriftsteller die Tat verteidigen oder gar rechtfertigen will. Er will den Menschen verteidigen: „Der Staatsanwalt klagt an, der Richter richtet, der Verteidiger verteidigt – jeder muss tun, was das Gesetz für ihn vorsieht. Darin zeigt sich die Qualität eines Rechtsstaats. Oft sind es ganz normale Menschen, die schreckliche Dinge tun. Sie fallen aus dem Rahmen, sie straucheln. Aber es bleiben immer Menschen.“ (Ferdinand von Schirach in einem Interview)

Möglicherweise spielt dann doch die familiäre Disposition des Autors eine Rolle, obwohl er derartige Vermutungen bisher immer abgewehrt hat. Der Enkel des Reichsjugendführers und Statthalters in Wien, Baldur von Schirach, beschäftigt sich im „Fall Collini“ mit den Grausamkeiten des Naziregimes. Der ermordete Industrielle im Roman war eine Art Großvater für den jungen Anwalt Caspar Leinen. Und der selbstgestellte Anspruch, Täter verstehen zu wollen, gilt natürlich auch in diesem Fall nicht nur für den Mörder Fabrizio Collini, sondern ebenso für jenen Verbrecher.

Mit der Figur des geständigen Mörders, der keinerlei Interesse daran hat, die Motive seiner Tat kundzutun und mit der Figur seines Anwalts, der, entgegen den Wünschen seines Mandanten, intensiv nach den psychologischen oder wie auch immer gearteten Hintergründen der Tat forscht, lässt von Schirach gewissermaßen zwei Rechtsauffassungen aufeinanderprallen, wie sie verschiedener kaum sein könnten. Dass er damit zugleich auf gesellschaftsordnungsbedingte unterschiedliche Rechtsauffassungen hinweisen möchte – man denke dabei ruhig an das perverse „Gesinnungsrecht“ in braunen und roten Diktaturen – mag auch biographisch begründet sein.

Es versteht sich, dass der Roman aus der Erfahrungswelt des Autors gewachsen ist, die wir schon in den Erzählungen kennen lernen konnten. Es zeigt sich aber auch, dass die große Begabung von Schirach zur poetischen und gleichzeitig kühl distanzierten Einfühlsamkeit in den Miniaturen nicht so ohne Weiteres auf das Genre Roman zu übertragen ist. Und doch gelingt Ferdinand von Schirach im „Fall Collini“ wieder etwas Großartiges: die Vermittlung seines Credos, des unbedingten Glaubens an Recht und Gewissen und den Einsatz für den geschundenen Menschen.

„Wir sind wohl alle für das geschaffen, was wir tun.“ (Ernest Hemingway)

Ferdinand von Schirach: Der Fall Collini
Piper Verlag, München 2011, 208 Seiten, EUR 16,99

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