Paris

Pariser Hôtel de la Marine: Ein Haus voll Luxus

Im Pariser Hôtel de la Marine wird Geschichtsunterricht zur vergnüglichen Zeitreise.
Admiralssalon des Pariser Hôtel de la Marine
Foto: Hôtel de la Marine | Auch ohne Menuett ein Erlebnis ist der Admiralssalon, von dem aus man zur Loggia gelangt.

Paris ist auch im Winter eine Klassenfahrt wert. Wer sich die Wucherpreise in Versailles sparen will, kann Schülern das achtzehnte Jahrhundert allerdings auch didaktisch geschickt aufbereitet mitten in der Stadt näherbringen. Seit dem vorigen Jahr ist ein geschichtsträchtiges Herzstück des französischen Savoir-vivre der Öffentlichkeit zugänglich: Das Hôtel de la Marine an der Place de la Concorde.

In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts wohnte hier der königliche Inneneinrichter, der Intendant der Garde-Meuble de la Couronne. Er verwahrte Mobiliar, Bücher und Kostbarkeiten aller Art für die Bourbonenkönige und sorgte für Reparaturen. Später diente das Gebäude als Marineministerium. Auch Waffen gehörten zum Bestand des Hauses, dessen Bau der Hofarchitekt Ludwig XV., Ange-Jacques Gabriel (1698–1782), im Zug der Neugestaltung der Pariser Innenstadt in den 1760er Jahren dem Zeitgeschmack entsprechend pompös gestaltete. Die monumentale Fassade mit der säulenverzierten Loggia spiegelt das Repräsentationsbedürfnis der Monarchie.

Raum für Raum steigert sich die Pracht

Man betritt das Gebäude über einen lichtdurchfluteten Innenhof, dessen futuristisch anmutendes Sonnendach aus Metalllamellen einen interessanten Kontrast zur sandfarbenen Fassade bildet. Der einstige Hausherr, Monsieur Pierre-Élisabeth de Fontanieu war der erste seines Ranges, der hier residierte. Via Kopfhörer wird der Besucher durch das Haus geführt und mit fiktiven Gesprächsszenen überrascht. Über die große Freitreppe geht es an einem wie zarte Spitze gearbeiteten schmiedeeisernen Geländer entlang hinauf ins spartanische Vorzimmer des Intendanten der Garde-Meuble de la Couronne. Bücher und schlichtes Mobiliar vermitteln ein geschäftsmäßiges Ambiente. Arbeit und Familienleben fanden unter demselben Dach statt. Der Garde-Meuble lebte und arbeitete stilbewusst: Raum für Raum steigert sich die Pracht und lässt das Statusdenken einer Zeit, in der man Gäste ihrem gesellschaftlichen Rang gemäß zu beeindrucken wusste, durchblicken. Vom Schreibtisch mit aufwändiger Intarsienarbeit bis zum seidenen Alkoven und edlen Wandtapeten und -teppichen darf sich das Auge an eleganten Interieurs weiden. Das Speisezimmer wirkt, als sei die Tischgesellschaft erst wenige Minuten zuvor von der üppigen Tafel aufgebrochen. Während sich die über Kopfhörer eingespielten Bediensteten lautstark über die Reste des herrschaftlichen Menüs hermachen, lernt der Besucher den Alltag des Hausherrn kennen.

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Der Intendant war alles andere als ein Hofschranze, sondern leitete eine kommerzielle Schnittstelle der Monarchie. Er kam mit Handwerkern und Händlern aus ganz Europa ins Geschäft und informierte sich über technische und modische Trends. An Personal und Arbeitskraft sparte die französische Krone nicht und pflegte auch wissenschaftliche Interessen. Bücher galten zu jener Zeit noch als Kostbarkeit und wurden in gläsernen Vitrinen hinter Vorhängen lichtgeschützt aufbewahrt.

Sehenswerte Salons

Sehenswert sind die Salons: Im Diplomatensalon befindet sich noch der Schreibtisch, an dem 1848 das Dekret zur Abschaffung der Sklaverei unterzeichnet wurde; der Admiralssalon war balltauglich. Tanzspiegel sollten jeden Wiegeschritt reflektieren und den Raum mit schwebender Grazie erfüllen. Heute erinnern sie den Besucher daran, dass die Funktionskleidung des 21. Jahrhunderts nicht überall angemessen ist.

Auf dem Weg zum Ehrensalon und dem Gang durch die Goldene Galerie ist man schon so in die Atmosphäre des Hauses eingetaucht, dass man im Raum nebenan Damen mit gepuderter Perücke und Krinolinenrock vermutet, die an heißer Schokolade oder wahlweise am Champagner nippen.

Wie sich die Stadt Paris Mitte des achtzehnten Jahrhunderts architektonisch veränderte und welche Auswirkungen der Lauf der Geschichte auf das Gebäude hatte, wird auf überdimensionalen Monitoren detailliert dokumentiert. Wie ein digitales Puppenhaus zeigen die Darstellungen den Grundriss des Gebäudes und das Geschehen in den einzelnen Räumen. Die Baupläne des Hofarchitekten fügten sich keineswegs reibungslos in das königliche Finanzbudget ein, doch das Ergebnis beeindruckt auch mehr als 250 Jahre später noch. Weder die Französische Revolution noch die Pariser Kommune und die deutsche Besatzung änderten daran etwas, wenngleich das Hôtel de la Marine bei der Plünderung des Hauses bis 1792 seine Juwelenbestände einbüßte. Binnen Stunden wurden 9000 Kostbarkeiten weggeschafft. Im Juli 1789 erbeutete die aufgebrachte Pariser Bevölkerung hier die Waffen für die Erstürmung der Bastille. Gleichwohl stammen über neunzig Prozent des Fensterbestandes noch original aus dem 18. Jahrhundert.

Blick auf den Eiffelturm

Von der Loggia aus mit den scheinbar freischwebenden Säulen hat man einen wunderbaren Blick auf den Eiffelturm und die Place de la Concorde. Der Besucher darf hier ungestört flanieren und die Wintersonne genießen. Der Sinn des französischen Wortes „bel étage“ erschließt sich beim Blick über das Pariser Stadtpanorama in vollem Umfang. Ein technischer Clou der Dauerausstellung ist die „Table des Marins“, eine interaktive runde Tischplatte, auf der die Expeditionsreisen französischer Wissenschaftler im Schnelldurchlauf nachgezeichnet werden. Auf der digitalen Weltkugel sind Seerouten und Schiffe samt Besatzungen auf Knopfdruck abrufbar. Ausdauernde Besucher werfen noch einen Blick in die Ausstellung Al Thani, die eine Mayamaske, einen Pharaonenkopf und eine Trinkschale eines Mongolenherrschers des 17. Jahrhunderts neben vielen weiteren Trophäen französischen Mäzenatentums bietet. Schon der Gang durch die mit goldschimmernd durchwirkten Leuchtfäden durchzogenen verdunkelten Ausstellungsräume ist ein optisches Erlebnis.

Stilgerecht endet der Ausflug im Café Lapérouse im Erdgeschoss. Seit der Limonadenhersteller des Königs es 1766 eröffnete, gehört es zu den feinen Adressen der Pariser Gastronomie. Heute ist es sieben Tage die Woche offen und stets überfüllt. Ob man innen auf seidenbespannten Rokokostühlchen Platz nimmt oder draußen tafelt ist Geschmackssache. In jedem Fall inspiriert das Café, in dem sich einst „tout Paris“ traf. Die Komponisten Hector Berlioz (1803–69) und Jacques Offenbach (1819–80) weilten hier ebenso wie die Schauspielerin Sarah Bernhardt (1844-1923) und der Dichter Honoré de Balzac (1799-1850). Wer das alte Café Pérouse sehen will, schaue sich Woody Allens „Midnight in Paris“ an.

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