Muslime

Das Imamseminar ist erfolgreich

Wie Muslime in Osnabrück mit staatlicher Förderung neue Wege gehen.
Männer beim Gebet
Foto: KNA | Muslime knien beim Gebet auf Gebetsteppichen in den Räumen des Islamkollegs Deutschland in Osnabrück.

Wenn ein Katholik in Deutschland Priester werden will, ist der Weg klar vorgezeichnet. An erster Stelle steht das Theologiestudium an einer staatlichen Universität, gefolgt von der spezifisch auf den Dienst in der Gemeinde vorbereitenden Ausbildung im Priesterseminar. Dass die gesamte Ausbildung in deutscher Sprache erfolgt, ist keine Frage. Priester aus anderen Ländern, die bei uns ihren Dienst ausüben werden, erhalten spezielle Deutschkurse, um einen erfolgreichen Einsatz in der Gemeinde zu gewährleisten.

Für Muslime gibt es seit der Eröffnung des neuen Islamkollegs in Osnabrück im Juni vergangenen Jahres ein ähnliches Angebot. Wer sich hier zur Ausbildung anmeldet, hat bereits in Deutschland oder in seinem Herkunftsland ein islamisches Theologiestudium absolviert und möchte sich nun konkret darauf vorbereiten, in einer Moschee als Imam oder Seelsorgerin tätig zu werden. Dass der Unterricht am Islamkolleg Deutschland (IKD) in deutscher Sprache stattfindet, erscheint selbstverständlich, ist es aber nicht.

Nicht alle Frauen wollen hier Imame werden

Denn die analogen Ausbildungen, die die größeren islamischen Verbände wie die türkische Ditib, der Verband der islamischen Kulturzentren und die Gemeinschaft Milli Görus anbieten, setzt keine Deutschkenntnisse voraus und geht im Ergebnis auch nicht davon aus, dass Seelsorge und Predigt in den Moscheen auf Deutsch stattfinden. Für Esnaf Begic, den Leiter des Islamkollegs Deutschland ist gerade der deutschsprachige Unterschied ein großer Vorteil des neuen Islamkollegs, an dem nur der Koran auf Arabisch gelesen wird. „Die jüngeren Muslime sprechen viel besser Deutsch als ihre vermeintlichen Muttersprachen wie Türkisch, Bosnisch oder Arabisch“, betont der Theologe. Er spricht aus Erfahrung, denn er ist selbst vor 30 Jahren aus Bosnien Herzegowina eingewandert und war lange im Ruhrgebiet als Imam tätig.

 

Natürlich soll die Imamausbildung auf Deutsch auch die Integration der muslimischen Gemeinden fördern. „Eine Interaktion mit der deutschen Gesellschaft ist notwendig. Dafür ist die Sprache das Hauptwerkzeug“, so Begic. Deutschsprachiger Unterricht und die Tatsache, dass die Unterrichtsinhalte mit den hiesigen Wertvorstellungen im Einklang sind, war zugleich auch die Voraussetzung dafür, dass der Unterricht am Islamkolleg Deutschland mit staatlicher Förderung stattfinden kann. Zugleich legte das Bundesinnenministerium und das Land Niedersachsen, die dem Kolleg eine Anschubfinanzierung von 5,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt haben, Wert darauf, dass am Kolleg verbandsübergreifend gearbeitet wird. Träger sind deshalb der Zentralrat der Muslime in Deutschland sowie vier weitere, kleinere inländische Islamverbände: Das Bündnis Malikitische Gemeinde, die islamische Gemeinschaft der Bosniaken, der Zentralrat der Marokkaner und der Landesverband der Muslime in Niedersachsen.

Ähnlicher Ausbildungsweg

In seiner Struktur ist der Ausbildungsweg dem eines Priesteramtskandidaten auf katholischer oder eines Pfarramtsanwärters auf evangelischer Seite vergleichbar. Die zweijährige Ausbildung der muslimischen Theologen findet an Wochenenden statt und hat vor allem die praktischen Aspekte des künftigen Dienstes im Blick. Der Ausbildungsplan umfasst daher die Module Predigtlehre, Koranrezitation und Seelsorge, aber auch politische Bildung und soziale Arbeit. Dass von den 65 Personen, die den ersten Ausbildungsjahrgang bilden, 20 Frauen sind, ist ein Novum in der Islamausbildung. Ob sie tatsächlich in den Moscheegemeinden zum Einsatz kommen werden, hängt von deren Ausrichtung ab. Aber nicht alle Frauen, die am Islamkolleg Deutschland studieren, streben den Imamberuf an. Manche von ihnen nehmen ebenso wie einige der männlichen Absolventen an der Seelsorgeausbildung teil, um später in Gefängnissen oder Krankenhäusern tätig zu werden. Neben dem Absolvieren des gesamten Studienprogramms ist es auch möglich, einzelne Module zu belegen. Und auch im Hinblick auf das Unterrichtsformat ist das Angebot des Islamkollegs Deutschland höchst flexibel. Denn am Unterricht kann man sowohl vor Ort als auch per Videoschalte teilnehmen.

Vielleicht geht vom Seminar ein starkes Signal aus

Das Beispiel von Belal Almobayd zeigt, dass dieses staatlich geförderte Kolleg auch eine große Chance für die Integration von Muslimen in Deutschland bildet. Denn der 42-jährige Syrer, der vor sechs Jahren nach Deutschland kam, hat in seiner Heimat als Religionslehrer gearbeitet, konnte in Deutschland aber bislang keine Anstellung finden. Die Möglichkeit, als studierter muslimischer Theologe mit seelsorglicher Zusatzausbildung als Imam tätig zu werden, eröffnet für ihn also eine wegweisende Perspektive. Allerdings mahnt Kollegleiter Begic hier weitere staatliche Unterstützung an. Denn noch seien die Chancen für Imame, egal ob Männer und Frauen, wie er im Blick auf seine Studenten hinzufügt, noch keineswegs vielversprechend. Begic sieht hier auch die Politik in der Pflicht, denn man könne nicht einerseits und aus seiner Sicht zu recht fordern, dass es der Integration abträglich sei, wenn Imame immer wieder neu aus dem Ausland geholt würden, dann aber nichts tun, um eine deutschsprachige Infrastruktur im Hinblick auf das Imanat aufzubauen.

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Die Politik muss, so Begic, „die Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Gemeinden die Imame finanzieren können und etwa die islamischen Verbände als Körperschaften öffentlichen Rechts anerkennen.“ Dass hier noch viel Kommunikationsarbeit zu leisten sein wird – denn diese Anerkennung wird ja auch deshalb nicht erteilt, weil Unklarheit über die Anerkennung des demokratischen Wertesystems herrscht, ist offenkundig. Die Förderung des Islamkollegs Deutschland ist aber definitiv ein Schritt in die richtige Richtung, denn wer auf Deutsch predigt und Seelsorge treibt, wird in seinem Umfeld verstanden und kann so einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, dass Muslime ihren Glauben in Deutschland leben können.

Zahlreiche Anmeldungen für das Imamkolleg

Für das nächste Ausbildungsjahr des Islamkollegs Deutschland liegen bereits zahlreiche Anmeldungen vor. Und auch die Erweiterung des Kreises der Träger um weitere Verbände, sowie eine Zusammenarbeit mit den Ausbildungseinrichtungen der größeren Islamverbände kann Begic sich vorstellen. Es kommt also langsam aber sicher Bewegung in die Imamausbidlung hierzulande. Vielleicht kann von ihr, die offenkundig einen starken Akzent auf die Glaubensverkündigung legt, sogar ein das geistliche Leben belebendes Signal auf die christlichen Ausbildungsstätten ausgehen. Denn hier herrscht gegenwärtig eher ein gegenläufiger, die spezifischen Glaubensinhalte verwischender Trend vor.

Als konkretes Beispiel hierfür kann der geplante „gemeinsam verantwortete christliche Religionsunterricht“ der evangelischen Kirchen und katholischen Bistümer in Niedersachsen gelten, gegen den der Verein katholischer deutscher Lehrerinnen jüngst in einer kritischen Stellungnahme protestierte. Grund für die Kritik, die Monika Born für den Bundesvorstand des Vereins katholischer deutscher Lehrerinnen (VkdL), formulierte ist nicht nur der zu erwartende Verlust an Glaubenswissen und konfessioneller Identität, sondern auch das gänzlich mangelhafte Kommunikationsverhalten der Bistümer gegenüber den katholischen Lehrerinnen, die von den neuen, ihr ureigendstes Berufsfeld und ihren Verkündigungsdienst betreffenden Änderungen nicht persönlich von den Bistümern informiert wurden, sondern davon vielmehr aus der Presse erfuhren.

 

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