Gelungene Lehre

Wie Schulkinder wieder Freude am Lernen entdecken

Schule kann Freude bereiten aber sie kann auch zu massiven Frustrationen auf allen Seiten führen. Wie Schulkinder wieder Freude am Lernen entdecken könnten.
Singende und tanzende Schüler
Foto: IMAGO / Rupert Oberhäuser | „Gewinne ihre Herzen, und du kannst mit ihnen tanzen.“ Grundschüler in Bochum haben Spaß bei einem Gesangsfestival.

Bis vor 22 Jahren war die Welt noch in Ordnung“, bemerkt die Diplom-Pädagogin, Sachbuchautorin und Vortragsrednerin Jutta Wimmer zu Beginn ihres Online-Vortrags „Lernfrust Ade!“ über den Umgang mit Motivationsproblemen und schlechten Noten vor über 200 Eltern und Lehrern aus der ganzen Bundesrepublik. Damals kam ihr Sohn in die Schule, und so manche Illusionen der erfahrenen Lehrerin und Dozentin für Pädagogik und Psychologie zerschellten auf dem „Steinboden der Realität“. In Jahrelanger Arbeit entwickelte Wimmer, gestützt auf Erfahrungen aus ihrer eigenen Schulkarriere, als Mutter, Lehrerin und Dozentin sowie Lerncoach und Beraterin von Eltern das Konzept von den 10 größten Lernlustkillern.

„Weiters nehmen auch ineffektive Lernmethoden,
unzureichende Hirn-Nahrung und falsche Gehirn-Pflege
Kindern auf Dauer die Freude am Lernen, ebenso das Gefühl der Fremdbestimmun“

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Über Online-Vorträge, ein 2021 aktualisiertes Buch mit dem Titel „So macht Schule wieder Spaß“ und einen Online-Kurs, der auf einer Plattform Videos für Eltern und Kinder anbietet, vermittelt Wimmer anhand von exemplarischen Beispielen, schulischen Hintergrundinformationen und wissenschaftlichen Untersuchungen, wie Kinder wieder mehr Freude am Lernen gewinnen und was Eltern und Lehrer dafür tun können. Ihre Erkenntnisse betrachtet Wimmer nicht als Allheilmittel für eine vielfach verfahrene Situation, die sich nach ihren Beobachtungen durch die Corona-Pandemie verstärkt und potenziert hat, sondern als Ideen-Buffet aus Denkansätzen und praktischen Tipps, erklärt sie in ihrem Buch.

Unter den ratsuchenden Eltern beobachtet die Expertin für Lernprozesse zwei Gruppen: während die einen Kinder an Schule generell uninteressiert scheinen und ihre Hausaufgaben ständig aufschieben, lernen andere zwar fleißig, erhalten aber trotzdem schlechte Noten und sind dementsprechend frustriert bis hin zu offener oder latenter Suizidgefährdung. Oft tappen Eltern dann in zwei typische Fallen, so Wimmer. Zum einen schieben sie ihr Kind an, ohne sich vorher ein klares Bild zu machen. Das sei genauso wenig hilfreich, wie wenn ein Arzt bei einem Patienten mit unklaren Bauchschmerzen unter Verzicht auf eine klare Diagnostik undifferenziert verschiedene Behandlungsansätze anwende. Zum anderen suchen Eltern die Ursachen an der falschen Stelle, wenn sie dem Kind etwa vorwerfen, es bemühe sich zu wenig, sei stets zerstreut oder einfach nicht so intelligent.

Freude sollte kein Luxus beim Lernen sein

„Die Lernlustkiller liegen wie Steine auf dem Weg der Kinder“, beschreibt Wimmer anschaulich, und lädt die Teilnehmer dazu ein, sie mit Besen oder Bagger zu entfernen. Begleitblätter zum Festhalten der persönlichen Aha-Momente und Erstellen einer auf das eigene Kind bezogenen Bestandsaufnahme helfen den Interessierten vor den Bildschirmen, konkrete Impulse des geschickt illustrierten Online-Vortrags mitzunehmen.

Als Lernlustkiller Nr. 1 macht Wimmer überfrachtete Lehr- und Lernpläne aus. „Es ist alles so viel, ich schaff das nicht bis morgen“, nennt sie als typische Aussage von Schülern ab der 4. Klasse. In vielen Familien sei es das neue Normal, dass Eltern am Nachmittag erst sanft motivieren, dann massiv anschieben, drängen und befehlen, und schließlich drohen oder schimpfen. Die Kinder seien mit dem einen Thema noch nicht richtig fertig, da komme schon das nächste. Das Gefühl, das in den Kindern dabei entsteht, vergleicht Wimmer mit offenen Schubladen. „Unser Gehirn hasst offene Schubladen – das kostet viel Energie. Offene Schubladen sind wie eine Bremse, sie schwächen.“

 

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Der fehlende Sinn beim Lernen ist der zweite Lernlustkiller. Das Kind frage stets nach der Relevanz, und wenn es keine befriedigende Antwort erhalte, fehle es an Motivation. Fluchtprogramme setzen ein, die die Motivation ersetzen sollen: Verweigerung, Lustlosigkeit, Resignation, Wut und Zorn. Ein ermüdender und konfliktbehafteter „Motivationszirkus“ beginne, wenn Eltern versuchen, ihre Kinder gegen deren inneren Willen zur Erledigung der Aufgaben zu bewegen.

Häufig finden Kinder das Lernen aber einfach langweilig. Eltern appellieren dann stark an den Willen des Kindes. Die Willenskraft als begrenzte Ressource ist jedoch schnell erschöpft, wenn das Kind frustriert ist, weiß Wimmer. „Spaß und Freude ist kein Luxus beim Lernen, sondern eine der wichtigsten Voraussetzungen“, betont sie daher. „Es ist wichtig, dass in der Schule die Stimmung gut ist!“ Lernen sei um so effektiver, je mehr die emotionalen Zentren im Gehirn beteiligt seien.

„Tiefe Einblicke in die Gefühle unserer Kinder“

Ein weiterer Lernlustkiller ist die Angst vor schlechten Noten. Schüler fürchten sich davor, geschimpft zu werden, sich zu blamieren und die Eltern zu enttäuschen. „In der Grundschule ist die Schulseele noch nicht abgehärtet, es trifft die Kinder, sie sind diese Note“, schildert Wimmer. Manche Kinder resignieren, und in Lernblockaden, Versagensängsten und Blackouts zeigt sich ihr inneres negatives Selbstbild. Reagieren Eltern wütend auf die äußere Faulheit, ohne den inneren Schmerz des Kindes wahrzunehmen, so dass das Kind die unter Ärger und Ohnmacht der Eltern verschüttete Liebe nicht mehr fühlt, reden Eltern und Kinder schließlich aneinander vorbei. Für diese Situation ermutigt die erfahrene Beraterin, Eltern sollten überlegen, ob ihr Ärger vielleicht in Wirklichkeit schon uralt sei. „Kinder bringen uns an Punkte, die in uns unerlöst sind“, gibt sie den Eltern mit auf den Weg. „Ein Ansatz ist es, tiefer zu schauen. Und viele Probleme, die wir mit den Kindern an der Oberfläche bearbeiten, lösen sich.“

Insgesamt gehe es darum, alles zu tun, damit Kinder mit mehr Erfolgserlebnissen von der Schule nach Hause gingen. Wimmer sieht darin eine große Herausforderung für die Bildungspolitik.

Bedrohter Selbstwert durch Lernfrust

 

 

Ein weiterer Lernlustkiller ist der bedrohte Selbstwert. Bei Sätzen wie „Für Mathe bin ich einfach zu blöd“ sollten Eltern aufhorchen. Im Gehirn des Kindes erfolge durch zu viel Adrenalin eine Transmitterblockade an den Synapsen, Informationen über Reize würden nicht weitergeleitet. Ihrem Publikum legt Wimmer ans Herz, dass Kinder manchmal nur einen einzigen Menschen auf der Welt bräuchten, der bedingungslos an sie glaube.

Auch die Beziehung zum Lehrer ist entscheidend für den Lernerfolg. Kinder lernen über die Bindung, betont Wimmer. Gerade in der Corona-Pandemie sei dies ein großes Problem gewesen. Anhand eines schwedischen Experiments aus dem Jahr 2010 verdeutlicht die Referentin den starken Einfluss von Bindung. Eine der leistungsschwächsten Klassen des ganzen Landes, die Klasse 9a der Johannesskolan in Malmö, erhielt einen der besten Mathematiklehrer. Innerhalb von sechs Monaten wurde aus der Problemklasse eine Vorzeigeklasse. Nach dem Erfolgsgeheimnis gefragt, antwortete der Lehrer: „Gewinne ihre Herzen, und du kannst mit ihnen tanzen.“

Weiters nehmen auch ineffektive Lernmethoden, unzureichende Hirn-Nahrung und falsche Gehirn-Pflege Kindern auf Dauer die Freude am Lernen, ebenso das Gefühl der Fremdbestimmung.

Kurztipps im Online-Vortrag

Zum Abschluss nennt die engagierte Rednerin, die auch regelmäßig kabarettistisch auftritt, einige sofort umsetzbare Tipps. Das „Mini-Max-Prinzip“ etwa helfe, sich zu überwinden. Hier wird zehn Minuten lang mit vollem Elan gearbeitet. Oft komme man erstaunlich weit, und die Motivation steige. Die Methode „Quicky-Shitty-Draft“ könne Kinder aus der Versagensangst und der Aufschieberitis herausbringen, indem sie einen Hausaufsatz über mehrere Tag hinweg bearbeiten. Durch mehrfaches Verbessern an den Folgetagen sei das nach einer Woche oft „phänomenal“.

Im Chat äußern sich die Teilnehmer zufrieden mit dem letztlich zweieinhalbstündigen Online-Vortrag. Sie bedanken sich für „die teils tiefen Einblicke in die Gefühle unserer Kinder“ und den „sehr empathischen Vortrag“ mit seinem „wertschätzenden und optimistischen Blick“ auf die Kinder, den sie als kurzweilig, informativ und lebendig empfunden haben. Sie hätten einen „anderen Blickwinkel“ sowie Impulse zum Nachdenken und Nachmachen erhalten.

Wenn sich nun alle Beteiligten motiviert auf die Suche nach den typischen Lernlustkillern machen, könnte aus dem allgegenwärtigen Lernfrust vieler Kinder tatsächlich wieder Lernlust werden und deutlich mehr Entspannung in die Familien einkehren.


Weitere Informationen zur Lernlust finden Sie auf der Homepage von Jutta Wimmer unter https://juttawimmer.com/   
oder per mail: lernlust@juttawimmer.com.

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Cornelia Huber

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