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Kardinal Sarah kritisiert europäische Migrationspolitik

Nach dem Flüchtlingsdrama im Ärmelkanal ruft Kardinal Robert Sarah dazu auf, Fluchtursachen zu bekämpfen und kein falsches Bild von Europa zu verbreiten.
Kardinal Robert Sarah verglich die Lage Europas mit einer „Selbstzerstörung“.
Foto: Stefano Spaziani (Spaziani) | Die Lage in Europa verglich Sarah, ehemaliger Präfekt der Vatikanischen Gottesdienstkongregation, mit einer „Selbstzerstörung“.

Der Kurienkardinal Robert Sarah hat sich in einem auf dem französischen Fernsehsender Europe 1 ausgestrahlten Interview kritisch zur europäischen Migrationspolitik geäußert. In dem am Donnerstag geführten Gespräch kam Sarah auf das Drama zurück, das sich kurz zuvor im Ärmelkanal abgespielt hatte, als mindestens 27 afrikanische Flüchtlinge ertranken. Aus diesem Anlass setzte er sich insbesondere mit der Flüchtlingsfrage auseinander.

Sarah: Man reagiert nicht energisch auf die Schleuser

„Meine Reaktion darauf ist Empörung“, so der in Guinea geborene und aufgewachsene Sarah. Dabei gebe es einen „dreifachen Verrat“: „Zunächst zieht man die jungen Menschen aus Afrika ab, die die Entwicklung ihres Landes und ihres Kontinents fördern könnten - die Intelligenzen und lebendigen Kräfte werden ihrem Land entrissen“. Der zweite Verrat bestehe darin, dass „man diesen jungen Menschen Europa als das Eldorado präsentiert, man sagt ihnen, sie werden hier alles, alles haben, obwohl das nicht stimmt“.

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Drittens reagiere man nicht „energisch“ auf die Schleuser, die von der „Naivität“ der Flüchtlinge profitierten „und sie auf hoher See sterben ließen. Man müsste das Übel an der Wurzel bekämpfen, das heißt, man müsste Europa so darstellen, wie es ist – eben auch mit seinen Schwierigkeiten“. Man dürfe die Menschen nicht ihren Ländern entreißen, „sie sind Faktoren für die Produktion und die Entwicklung ihres Landes“. Und man müsse „die Schleuser bestrafen, die diese Menschen ausnutzen“. 

Falsch verstandenes universelles Ideal der Nächstenliebe

Schon früher habe der Kardinal darauf hingewiesen, dass „das europäische multikulturelle Unternehmen ein falsch verstandenes universelles Ideal der Nächstenliebe ausnutzt“, zitierte die Journalistin Sonia Mabrouk, die das Interview mit Sarah führte, eine Passage aus einem seiner letzten Bücher („Le soir approche et déjà le jour baisse“). Sarah unterstrich diese Aussage, denn es sei falsch zu glauben, dass die Grenzen nicht existierten. Wichtig sei es, „Afrika zu helfen, sich vor Ort zu entwickeln und dafür zu sorgen, dass diese jungen Menschen Arbeit finden und im eigenen Land bleiben“. Man müsse ihnen sagen, dass sie „ihrem Land und ihrem Kontinent dienen“ sollen. Er selbst sei vor Jahren von seinem Bischöfe nach Frankreich gesandt worden, um dort Theologie zu studieren – anschließend aber wieder zurückgekehrt, um seinem Heimatland Guinea zu dienen. 

Die Lage in Europa verglich der ehemalige Präfekt der Vatikanischen Gottesdienstkongregation mit einer „Selbstzerstörung“. Es verhalte sich wie mit einem Baum: Wenn er seine Wurzeln verliere, sterbe er ab. Wenn man „einen Fluss von seiner Quelle trennt, wird er verschwinden“. Die Quelle des Abendlandes sei das Christentum: „Das Christentum hat das Abendland geformt – seine Kultur, die Kunst, seine Geschichte, seine Musik“. Wer keine Wurzeln habe, hat auch keine Zukunft. Wenn Europa so weitermache wie bisher, meint Sarah, „wird es von einer fremden Bevölkerung überschwemmt werden“. Die Gefahr des „Umkippens“ sei daher möglich. Zudem warf Sarah die Frage auf: „Welche Nation bewahrt nicht sorgfältig ihr Erbe?“ Seine Vorstellung sei, „dass jeder seine Wurzeln, seinen kulturellen und historischen Reichtum bewahrt und sie an seine Kinder und Enkel weitergibt“.  DT/ks

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