Ein faszinierender Bereich der aktuellen Neurophysiologie befasst sich mit der Erforschung der genauen Abläufe, die die Voraussetzung dafür sind, dass wir das Sprechen erlernen. Die ersten Lebensjahre sind von zentraler Bedeutung. In dieser Zeit durchläuft das menschliche Gehirn eine Phase hochaktiven Wachstums. Es werden Milliarden von Synapsen neu gebildet, dendritische Verzweigungen entstehen in beeindruckender Dichte.
Die Nervenfasern werden myelinisiert, das heißt sie erhalten eine Ummantelung, welche die Grundlage für die enorm hohe Nervenleitgeschwindigkeit von erstaunlichen bis zu 100 m/s bildet. Besonders aktiv sind die Stirn- und Schläfenbereiche, die frontotemporalen und temporoparietalen Regionen unseres Gehirns.
An den Synapsen, den Verbindungsstellen zwischen zwei Nervenzellen, fördern Neurotransmitter wie etwa Glutamat die komplizierten Lernprozesse, Dopamin verstärkt Motivation und Belohnung, und Acetylcholin schärft Aufmerksamkeit und Gedächtnis.
Zusammengenommen ermöglichen diese Hirnfunktionen die bis zum zweiten und dritten Lebensjahr rasant zunehmende Fähigkeit des Kindes, Ansprache zu verstehen und später eigenständige Artikulation zu entwickeln, eben reden zu können.
Dennoch: Sprache ist kein isoliertes, autonomes Produkt neuronaler Aktivität eines Kindes. Das Verständnis für Sprache entsteht dialogisch. Das Kind spricht, weil es angesprochen wird. Bindung und Zuwendung sind die Wiege der Sprache. Wo sie fehlen, kann Sprache nicht entstehen oder verkümmert wieder. Die Geschichte des Kaspar Hauser, diesem rätselhaften Findelkind, ist ein tragisches Beispiel für ein isoliert aufgewachsenes Kind, das ohne die frühe Ansprache aus seiner Umwelt sprachlos bleiben musste.
Sprache wird zum Instrument persönlicher Entfaltung
Im Erwachsenenalter stabilisieren sich die neuronalen Netzwerke. Die Myelinisierung erreicht ihr Maximum, Verarbeitungsgeschwindigkeit und Automatisierung nehmen zu. Sprachliche Abläufe laufen nun weitgehend unbewusst ab. Basalganglien im Hirnstamm und Kleinhirn sorgen für flüssige Artikulation. Der Mensch lernt reden. Zunehmend wird Sprache zum Instrument persönlicher Entfaltung. Der Erwachsene wird „beim Wort“ genommen. Worte haben Gewicht. Sie können gestalten, sowohl aufbauen wie auch zerstören. Worte können Vertrauen stiften oder Misstrauen säen.
Mit zunehmendem Alter verändert sich die Organisation des Gehirns erneut. Mit modernen bildgebenden Verfahren wie der funktionellen Kernspintomographie (MRT) oder der Positronen-Emissions-Tomographie (PET), lässt sich zeigen, dass ältere Menschen zuvor weniger genutzte Großhirnareale der rechten Hemisphäre zu rekrutieren verstehen und zunehmend in ihre Hirnfunktion einbeziehen können. So gewinnen beispielsweise altersspezifische Kontrollsysteme im Großhirn an Bedeutung.
Das Gehirn organisiert sich neu
Das Phänomen wird mit der Abkürzung HAROLD (Hemispheric Asymmetry Reduction in Older Adults) beschrieben. Neurobiologisch findet eine Umverteilung der Aktivität von sprachdominierten Netzwerken zu Integrations- und Aufmerksamkeitsarealen statt. Das Gehirn organisiert sich neu. Die Tendenz zur verstärkten nonverbalen Kommunikation nimmt im Alter zu. Der Mensch lernt Schweigen. Stille im Alter kann als Ausdrucksform einer speziellen zerebralen Konstellation in dieser Phase unseres Lebens verstanden werden.
Parallel zu den funktionellen Veränderungen im Gehirn vollziehen sich im Alter auch Anpassungen im sozialen Bereich. Mit dem Eintritt in den Ruhestand verliert der Alltag seinen gewohnten Takt. Berufliche Verantwortung wird abgegeben. Kinder gründen eigene Familien und nehmen den Eltern familiäre Verpflichtungen ab. Die Verwendung der Zeit verlagert sich zunehmend in den privaten Bereich.
Diese Konstellation kann im höchsten Maße befriedigend und befreiend, aber auch beunruhigend, neu und ungewohnt empfunden werden. Schweigen stand doch im bisherigen Leben selten auf dem Programm. In der Regel war man immer beschäftigt, hatte immer etwas zu tun, zu sagen. Vermehrt müssen Perioden der Stille, Zeiten ohne Verpflichtungen, ohne Publikum ins Leben integriert werden. Es eröffnen sich manche gänzlich unerwünschten Räume für bislang verdrängte Fragen.
Ungelöste Konflikte treten hervor. Um zu verdrängen, erscheint es verlockend, in alte Aktivitätsmuster zurückzufallen – weiterhin ständig beschäftigt zu sein, weiterhin immer etwas zu sagen zu haben. Die zuvor in der Hektik des Alltags immer so ersehnte Stille wird zur Belastung.
Der guineische Kurienkardinal Robert Sarah beschreibt in seinem Buch „Die Macht der Stille“, wie Stille häufig zunächst Leere auslöst, bedrohliche Leere, weil sie unverarbeitete Schuld aufdeckt. Dann aber eröffnet Stille vielversprechende neue Wege. Schweigen, so betont Sarah, sei keine Weltflucht. Vielmehr führe Stille zu zuvor ungeahnter Erkenntnis der Welt und auch zu sich selbst, letztlich zu neuer innerer Freiheit.
Die Heilige Schrift kennt die Macht des Wortes und die Kraft der Stille
Die Heilige Schrift kennt sowohl die Macht des Wortes als auch die Kraft der Stille. „Im Anfang war das Wort (Logos)“, heißt es im Johannesevangelium. Das Wort ist schöpferisch, ruft Wirklichkeit hervor. Sprache besitzt ontologische Kraft. Mit dem Wort entsteht die Welt. Doch Gott offenbart sich nicht nur im machtvollen Wort. Offenbarung kann sich leise im Hören vollziehen. Der Prophet Elija begegnet Gott nicht im Sturm, nicht im Erdbeben, nicht im Feuer, sondern im „leisen, sanften Säuseln“.
Als höchste Form der Erkenntnis erbittet sich König Salomo das „hörende Herz“. Papst Benedikt XVI. hat in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag im Jahr 2011 den Politikern und uns allen ein solch „hörendes Herz“ dringend anheimgestellt, die Fähigkeit, jenseits vom täglichen Lärm zur Ruhe zu kommen, auf sein Inneres, das Gewissen zu hören.
Schweigen ist keineswegs passiv. Stille entfaltet eine ganz eigene Kreativität. Kreativität ohne Erklärungsnot, ganz so wie das Spiel der Kinder. Zweckorientierung ist Kindern beim Spiel fremd. Zu jedem Zeitpunkt nehmen sie jeden Umstand, jeden Gegenstand zum Anlass intensiver spielerischer Aktivität. So sollte sie im Idealfall sein, die Stille des Alters: befreit von allen Verpflichtungen, offen für die Welt, für ihre Wunder und für die Mitmenschen.
Vielleicht ist das der Kreislauf, der die Lebensgeschichten von vielen auszeichnet: von der neugierigen, kreativen Expansion des Kindes über die wirksame Gestaltung des Erwachsenen bis zur integrativen Sammlung des Alters, frei von Leistungsdruck, offen für Begegnung, aufmerksam für das Unspektakuläre.
Unsere Zeit kennt viel Kommunikation. Sie produziert Worte in unendlicher Zahl. Vielleicht ist es an der Zeit, die Stille neu zu würdigen – nicht als Mangel, sondern als Voraussetzung von Erfüllung und Sinn. Stille besitzt eine eigene Kreativität. Schweigen ist nicht Rückzug aus dem Leben, nicht Resignation. Vielmehr eröffnet Schweigen neue Erkenntnis. Wir lernen erst reden. Aber dann sollten wir auch lernen, zu schweigen.
Der Autor (MD, PhD) ist emeritierter Professor, Internist, Gastroenterologe und Endokrinologe.
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