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Vatikan: KI „verführerischer“ als „herkömmliche Götzen“

Eine neue Note des Heiligen Stuhls widmet sich der künstlichen Intelligenz. Darin warnt der Vatikan vor Gefahren bis hin zum Überleben der Menschheit.
DeepSeek, ChatGPT
Foto: IMAGO/Andre M. Chang (www.imago-images.de) | Kampf der Künstlichen Intelligenzen: Mit "DeepSeek" holt China im Technologierennen auf.

Nur einen Tag, nachdem das aufsehenerregende chinesische KI-Startup „DeepSeek“ die Börsenkurse westlicher Technologiekonzerne auf Talfahrt geschickt hat, bringt der Vatikan ein neues Dokument zu Künstlicher Intelligenz (KI) heraus. In der gemeinsam erstellten Note „Antiqua et Nova“ warnen die Dikasterien für Glaubenslehre und für Kultur und Bildung vor einer Vergötterung von KI, und attestieren der Nutzung der neuen Technologie Vorteile – so ermutige die Kirche den Fortschritt auch in der Technik als „Mitwirken mit Gott an der Vervollkommnung der sichtbaren Schöpfung“ –, aber auch Gefahren.

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Dabei nimmt der Vatikan zunächst eine Definition vor: Das Wort Künstliche „Intelligenz“ sei irreführend, denn KI sei gar nicht „eine künstliche Form der Intelligenz“, sondern „eines ihrer Produkte“. Entscheidend sei, dass menschliche Intelligenz in Beziehungen ausgeübt werde, von Gott geformt sei und „durch eine Vielzahl von in der Körperlichkeit gelebten Erfahrungen geprägt“. Diese Aspekte fehlten der KI.

Überleben der Menschheit in Gefahr?

Hinsichtlich der mit KI verbundenen Risiken führt das Dokument aus, wie andere Produkte menschlichen Einfallsreichtums könne auch die KI positiven oder negativen Zwecken dienen. So kritisiert der Vatikan, dass „der Großteil der Macht über die wichtigsten Anwendungen der KI in den Händen einiger weniger mächtiger Unternehmen liegt“. Sie berge das Risiko, Diskriminierung, Armut, die „digitale Kluft“ und soziale Ungleichheiten zu verschärfen. Ein „ernster Anlass zu ethischer Besorgnis“ seien autonome Waffensysteme, die in der Lage sind, „Ziele ohne direktes menschliches Eingreifen zu identifizieren und zu treffen“, weshalb der Papst auch zuvor schon ein dringendes Verbot des Einsatzes solcher Waffen gefordert habe. Während der Papst, wie es in der offiziellen Zusammenfassung des Dokuments heißt, in derartigen Systemen eine „reale Bedrohung für das Überleben der Menschheit oder ganzer Regionen“ sehe, heißt es in der nun veröffentlichten Note, um zu verhindern, dass die Menschheit so in eine „Spirale der Selbstzerstörung“ gerate, sei es notwendig „gegen alle Anwendungen von Technologien Stellung zu beziehen, die das Leben und die Würde des Menschen an sich bedrohen“.

Doch auch unterhalb existenzieller Bedrohungsszenarien sieht der Vatikan Gefahren: Im Bereich der Medizin biete KI zwar enormes Potenzial, berge aber die Gefahr, „die Einsamkeit, die häufig mit Krankheiten einhergeht, noch zu verstärken“, wenn sie die Beziehung zwischen Arzt und Patent ersetze. Überhaupt könne KI zu „schädlicher Isolation“ der Menschen führen. Es sei „falsch“, KI-Programme als eine Person darzustellen, insbesondere in betrügerischer Absicht.

Deepfakes und Götzendienst

„Zutiefst unethisch“ sei auch der Einsatz zu Täuschungszwecken, etwa im Bereich der Sexualität – ein Bezug auf Video- und Bildgeneratoren, die auch in der Lage sind, täuschend echt wirkendes pornographisches Material real existierender Personen zu erstellen. Hinsichtlich der Gefahr der absichtlichen Verbreitung solcher und anderer unwahrer Inhalte, Bilder und Videos, sogenannter „Deepfakes“, laute der Appell, „den Wahrheitsgehalt“ der verbreiteten Inhalte zu überprüfen und zu vermeiden, „menschenunwürdige Worte und Bilder zu verbreiten“, etwa solche, „die Hass und Intoleranz schüren, die Schönheit und Intimität der menschlichen Sexualität entwerten und die Schwachen und Wehrlosen ausbeuten“.

Fake-Franziskus
Foto: Screenshot von reddit (r/midjourney) | Eines der berühmtesten Deepfakes überhaupt: Mit KI erstelltes Bild von Papst Franziskus in trendiger weißer Daunenjacke.

In der Bildung fürchtet der Vatikan einen negativen Einfluss auf die Entwicklung des kritischen Denkens. Viele Programme lieferten „lediglich Antworten“, statt die Schüler aufzufordern sie selbst zu finden. Hinsichtlich der menschlichen Gottesbeziehung hält die neue Note fest, dass KI „verführerischer“ als „herkömmliche Götzen“ sein könne. Denn Götzendienst sei es, „Gott durch ein Werk der eigenen Hände zu ersetzen“. Daher werde auch nicht „die KI wird vergöttert und angebetet, sondern der Mensch, der auf diese Weise zum Sklaven seiner eigenen Arbeit“ werde.

Als Fazit hält die Note fest: „KI sollte nur als ergänzendes Werkzeug zur menschlichen Intelligenz eingesetzt werden und nicht deren Reichtum ersetzen“. In einem Aspekt dürfte man im Vatikan allerdings aufatmen: In Bezug auf den Klimaschutz hält die Note fest, die derzeitigen KI-Modelle benötigten für die sie unterstützende Hardware „enorme Mengen an Energie und Wasser und tragen erheblich zu den CO2-Emissionen bei“. Diese Feststellung ist durch „DeepSeek“ zwar noch nicht gänzlich entkräftet, aber offensichtlich ist es den chinesischen Newcomern doch gelungen, die Anforderungen an Hardware deutlich zu reduzieren. (DT/jra)

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