Frankfurt

Synodaler Weg stimmt für Neubewertung der Homosexualität

Der Synodale Weg stellt die Lehre der Kirche zur Sexualität radikal infrage. Homosexualität soll kein Weihehindernis mehr sein.
Synodaler Weg will Neubewertung von Homosexualität
Foto: Maximilian von Lachner/Synodaler Weg | Der Handlungstext „Lehramtliche Aussagen zu ehelicher Liebe“wirft der aktuellen kirchlichen Lehre vor, durch eine detaillierte Normierung der Sexualität, insbesondere der ehelichen Fruchtbarkeit und ...

Für eine Änderung der katholischen Lehre zur menschlichen Sexualität hat sich am Samstag in Frankfurt die große Mehrheit der Synodenteilnehmer ausgesprochen. Konkret fordern die beiden in erster Lesung angenommenen Texte des Synodalen Wegs eine Änderung der Katechismus-Passagen über Homosexualität und Keuschheit, eheliche Fruchtbarkeit und Empfängnisverhütung. Beide Anträge, so betonte Weihbischof Herwig Gössl aus Bamberg als Mitglied der Antragskommission, richten sich direkt an den Papst, da sie die Lehre der gesamten Kirche betreffen.

Grundlage dieser Forderungen bildet die sogenannte Beziehungsethik, in der Sexualität nicht mehr an die liebende gegenseitige Hingabe und Offenheit für Kinder im Rahmen der Ehe zwischen Mann und Frau geknüpft ist. Sexualität sei stattdessen „mehrdimensional“ und verwirkliche im Rahmen einer Beziehung die verschiedenen Dimensionen der „der Fruchtbarkeit und der Lusterfahrung, der Beziehungsgestaltung, der Identitätsbildung sowie der Transzendenzerfahrung“, heißt es in dem Text. Ein sexueller Akt – etwa auch ein homosexueller Akt – sei daher nicht als „in sich schlecht zu beurteilen“, sondern sei immer nur insoweit zu bewerten, ob er der Beziehung nützt oder schadet.

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Der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke sieht in der den Texten zugrunde liegenden Anthropologie „einen Schnitt, einen Bruch mit der kirchlichen Lehre“. Die Synodalversammlung sehe sich einem anthropologischen Problem gegenüber, das einer weitergehenden Aussprache bedürfe, bevor über die Texte abgestimmt werden könne. Auch Dorothea Schmidt warnte davor, sich vom christlichen Selbstverständnis, sowie dem „Bild des Menschen, das uns in der Heiligen Schrift gegeben ist“, zu entfernen.

Gewissen gegen Kirchenlehre

Der Handlungstext „Lehramtliche Aussagen zu ehelicher Liebe“ wurde mit 169 Ja-Stimmen, 30 Nein-Stimmen und sechs Enthaltungen angenommen. Er wirft der aktuellen kirchlichen Lehre vor, durch eine detaillierte Normierung der Sexualität, insbesondere der ehelichen Fruchtbarkeit und Empfängnisverhütung, die Freiheit der Kinder Gottes zu gefährden. Es müsse den Eheleuten vorbehalten sein, neben der Wahl von Zeitpunkt und Anzahl der Kinder „in gegenseitiger Achtung und persönlicher Gewissensentscheidung“ auch die Methode der Familienplanung frei zu wählen.  

Während der Diskussion, die der Abstimmung vorausging, erinnerte der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer an die Bedeutung der Theologie des Leibes, die er persönlich als „befreiend und hilfreiche Orientierung“ für sein eigenes Leben erfahren habe und warb dafür, diese nicht sang- und klanglos zu entsorgen. Kardinal Reinhard Marx zeigte sich optimistisch, der Katechismus sei nicht der Koran und werde immer wieder geändert, etwa in der Frage der Todesstrafe. Im Gegensatz zur Frage der Todesstrafe, entgegnete ihm Bischof Voderholzer, handle es sich bei den geforderten Änderungen nicht um eine „Weiterentwicklung der Lehre, sondern einen Paradigmenwechsel“.

Homosexualität kein Weihehindernis

Homosexualität sei „ethisch grundsätzlich nicht anders zu beurteilen als jede andere sexuelle Orientierung“, heißt es im Handlungstext zur lehramtlichen Neubewertung von Homosexualität. 174 Synodalteilnehmer stimmten für den Text, 22 dagegen, sieben Personen enthielten sich. Eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft könne ebenfalls die Werte „Liebe, Treue, gegenseitige Verantwortung, Ausschließlichkeit und Dauerhaftigkeit sowie – im weiteren Sinne – Fruchtbarkeit“ leben. Auch für homosexuelle Menschen sei daher die „auch in sexuellen Akten verwirklichte“ Sexualität „keine Sünde, die von Gott trennt, und ist nicht als in sich schlecht zu beurteilen“. Homosexuelle Akte sollen daher, so der Text, aus der Liste der Hauptsünden gegen die Keuschheit gestrichen werden. Des Weiteren dürfe Homosexualität kein Hindernis mehr für die Übernahme von kirchlichen Ämtern und für die Priesterweihe sein. Der Text spricht sich ebenfalls deutlich gegen Konversionstherapien aus.

Die Philosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz wies darauf hin, dass die Humanwissenschaften, die so oft zitiert würden, um die Unveränderlichkeit der sexuellen Orientierung zu begründen, im Gegenteil nicht von einer genetischen, sondern einer soziokulturellen Prägung der sexuellen Orientierung ausgehen. Dass alle Menschen von Gott geschaffen seien, werde darüber hinaus von niemandem bestritten und habe daher keinen Argumentationswert. Von Gott geschaffen zu sein, schließe nicht die Veränderung sexueller Präferenzen aus. 

Der Passauer Bischof Stefan Oster warb für ein tieferes Verstehen der bestehenden Lehre der Kirche. Er erinnerte daran, die allertiefste Identität jedes Menschen sei es, „Kind des Vaters im Himmel zu sein“. Der Weg in die Kindschaft sei „der Weg mit und durch Christus, der uns in Gottes Vaterschaft zurückführt. Dieser Weg mit Christus zum Vater habe eine einende Kraft, die auch den Menschen ganz machen könne und die „verschiedenen Dimensionen der Sexualität auch zueinander integriert“.  DT/fha

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