Synodaler Weg

Nicht Weiterentwicklung, sondern Bruch

Die Lehre der Kirche begünstige den Missbrauch, behauptet ein Thesenpapier des Synodalen Wegs. Es missbraucht den Missbrauch, um mit dieser Lehre zu brechen.
Cranach Garten Eden
Foto: Gemäldegalerie Alte Meister Dresden | Lukas Cranach (1472 - 1553): Der Garten Eden. Aus seiner Gottesebenbildlichkeit erhält der Mensch seine Würde als Person.

Das Synodalforum IV trägt den Titel: „Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“. In der Präambel steht, dass die „Sexuallehre der Kirche“ den „normativen Hintergrund“ bildet, der Missbrauchstaten „offensichtlich begünstigen kann“. Es wird zwar auch gesagt, dass die Lehre der Kirche nicht unmittelbar ursächlich wäre, aber sie bilde den normativen Hintergrund dafür. Es wird als Faktum hingestellt, „dass kirchliche Sexualethik auch die Verbrechen des sexuellen Missbrauchs in der Kirche begünstigt hat“. Daraus wäre dann aber zu schließen: Wer die „klassische katholische Lehre“ vertritt, macht sich mitschuldig am sexuellen Missbrauch, oder zumindest verdächtig.

Es wird wohl niemand ernsthaft behaupten wollen, die Lehre der Kirche befürworte in irgendeiner Weise sexuellen Missbrauch auch nur ansatzweise. Das Problem ist nicht die Lehre der Kirche, sondern dass sich so viele nicht daran gehalten haben! Die Anerkennung von homosexuellen Beziehungen, Segnungen von Wiederverheiratet-Geschiedenen oder die Erlaubnis von Verhütungsmitteln würden keinen sexuellen Missbrauch verhindern. Doch der Missbrauch wird jetzt dazu instrumentalisiert, ganz andere Interessen durchzusetzen. Und damit tut man den Opfern keinen Gefallen!

Polyvalenz der menschlichen Sexualität

Die Grundlage für das Synodalforum IV bildet ein Vortrag des verstorbenen Moraltheologen Eberhard Schockenhoff, den er in Lingen im Rahmen der Bischofskonferenz am 13. März 2019 hielt. Der zentrale Begriff ist dabei „Beziehungsethik“. Diese neuere Strömung der Moraltheologie spricht sich für eine Polyvalenz der menschlichen Sexualität aus. Sie wendet sich damit gegen eine monovalente Vorstellung der Sexualität, die darin bestehen würde, dass Sexualität den einzigen Zweck in der Zeugung von Nachkommenschaft hätte, was angeblich die „lehramtliche Doktrin der katholischen Kirche“ sei.

Zudem wird betont, die Sexualität dürfe nicht allein auf den geschlechtlichen Akt begrenzt werden, sondern sei auf das ganze Leben des Menschen auszuweiten. Als Sinndimensionen benennt Schockenhoff die Identitätsfunktion, die Beziehungsfunktion, die Lustfunktion und die Fruchtbarkeitsdimension. Wer eine dieser Sinndimension auf das Ganze des Lebens bewusst ausschließe, könne das ganze Glück nicht erreichen. Allerdings müssten nicht alle Sinndimensionen bei jeder geschlechtlichen Handlung vorhanden sein, sondern könnten auch bewusst ausgeschlossen werden. Hier sind bereits erste Widersprüche zur klassischen Morallehre sichtbar, die besagt, dass eine Handlung als Ganzes erst dann gut ist, wenn alle ihre Bestandteile auch integer sind.

Lesen Sie auch:

Konrad Hilpert meint, die naturrechtlich begründete Sexualmoral, die ihren Fokus auf einzelne Handlungen legt, laufe Gefahr, das Ganze der Beziehung aus den Augen zu verlieren. Die Vertreter der Beziehungsethik plädieren häufig dafür, bei der Bewertung sexualmoralischer Fragen immer die Beziehung in den Fokus zu stellen. Jedoch wird auch dieses Moral-Modell nicht darum herum kommen, einzelne Handlungen zu bewerten. Denn es sind immer einzelne Handlungen, Aussagen oder Gesten, die das Zwischenmenschliche beeinflussen. Das Klima in einer Beziehung wird zwangsläufig Schaden nehmen, wenn die Mehrheit einzelner, konkreter Taten negativ geprägt ist. Daher werden konkrete Handlungen daran gemessen, ob sie der Beziehung als Ganze dienen und ob durch die einzelne Tat die Beziehung besser die verschiedenen Sinndimensionen erreichen kann.

Sexualmoral von der Beziehung her definieren

Es geht in der Beziehungsethik darum, die Sexualmoral von der Beziehung her zu definieren und nicht umgekehrt das bereits gefasste moralische Urteil über Sexualität und ihre Äußerungen als den Rahmen zu verstehen, von dem her Beziehungen als legitim oder illegitim, wünschenswert oder abzuweisen verstanden werden müssen, so Karl-Wilhelm Merks. Dann prägen „Tatsächlichkeit, Unausweichlichkeit, Verschiedenartigkeit, ihre Chancen und Zerbrechlichkeit“ die Ethik der Sexualität, indem sie der Beziehung einverleibt wird. Die Moralität des Sexuellen wird erst im Verhältnis zur Partnerschaft verstanden. Nicht mehr sexuelle Handlungen an sich können sittlich bewertet werden, sondern nur hinsichtlich ihrer Relation zur Beziehung.

Dadurch wird auch deutlich, dass ein Schuldhaft-Werden des einen gegenüber seinem Partner zwar durchaus auch als schmerzhaft empfunden wird. Da aber die Form der Beziehung einen viel flexibleren und dynamischeren Charakter hat, könne das Schuldhaft-Werden leichter als eine Chance oder Herausforderung für das Wachstum und Reifen der Beziehung aufgefasst werden. Denn die Beziehung unterliegt dann nicht mehr deduktiv abgeleiteten Gesetzmäßigkeiten; die Beziehungsethik möchte dazu beitragen, dass Beziehungen als etwas Lebendiges und Prozesshaftes (Hilpert) verstanden werden. In diesem Sinn sind Beziehungen der Raum, in dem Liebende miteinander agieren. Dabei spielt die Sexualität die Rolle eines Kommunikationsmittels. Die Moralität aller Handlungen innerhalb der Beziehung misst sich daran, wie diese zur Beziehung stehen. Handlungen, die die Qualität einer Beziehung fördern, sind als sittlich gut zu qualifizieren, ohne Rekurs auf die moralische Qualität einer Handlung an sich beziehungsweise die Natur der Handlung zu nehmen.

Die Beziehungsethik als Form der kirchlichen Sexualmoral ist darauf ausgerichtet, für alle Formen von Beziehungen zu sprechen, „unabhängig davon, unter dem Vorzeichen welcher sexuellen Orientierung sie gelebt werden“ (Schockenhoff). Weil sie daher auch für gleichgeschlechtliche Paare Verwendung finden will, wird eine Heraushebung der liebenden Ganzhingabe als spezifisches Charakteristikum, wie sie nur in einer Ehe zwischen Mann und Frau gegeben ist, abgelehnt. Stattdessen ist das Konzept der allgemeinen Freundschaft das verbindende Element, auf dem jede Form von Beziehung beruht. Die Folge dieser Verschiebung ist, dass Freundschaft als bindendes Element zwischen zwei Menschen nicht auf die sexuelle Orientierung der Partner zu schauen braucht. Der Unterschied dieser Ansicht zur christlich gelebten Ehe, die sicherlich auch die Freundschaft als bindendes Element in sich trägt, ist, dass sich die Freundschaft weiterentwickelt zur gegenseitigen liebenden Ganzhingabe.

Mensch darf nicht Mittel zu einem Ziel werden

Dem ist mit Karol Wojtyla zu entgegnen, dass jeder Mensch als moralisches Wesen Subjekt seiner eigenen Handlungen ist. Objekte dieser Handlungen können alle möglichen Dinge sein, auch Pflanzen, Tiere oder Ressourcen der Erde, denen gegenüber der Mensch verantwortlich und gerecht handeln muss. Bei diesen menschlichen Handlungen können aber auch andere Menschen das Objekt sein. Als Person, so Wojtyla, ist der Mensch ein denkendes Subjekt und fähig zur Selbstbestimmung. Weil es sich so verhält, ist jede Person von Natur aus fähig, ihre Ziele selbst zu bestimmen. Daraus ergibt sich, dass die Art und Weise, wie ein Mensch mit einem anderen Menschen umgeht, vereinbar sein muss mit seiner Würde als Person. Dinge hingegen dürfen als Mittel verwendet werden, um ein Ziel zu erreichen.

Bei Personen ist der Umgang in der Weise des Gebrauchens als Mittel zum Ziel nicht zulässig, weil es der Natur der Person widerspricht. Um diese Thematik näher erläutern zu können, vor allem auf dem Gebiet der Sexualmoral, unterscheidet Karol Wojtyla zwischen zwei verschiedenen Formen von „gebrauchen“. Im Allgemeinen bedeutet gebrauchen, ein Objekt der Handlung als Mittel zu jenem Zweck einzusetzen, den das wirkende Subjekt anstrebt. In der Weise, wie das Mittel dem Ziel untergeordnet ist und ihm dient, wird es dem Menschen nicht gerecht, wenn er zum Mittel für ein Ziel geworden ist. Im Bereich der Sexualmoral gibt es auch eine Form von Gebrauchen, vor der Wojtyla warnt: Diese Form liegt nun darin, dass eine andere Person als Mittel gebraucht wird, um das Lust-Erlebnis zu erzwingen und auszukosten (siehe Humanae vitae 17).

Weil der Mensch Subjekt seiner persönlichen Handlungen ist, legt er Mittel und Ziele seiner Taten fest. Er ist also in der Lage, die Annehmlichkeit aus dem sexuellen Akt wahrzunehmen und diese als das eigentliche Ziel seiner Handlungen zu wählen. Dann werden seine Handlungen nur im Blick auf die Annehmlichkeit geformt, die er zu erlangen sucht. Im sexuellen Bereich bedeutet das, dass diese Person einzig als Mittel zu einem Ziel angesehen wird, was aber nicht mehr der personalen Würde des Menschen gerecht wird. Hinter der kritisierten Haltung steht die Denkweise des Utilitarismus, wo die eigenen Bedürfnisse im Vordergrund stehen. Ist dies der Fall, dann ist die Handlung oder das Ding ein Gut für mich. Die Annehmlichkeit des Subjekts ist sein einziges und höchstes Gut.

Wie Christus das Gut des Anderen suchen

Dieser Denkweise steht das aus dem Evangelium bekannte Liebesgebot Christi gegenüber, das im Kern nach dem Gut des Anderen fragt. Es gilt daher, dieses Liebesgebot dem Utilitarismus oder anderen Formen des Egoismus, der andere Menschen benützt, entgegenzustellen. Dazu stellt Karol Wojtyla fest, dass es einer Norm bedarf, auf die das Gebot der Liebe zurückgreifen und als Fundament darauf aufbauen kann. Die auf Wojtyla zurückgehende Norm hat den Kategorischen Imperativ Kants als Grundlage, geht aber grundlegend über die Denkweise Kants hinaus. Die personalistische Norm lautet: „Wann immer eine Person das Objekt deiner Tätigkeit ist, erinnere dich daran, dass du diese Person nicht nur als Mittel zu einem Ziel behandeln darfst, nämlich als Instrument, sondern nimm Rücksicht darauf, dass sie selbst ein Ziel hat oder zumindest haben sollte.“ Unter dieser Rücksicht ist dann das folgende personale Prinzip quasi eine Erläuterung zum Liebesgebot Christi: „Die Person ist ein derartiges Gut, gegenüber dem die einzig richtige und angemessene Einstellung die Liebe ist.“

Die klassische katholische Moraltheologie und die Beziehungsethik des „Synodalen Weges“ haben eine völlig unterschiedliche Grundausrichtung und sind meines Erachtens nicht kompatibel. Die Forderungen des „Synodalen Weges“ sind keine Weiterentwicklung der Moraltheologie, sondern bedeuten einen fundamentalen Bruch mit der katholischen Lehre.

Der Autor ist Pfarrer in der Diözese St. Pölten und a.o. Professor sowie Institutsvorstand für Moraltheologie an der Phil.-Theol. Hochschule Heiligenkreuz.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Helmut Prader Beziehungsethik Bischofskonferenzen Hochschule Heiligenkreuz Immanuel Kant Jesus Christus Karol Wojtyla Moraltheologen Moraltheologie Pfarrer und Pastoren Sexualethik Sexualmoral Sexueller Missbrauch Synodaler Weg

Kirche

Kirchliche Stimmen begrüßen die Aussicht auf besseren Lebensschutz Ungeborener – Deutscher Familienbischof kritisiert Härte der Auseinandersetzung .
03.07.2022, 19 Uhr
Maximilian Lutz
Wer lernt, überlebt: Was die Kirche in Deutschland vom Weltfamilientreffen mitnehmen sollte.
02.07.2022, 07 Uhr
Franziska Harter
Forschungsprojekt bringt einen Fall aus dem Erzbistum Paderborn ans Licht. Nach Angaben des Erzbistums hat Becker, zu jener Zeit Personaldezernent, gemäß der damaligen Rechtslage gehandelt.
01.07.2022, 11 Uhr
Meldung
Bischof Genn beurlaubt Dompropst Schulte nach Vorwürfen wegen grenzüberschreitendem Verhalten.
02.07.2022, 15 Uhr
Heinrich Wullhorst
Der klassische römische Ritus ist weder tot noch in seiner Existenz gefährdet. Daran ändert auch das neue Papstschreiben nichts.
30.06.2022, 11 Uhr
Regina Einig