„Ich habe Christus als ich achtzehn war im Neuen Testament getroffen, und das hat mein ganzes Leben verändert. Denn vorher war ich Atheist. Es gibt überall Ungerechtigkeit, aber die größte Ungerechtigkeit ist es, die Quelle der Liebe nicht kennenzulernen und darum blind durchs Leben zu gehen. Es ist die größte Freude, Jesus zu spüren, und ich möchte nicht, dass Menschen ohne diese Freude leben müssen“, erzählt Nicky Gumbel, der Pionier der Alpha-Kurse. Ihn und seine Frau Pippa sieht man in einem Arbeitszimmer, im Hintergrund steht eine gut bestückte Bücherwand. Nichts in seinem Auftreten deutet darauf hin, dass er gerade live vor 7.000 Menschen spricht.
Das von den Missionsbewegungen „Alpha“ und „Divine Renovation“ organisierte Webinar zum Thema „Nachfolge Christi in der heutigen Zeit“ ist nun in vollem Gange. Permanent kommen Reaktionen aus dem Chat. „Hola desde España“ oder „We love you Nicky“ stehen exemplarisch für die Stimmung unter den Zuschauern. Dolmetschen lassen kann man sich die Zoom-Konferenz per Klick in den Einstellungen – von Tschechisch und Polnisch bis Portugiesisch und Spanisch sind acht Sprachen verfügbar.
Christsein ist keine ethische Entscheidung
In Deutschland ist es Dienstagabend, 21 Uhr. Bei Father James Mallon im kanadischen Halifax dagegen 16 Uhr nachmittags. Mallon ist der Gründer von Divine Renovation. „Christsein ist keine ethische Entscheidung, es geht nicht um die Idee dahinter. Es geht darum, eine Person zu treffen, die den Weg in eine neue Richtung ebnet. Wir können den Pfarreien Leben einhauchen, aber das wichtigste ist Jesus. Er selbst wird die Menschen anziehen“, ergänzt Gumbel mit den Worten seines „Lieblingspapstes Benedikt“. „Die Bibel ist voll von verrückten Dingen, manchen Menschen ist gar nicht klar, wie sehr Menschen Gott lieben,“ meldet sich dann der dritte Diskussionsteilnehmer zu Wort: Jonathan Roumie, der Jesus-Darsteller in der Filmserie „The Chosen“. „Es ist unglaublich, dass wir mit Jesus selbst ein Zoom-Meeting haben“, hatte Moderatorin Hannah Vaughan-Spruce ihn zu Beginn schmunzelnd eingeführt.
Alpha, Divine Renovation, The Chosen – sie alle verkörpern dieselbe Vorstellung: dass Jesus emporgehoben wird. „In meiner Pfarrei gibt es 60 Mitglieder, die sich immer wieder treffen um The Chosen zu schauen“, nennt Mallon ein Kooperations-Beispiel. Eine entscheidende Rolle spiele bei der heutigen Missionsarbeit die Einheit unter den Christen, sind die drei Redner sich einig. „Wir sehen doch alle gleich aus, sind doch alle Menschen“, sagt Gumbel und dreht sich zu seiner Frau. Roumie verkneift sich ein Lachen. „Jesus‘ einzig langes Gebet, was uns überliefert ist, lautet ,Vater, gib, dass sie alle eins sind‘. Die Einheit ist ein Segen. Wir können viel voneinander lernen. Was uns verbindet ist immer um vieles größer als das, was uns trennt. Wenn wir alle zusammenkommen, zeigt der heilige Geist sich auf ganz besondere Weise. Mit ihm können wir diese Einheit erleben – wie jetzt gerade, in diesem Zoom-Gespräch. Die Evangelisierung kann nur gelingen, wenn wir in einem Boot sitzen“, so Gumbel.
„Wenn wir mit einem bescheidenen Herzen vorangehen und Menschen gegenübertreten, die Jesus vielleicht noch nicht begegnet sind, und wir uns gegenseitig zuhören und mit Demut begegnen, dann sind wir bereit für den heiligen Geist und das Königreich. Für die Einheit müssen wir unser Ego und unseren Stolz zurücklassen“, ergänzt Jesus-Darsteller Roumie.
33.000 Pfarreien bis 2033 missionarisch machen
Die aus London stammenden Alpha-Kurse, das in Kanada gestartete Divine Renovation und die amerikanische Serie The Chosen –wollen wie Zahnräder ineinander greifen. Denn das gemeinsame Ziel ist es, pünktlich zum 2000. Jahrestag der Auferstehung Jesu im Jahr 2033 weltweit 33.000 Pfarreien missionarisch gemacht zu haben. Die Vision sei also, dass jeder Mensch auf der Erde bis dahin die frohe Botschaft der Auferstehung Christi kenne.
„Die Kirchengemeinden sind oftmals nur auf sich selbst konzentriert“, bemängelt Father Mallon. „Sie sollen von der Instandhaltung zur Mission übergehen. Es geht darum, nach außen zu blicken. Wir müssen die Schafe füttern, aber auch Fische fangen. Wie in The Chosen. Alle lokalen Pfarreien hatten ursprünglich die Identität, missionarisch zu sein, die Freundschaft mit Jesus zu pflegen. Sie waren Orte, wo Menschen Jesus begegnen konnten. Die Evangelisierung ist und bleibt die primäre Aufgabe. Sonst denken Außenstehende, die Freundschaft mit Jesus sei wenigen, privilegierten Menschen vorbehalten.“
Viel schöner als theoretische Diskussionen
Nach knapp einer Stunde, vor dem abschließenden Gebet des eng getakteten Treffens, ist man sich einig: Es geht um die Liebe. „Bei Jesus gibt es keinen Groll. Er ist die Essenz der Liebe. Egal, wie viele Fehlentscheidungen man auch getroffen hat – Jesus liebt uns und möchte uns vergeben. Wenn Menschen das verstanden haben, können sie anfangen, tiefere Nachfragen zu stellen“, beteuert Roumie. Mallon kann ihn darin bestätigen: „Das Schönste ist, wenn man in Jesus einen Freund sieht, der einen liebt. Und wenn man dann seine Mitmenschen respektiert und denkt, man kennt Jesus so wie sie, ist das Millionen Mal schöner als diese theoretischen Diskussionen, die man manchmal über sich ergehen lassen muss“.
„Danke, dass wir im Himmel dann miteinander vereint sein werden“, betet Roumie um 21.54 Uhr deutscher Zeit. Der Nachrichtensprudel lässt auch jetzt noch nicht nach, als die Redner sich nacheinander verabschieden. „Bye, bless you all“, kommt die letzte Nachricht.
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