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Pater George Elsbett LC: Fischer der Fernstehenden

Pater George Elsbett LC leitet das Zentrum Johannes Paul II. in Wien. Ein Gespräch über eine missionarische Gemeinde. 
Pater George Elsbett LC
Foto: Stefan Dworak | Täglich mehr zu beten – das ist für Pater George Elsbett LC eine der besten Entscheidungen seines Lebens gewesen.

Pater George, was versteckt sich hinter dem Zentrum Johannes Paul II.?

Das Zentrum ist eine junge Gemeinde – jung, weil sie noch nicht so lange existiert, aber auch, weil die meisten Leute, die hier sind, relativ jung sind. Ich bin der Älteste, den es bei uns gibt. (Lacht.) Wir wollen fernstehende Menschen auf den Weg der Jüngerschaft bringen und anderen Gemeinden helfen, dasselbe zu tun. Das bedeutet, dass wir versuchen, unsere Programme wie die Alphakurse, „Adventure & Faith“ und „Hope Ministries“ in einen Jüngerschaftsprozess zu integrieren, statt nur lauter einzelne Programme anzubieten, die nichts miteinander zu tun haben.

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Wenn es nichts gibt nach Alpha, wofür mache ich dann Alpha? Man muss die Leute irgendwie weiterführen! Außerdem versuchen wir, alles um die Heiligen Messen am Wochenende aufzubauen und vier Kernwerte zu leben: Erstens, Offenheit: Wir wollen ein Nährboden werden für Menschen, die die Welt verändern und zu Jesus bringen wollen. Zweitens, Befähigung: Wir vertrauen jungen Menschen wichtige Aufgaben an, geben ihnen die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren und auch Fehler zu machen. Drittens, Eifer: Wir wollen brennen für Jesus und alles aus Liebe zum Herrn tun. Viertens, Dienst: Es geht nicht darum, was ich bekommen, sondern was ich beitragen kann.

Also weg von der Dienstleistungsmentalität?

Genau so würde ich es sagen. Mir ist aufgefallen, dass ich früher selbst eine Art Konsumenten- statt einer Jüngerschaftskultur gefördert habe. Da war es ein bisschen „ich und ihr“ oder die Leute haben gesagt: „Wir helfen mal den Patres“. Jetzt sehe ich, das war total falsch. Es geht darum, gemeinsam etwas für die Menschen in dieser Stadt aufzubauen und so vielen Menschen wie möglich das Angesicht des Herrn zu zeigen. Natürlich haben wir unterschiedliche Rollen, aber die Laien tragen genauso viel Verantwortung für die Mission der Kirche wie die Priester. Wenn ich eine Konsumentenkultur habe, bringen auch die besten Missionsstrategien wenig.

Zu eurer Mission gehört es ebenso, andere Gemeinden in ihrem Wirken zu unterstützen. Wie sieht diese Zusammenarbeit mit anderen Pfarreien konkret aus?

Wir sind eine Gemeinde jenseits von territorialen Grenzen, die aber sehr gut mit unserer Pfarrei zusammenarbeitet, etwa, indem wir Messen in der Pfarrei übernehmen oder gemeinsam feiern, wie vor Kurzem an Fronleichnam. Ich vertrete zudem im diözesanen Priesterrat das Thema Innovation und durfte für mehrere Pfarreien ein Seminar über Pfarreirevitalisierung halten.

Es kommen in den letzten drei Jahren immer mehr Gemeinden aus Deutschland und Österreich für einen Tag oder ein Wochenende zu uns, die Inspiration und Hilfestellung suchen. Irgendwie scheint Gott diese kleine Initiative zu nutzen, um andere zu inspirieren. Natürlich geht es nicht um „copy and paste“, denn das, was im Herzen Wiens funktioniert, lässt sich nicht einfach auf eine Gemeinde in den tiefsten Bergen von Österreich übertragen. Aber es gibt gewisse Prinzipien, die man nach Unterscheidung im Gebet und durch Ausprobieren sehr wohl in der jeweils eigenen Situation anwenden kann. Wir haben noch begrenzte Ressourcen, wollen aber diesen Bereich immer mehr ausbauen.

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Womit erklären Sie sich dieses Wachstum und die Anziehung, die das Zentrum gerade auf junge Menschen ausübt?

An erster Stelle würde ich sagen: die Gnade Gottes. Es ist einfach ein Geschenk und liegt nicht daran, dass wir so toll und wunderbar wären. Ich bin seit 2004 in Wien und nach zehn Jahren Arbeit hatten wir drei dysfunktionale Kleingruppen. Dann wurde mir klar, dass ich etwas ändern muss und traf eine der besten Entscheidungen meines Lebens: dass ich noch mehr beten werde.

Obwohl wir Legionäre schon drei, vier Stunden am Tag beten, habe ich angefangen, jeden Tag noch eine zusätzliche Zeit der Anbetung zu halten. Die zweite Entscheidung war, auch weltweit ein bisschen über den Tellerrand nach pastoralen Konzepten zu schauen, die im städtischen Kontext Frucht bringen für das Reich Gottes. Ich las über 40 Bücher zum Thema und besuchte, allein oder im Team, unterschiedliche Orte in England, USA, Kanada und Frankreich. Dann bildete sich langsam eine Vision. Eines der wichtigsten Dinge, die wir in den vergangenen Jahren gelernt haben, kann man mit einem Vergleich aus dem Surfing veranschaulichen: Man kann lernen, eine Welle zu surfen, aber man kann keine Welle bauen. Wir müssen versuchen, genau hinzuschauen, welche Welle Gott gerade baut und da ansetzen. Wo wir früher zu zentriert auf uns selbst waren, begannen wir, den Fokus mehr nach außen zu legen.

Es fehlt nicht an tollen Angeboten in Wien, alleine im Stadtzentrum gibt es über 100 Sonntagsmessen. Wir wollten aber vor allem ein Ort für Menschen sein, die überhaupt nicht in die Kirche gehen. Und das sind viele in dieser Stadt, ungefähr 99 Prozent der katholischen Bevölkerung unter 35! Auch legten wir den Fokus viel mehr auf Kultur. Nicht umsonst sagt man: Kultur frisst Strategie zum Frühstück. Man kann die besten Ideen und Strategien haben, aber wenn man keine gesunde Kultur hat und die eigenen Werte nicht überzeugend lebt, ist alles umsonst.

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Zu eurer Kultur gehört insbesondere die Arbeit in Kleingruppen – so treffen sich etwa regelmäßig Männer, Ehepaare, Studenten oder junge Mütter. Bildet diese Substruktur aus aktiven Kleingruppen gleichsam den Motor eurer Gemeinde?

Um ehrlich zu sein, könnte sie noch mehr der Motor sein! Je mehr wir wachsen, desto mehr merken wir, wie wichtig Kleingruppen sind. Du kannst nicht mit 350 Leuten Gemeinschaft haben, das geht nur mit kleinen Gruppen.  Dort muss man miteinander auskommen, schleift sich gegenseitig den Charakter, gibt sich Feedback und motiviert einander. Durch Kleingruppen kann vieles abgefangen und verhindert werden, dass man einige Leute in der Gemeinde nicht sieht. Viele, die unser Zentrum besuchen, wundern sich, warum wir keinen großen Vortragssaal haben. Wir sind der Überzeugung, dass die Menschen mehr in Kreisen als in Linien wachsen, also vor allem untereinander in kleinen Gruppen.

Einige wundern sich außerdem, dass im Zentrum Brevier- neben Heilungsgebet, stille eucharistische Anbetung neben fetzigem Lobpreis, Rosenkranz neben charismatischem Gebet steht. Müssen wir die Spannung zwischen Kirche und moderner Kultur aushalten?

Papst Benedikt XVI. übernahm ja von Romano Guardini die Idee der Spannungseinheit. Im katholischen Glauben sagen wir: Schrift und Tradition, Glaube und Taten, Gnade und Freiheit. Das ist eine Konsequenz der Inkarnation des Sohnes Gottes. Jesus ist 100 Prozent Mensch und 100 Prozent Gott, König und Diener, Löwe und Lamm, in der Welt aber doch nicht von der Welt. Diese Spannung müssen wir aufrechterhalten. Dabei wollen wir weder Welt werden noch uns komplett abkoppeln und in die „gute alte Zeit“ flüchten, sondern versuchen, in diese Welt hineinzugehen und sie für Jesus zu verwandeln. Wir glauben, dass die moderne Kultur – speziell auch die moderne Musik – durchaus für Jesus zu gewinnen ist.

Und welche Rolle wird das Zentrum im Jahr 2040 spielen?

Wir wollen eine Ressourcenkirche sein, andere Gemeinden in ihrem Revitalisierungsprozess unterstützen und in den nächsten zehn Jahren, so Gott will, etwa fünf neue Gemeindegründungen machen. Wir sehen uns auch vermehrt im Bereich Digitale Kirche, nicht als Ersatz für die Ortsgemeinde, sondern als schöne Ergänzung. So haben wir zum Beispiel einen Alpha-Erziehungskurs gemacht, an dem Paare aus ganz Europa teilgenommen haben. Auch im Bereich Virtual und Augmented Reality sehen wir großes Potenzial und versuchen, das langsam aufzubauen. Die Kirche ist da noch sehr wenig präsent, es ist wie ein neuer Kontinent, in den wir das Evangelium bringen wollen. Mal schauen, was der Herr vorhat!

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