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„Manchmal scheint der Advent wichtiger zu sein als Weihnachten“

Die Adventstraditionen sind nicht immer frei von einem gewissen Naturkult. Abbé Thomas Diradourian erklärt ihren eigentlichen Sinn: Sich auf das Kommen Jesu vorzubereiten.
Abbé Thomas Diradourian
Foto: privat | Abbé Thomas Diradourian vor dem Gnadenbild von Neviges. Es ist der älteste Wallfahrtsort weltweit, an dem Maria als die Unbefleckte verehrt wird. Schon seit 1681 – früher als in Lourdes.

Abbé Thomas, die Adventszeit in Deutschland ist ein wenig heidnisch geworden. Oder?

Man spürt wohl die Sehnsucht nach einer warmen und schützenden Atmosphäre, nach der Geborgenheit, die ein gemütliches Zuhause bietet, beleuchtet von Kerzen und durchweht vom Duft des Glühweins. Gleichzeitig versetzt man sich wie in einen dunklen und etwas wilden Tannenwald, aus dem ein geheimnisvolles Licht hervorbrechen soll. So ist die Gestaltung des Advents in Nordeuropa stark von den ursprünglichen Naturelementen geprägt, ohne großen Bezug zu den historischen Umständen der Geburt Christi.

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Jahrhundertelang hatte es die Kirche jedoch verstanden, diesen germanisch-heidnischen Hintergrund zu evangelisieren. Manchmal habe ich den Eindruck, dass der Advent wichtiger geworden ist als Weihnachten. In dieser Hinsicht könnte der Advent langsam heidnisch werden. Einerseits müssen wir diesen Rahmen der Geborgenheit bieten, den alle zu Recht im Advent erwarten, andererseits darf die Kulisse nicht die Hauptfigur, Jesus, in den Hintergrund drängen.

Und was ist das Wesentliche an Weihnachten?

Dass Gott Mensch geworden ist, um uns zu erlösen, uns zu heiligen und uns ihm ähnlich zu machen. Dies ist sein Liebesplan für alle Menschen. Und, dass nur Jesus das „Licht der Welt“ ist, wie er von sich selbst sagt. Als menschgewordener Sohn Gottes bringt er das Licht in die Welt. Es ist schön, als Gemeinschaft beim Glühweintrinken auf dem Weihnachtsmarkt zusammenzuhalten, jedoch sollte diese Gemeinschaft in erster Linie das freudige und gemeinschaftliche Warten auf den Erlöser fördern.

Was möchten Sie als Priester den Gläubigen in der Adventszeit mitgeben?

Praktizierende Christen sollten mehr als nur Gemütlichkeit leben, um sich auf Weihnachten vorzubereiten. Denn die Adventszeit ist auch eine Vorbereitung auf die Wiederkunft des Herrn am letzten Tag. Deshalb ist die Predigt über die liturgischen Texte sehr wichtig. Die täglichen Lesungen während der Adventszeit sind wunderbare theologische und mystische Einführungen in das Weihnachtsfest, das zugleich Erinnerung an die Geburt Christi, Offenbarung seiner Herrlichkeit, erneute Gabe seiner Gnade und Vorwegnahme seiner Wiederkunft ist.

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Andererseits müssen wir auch diejenigen ansprechen, die vor allem in der Vorweihnachtszeit in die Kirche gehen. Die Adventsstimmung ist für sie sehr wichtig und muss gepflegt werden, denn sie sagt viel über das Licht und den Frieden aus, die das Evangelium schenkt.

Welche Bedeutung hat die Adventszeit?

Das liturgische Jahr repräsentiert immer die Heilsgeschichte und beginnt am ersten Adventssonntag. Der Advent fasst somit in vier Wochen die gesamte im Alten Testament dargestellte und von den Propheten angesprochene Sehnsucht nach dem Messias zusammen. Andererseits markiert die Adventszeit das Ende des Kalenderjahres, wenn die Dunkelheit das Licht zu überwältigen scheint. In den ersten Wochen sind die Bibellesungen eher apokalyptisch. Sie erinnern daran, dass Jesus durch seine Geburt, seinen Tod und seine Auferstehung eine neue Welt schaffen wird. Es folgen die neun Tage vor Weihnachten, die eine unmittelbare Vorbereitung auf die historische Geburt Christi darstellen.

Ist die Adventszeit eine Fastenzeit?

Nicht wirklich. Sie dient in erster Linie dazu, sich freudig auf das Weihnachtsfest vorzubereiten. Man könnte sagen, dass die Adventszeit eine Zeit der gemäßigten Buße ist. Während der Advent in Gallien von Anfang an einen asketischen Charakter hatte, bevorzugte Rom stets eine kürzere und rein liturgische Vorbereitung, ohne den Bußcharakter stark zu betonen. Durch eine gewisse Einfachheit in der Liturgie und ein intensiveres gemeinschaftliches Gebet bereiten wir uns mit Freude auf das Kommen des Herrn vor.

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Am 8. Dezember feiert die Kirche das Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens. Wie feiern Sie das in Neviges?

Seit Beginn der Verehrung des Gnadenbildes im Jahr 1681 wurde an den neun Samstagen vor dem 8. Dezember eine sogenannte Novenenmesse zu Ehren der „Immaculata“ gefeiert. Wir halten treu an dieser franziskanischen Tradition fest. Am 8. Dezember halten wir in Neviges immer ein Pontifikalamt. Das Gnadenbild, auf dessen Rückseite das älteste Gebet zur Unbefleckten Empfängnis in deutscher Sprache steht, überführen dann Frauen aus der Gemeinde aus dem Mariendom in die ehemalige Wallfahrtskirche. Bei dieser Gelegenheit ist es schön mitzuerleben, wie mehrere Gläubige ihre Weihe an Maria ablegen.

Der Franzose Abbé Thomas Diradourian ist Priester der Gemeinschaft Sankt Martin und seit fünf Jahren als leitender Pfarrer in der Pfarrei Maria Königin des Friedens Velbert-Neviges und Tönisheide sowie in der Wallfahrtsseelsorge in Neviges tätig.

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