Sie hoffe sehr, dass sie einst beim Jüngsten Gericht so gut durchkomme wie hier, sagte Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz schmunzelnd. Das war zu Beginn ihrer Abschiedsvorlesung im Kaisersaal des Zisterzienserstiftes Heiligenkreuz am Samstagnachmittag. Da hatte sie sich schon eine Reihe kluger Reden anhören dürfen, die alle um das Verhältnis von Vernunft und Glauben kreisten – und um ihr segensreiches Wirken an der „Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz“. Die hochkarätige Festakademie beendete eine fünfzehnjährige Lehrtätigkeit der Philosophin und Religionswissenschaftlerin, die 2011 begonnen hatte – nach ihrer Pensionierung an der Technischen Universität Dresden, wo sie den Lehrstuhl für Religionsphilosophie und vergleichende Religionswissenschaft innehatte. Gerl-Falkovitz hatte, einem Ruf des damaligen Rektors Karl Wallner folgend, im Wienerwald das „Europäische Institut für Philosophie und Religion“ (EUPHRat) aufgebaut und die boomende Zisterzienserhochschule damit auch zu einem europäischen Treffpunkt von philosophischem Schwergewicht gemacht.
Etwas davon spiegelte die von Nicolaus Urs Buhlmann und Gudrun Trausmuth moderierte Festakademie, mit einer hörbar dankbaren Studentenschar unterschiedlichen Alters und nicht minder dankbarer Hochschulleitung. Als Großkanzler der Hochschule würdigte Abt Maximilian Heim die vielfach ausgezeichnete Philosophin, die in ein Denken eingeführt habe, „das Vernunft und Glaube miteinander verbindet, als die Elemente, die zur Wahrheit führen“. Das Denken wie das Lehren von Gerl-Falkovitz zeige, „dass akademische Strenge und geistliche Tiefe einander brauchen und bedingen“, so Abt Maximilian Heim über die „Philosophie der Wahrheitssuche“ der Geehrten.
Die Gnade setzt die Natur voraus
Pater Karl Wallner, mittlerweile Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Österreich, erklärte in seinem Festvortrag, warum es keine Theologie ohne Philosophie geben könne. Gerade Joseph Ratzinger habe als Theologe die Unverzichtbarkeit des Denkens betont, weil die Natur die Voraussetzung für das Übernatürliche sei. Dabei dürfe man den Geschenkcharakter der Natur nicht übersehen. Es sei schon immer katholische Überzeugung gewesen, dass die natürlichen Fähigkeiten des Menschen durch die Sünde zwar beschädigt, aber nicht völlig korrumpiert seien. „Wir sind durch unsere Sünden nicht Dämonen geworden“, so Wallner wörtlich. Martin Luther dagegen habe einen „dramatischen anthropologischen Pessimismus“ entwickelt. Die Gnade zerstöre die Natur aber nicht, sondern baue auf ihr auf. „Gott wollte nie eine natura pura“, so Karl Wallner. „Die Vollendung der Natur war schon immer intendiert. Das Kreuz ist von Anfang an die innerste Signatur des Heilshandelns Gottes.“ Gleichzeitig ersetze die Gnade nicht die Natur, und das Wunder nicht die persönliche Anstrengung. Gerl-Falkovitz habe in ihrem Wirken gezeigt, wie eine Synthese von Glaube und Vernunft gelingt, so Wallner.
Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz habe „geradezu prophetische Tagungen“ in Heiligenkreuz organisiert und „zu geistigen Höhenflügen inspiriert“, sagte der Forschungsdekan der Zisterzienserhochschule, Pater Wolfgang Buchmüller. Zudem habe sie die Studenten „in Erlebniswelten der Literatur der Moderne“ eingeführt. Buchmüller würdigte auch die Kritik der Philosophin an der Gender-Ideologie, welche den Zusammenhang von Sein und Sinn zerbreche.
Wolfgang Klausnitzer, der Rektor der Hochschule Heiligenkreuz, verwies in seiner Ansprache auf die wechselseitige Verwiesenheit von Glaube und Vernunft in der Enzyklika „Fides et Ratio“ von Papst Johannes Paul II. und im Denken Joseph Ratzingers. Pater Kosmas Thielmann zeigte auf, wie nach einer Epoche der Sprachlosigkeit zwischen Theologie und Philosophie mit den Phänomenologen rund um Edmund Husserl sowie in der Folge Max Scheler und Edith Stein das Gespräch wieder aufgenommen wurde. Mittlerweile gebe es in unterschiedlichen Sprachräumen wieder „anschlussfähige Philosophen“. Heiterkeit kam im Saal auf, als Thielmann die Philosophin als „Feministin erster Schule, aber ein wenig anders“ würdigte.
Leidenschaftliches Aussprechen und Annehmen von Wahrheit
„Zuweilen wird der Professor auch zum Confessor“, meinte Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz selbst in ihrer Abschiedsvorlesung, doch dürfe das Bekenntnis nicht am Anfang, sondern nur am Schluss stehen. Gerl-Falkovitz analysierte, dass aus der „Universitas eine Pluriversitas geworden“ sei, da selbst die Naturwissenschaften über keine gemeinsame Sprache mehr verfügen würden, von Philosophie und Theologie ganz zu schweigen. Als Ziel skizzierte sie ein „leidenschaftliches Aussprechen und Annehmen von Wahrheit“. Dem wird sich die Philosophin, die mit 80 Lebensjahren ihre reguläre Lehrtätigkeit beendet, nach eigenem Bekunden in vielen Vorträgen, publizistischer Tätigkeit und der Organisation von Fachtagungen auch weiterhin widmen.
Athen und Jerusalem – als Synonyme für hellenische Philosophie und jüdisch-christliches Offenbarungsgeschehen – würden immer wieder gegeneinander ausgespielt, meinte Gerl-Falkovitz und zitierte Tertullian mit der rhetorischen Frage, was denn Jerusalem mit Athen zu schaffen habe. Dagegen habe schon Augustinus in den zur Krippe eilenden Hirten die Verkörperung Israels, in den Magiern aus dem Morgenland aber die Denker aus der Ferne erkannt. Die Offenbarung Gottes warte nicht auf menschliche Zustimmung, sondern zeige sich: „Jerusalem zeigt einen Einbruch des Anderen, dem das Denken nicht gewachsen ist.“ Gleichzeitig sei das Christus-Ereignis aber kosmisch und eröffne einen neuen Universalismus. Paulus zitierend zeigte die Philosophin, dass angesichts der Bereitschaft, sich von Christus rufen zu lassen, alle Formen staatlicher und sakraler Macht zweitrangig werden: „Wer gerufen ist, ist herausgerufen. Die Unterscheidungen dieser Welt sind nichtig geworden.“
Da die Wahrheit der Maßstab für Ethik und Moral sei, bleibe die Frage nach der Wahrheit über Gott, den Menschen und die Welt unerlässlich. „Gibt es etwas, das allen verständlich gemacht werden kann?“, fragte Gerl-Falkovitz und legte dar, wie das Christentum zur „am meisten universalen Religion“ wurde. Die heutigen Gesellschaften jedoch würden ihre Schätze vergraben. Mit Verweis auf Papst Benedikt XVI. meinte die Philosophin: „Glaube kann der Vernunft ihr Sinnziel vorgeben.“ Das Christentum habe dem Denken „seine Hochform geschenkt“. Philosophie aber reiche nicht aus, um den Menschen zu Gott zu führen. „Auch die Rationalität der Theologie reicht dazu nicht aus, so notwendig sie ist.“ Es brauche letztlich auch die Begegnung des Herzens.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.









