Die unablässigen Warnungen deutscher Bischöfe vor der AfD sorgen bei vielen Gläubigen (von Außenstehenden gar nicht zu sprechen) für Kopfschütteln, Augenverdrehen und Abwinken. Das hat mehrere Gründe. Zum einen ist die Kritik ebenso wohlfeil wie einseitig: Wo sind die bischöflichen Warnungen vor den zahlreichen unchristlichen Vorhaben anderer Parteien? Zum anderen fehlt es bei den deutschen Hirten aber auch schlicht an der intellektuellen Kraft, die gesellschaftlich-politische Großwetterlage aus katholischer Sicht zu deuten.
Dass es auch anders geht, hat jüngst Erik Varden, Oberhirte von Trondheim und Vorsitzender der Nordischen Bischofskonferenz, gezeigt. In seiner Eröffnungsrede zur Tagung der nordischen Bischöfe in Paderborn beschäftigte er sich mit dem Aufkommen des Populismus, der Herausforderung der Migration und dem Wert der Nation. Dabei ließ er vor allem jenen Charakterzug des katholischen Denkens zutage treten, den man in Deutschland vergeblich sucht: das „Et … et“ („sowohl … als auch“). Denn katholisch sein heißt, das Ganze der Wahrheit zu ergreifen. Die Wahrheit aber ist vielschichtig und vereint unterschiedlichste Aspekte, die man leicht für unvereinbare Gegensätze halten kann, die es aber nicht sind: Christus als Mensch und Gott, Maria als Mutter und Jungfrau, aber auch – mit Blick auf die Soziallehre – der Mensch als Individuum und gemeinschaftliches Wesen.
Was macht eine Nation aus?
Ein solches Sowohl-als-auch ist, wie die Ausführungen des Bischofs zeigen, auch beim Migrationsproblem im Zeitalter des Nationalstaates angezeigt. Was macht eine Nation aus, fragt Varden, und gibt sogleich die überzeugende Antwort: „Das Bewusstsein einer gemeinsamen Herkunft und eines gemeinsamen Ziels.“ Vergangenheit und Zukunft müssen also zusammen betrachtet werden: das Woher und das Woraufhin. Vardens Text lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass es Völker gibt, Kollektive mit einer gemeinsamen Abstammung und politische Einheiten, die sich darauf aufbauend herausgebildet haben: nämlich Nationen. Das Gefährliche am Populismus ist, wie Varden betont, nicht der Versuch, „Kriterien der Nationalstaatlichkeit zu entwickeln und auszudrücken“ und „die Liebe für das eigene Volk zu fördern“. Beides bezeichnet der Bischof von Trondheim sogar als „notwendige Arbeit“. Das Problem entsteht nach Varden vielmehr dann, wenn der Sinn für das Eigene auf radikale Weise exklusiv wird und sich etwa der „Chimäre der ethnischen Reinheit“ hingibt. Dann werde aus dem Bedürfnis nach nationaler Identität eine Art „Ahnenverehrung“ – letztlich Idolatrie. „Wer das „christliche Erbe unserer Nationen“ bewahren wolle, der müsse „zuallererst einen hohen Standard christlicher Nächstenliebe aufrechterhalten.“ Die wohlverstandene Liebe für das eigene Volk, für die eigene Nation, und die christliche Liebespflicht für die Fremden, die schutz- und hilfsbedürftig sind – sie sind für Varden kein Gegensatz.
Vardens Position des „et … et“ in Sachen Migration und Nationalstaat ist keine geniale Neuerfindung des jungen norwegischen Bischofs. Vielmehr buchstabiert er im Grunde nur aus, was auch die deutschen Bischöfe im Katechismus (Nr. 2241) nachlesen könnten. Dort ist die Rede von der Pflicht wohlhabender Nationen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten Fremde aufzunehmen, betont wird aber zugleich auch die Pflicht der Fremden, die Sitten und Gesetze ihres Gastlandes in Ehren zu halten.
Wer die katholische Wahrheit ergreifen möchte, muss auch manche Spannung auszuhalten lernen. Auch darum weiß Bischof Varden: Der Katholik ist „ein loyales Mitglied einer lokalen Gemeinschaft“, zugleich aber auch „auf kreative Weise einer universellen Ordnung verpflichtet“, nämlich der katholischen Kirche als dem mystischen Leib Christi. Es ist höchste Zeit, dass auch die Kirche in Deutschland wieder die volle Wahrheit lehrt, die ja sagt zu besonderer Identität und Universalismus, zu Nation und Nächstenliebe.
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