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Der Versuch, die Vergangenheit zu verstehen

Europa ist keine politische Organisation, sondern ein gemeinsamer Kulturraum – Über die Ursprünge Europas. Von Clemens Schlip
Griechischen Geschichtsschreiber Herodot
Foto: IN | Dem griechischen Geschichtsschreiber Herodot fiel die Unterscheidung zwischen „mythisch“ und „historisch“ noch schwer.

Was ist „Europa“? Viele verbinden mit diesem Begriff ein bürokratisches Monster mit Wohnsitzen in Brüssel und Straßburg, einen seelenlosen technokratischen Apparat. „Europa“ ist in den Nachrichten ein Synonym für Streitereien über Immigrationspolitik und Finanzkrisen. Dabei ist Europa unmöglich gleichzusetzen mit irgendeiner politischen Organisation. Dass Europa – die griechisch-römisch-christliche Zivilisation – in erster Linie ein gemeinsamer Kulturraum mit einzigartigen zivilisatorischen Errungenschaften ist, gerät leider oft in Vergessenheit. Nur selten wird in Sonntagsreden an die antiken und christlichen Säulen erinnert, auf denen die europäische Kultur steht. Manchen „europäischen“ Politikern ist dieses Fundament unserer Zivilisation sogar eindeutig zuwider. Andererseits: Wer sich auf dieses Erbe beruft, muss differenzieren und auf grobe Vereinfachungen verzichten.

Eine Kontinuität europäischer Geschichte von der Archaik bis in die Gegenwart gibt es, aber darüber darf man nicht die zahlreichen Entwicklungen und Brüche übersehen. Und man kann auch nicht hinter die Einsicht zurückgehen, dass jede Zeit mit einer neuen Perspektive auf die Vergangenheit blickt. Dadurch werden einerseits immer wieder neue Aspekte sichtbar, andererseits kann es zu fehlerhaften Rekonstruktionen kommen.

Diese Mechanismen gelten auch schon für jene Epoche, die wir heute die Antike nennen: Sie erstreckte sich über gut 2 000 Jahre, in denen sich grundstürzende Veränderungen vollzogen. War etwa die Welt der frühen Griechen im Wesentlichen auf das heutige Griechenland beschränkt, so bildete später unter der Herrschaft der Römer ihr ganzes Reich von Britannien bis Ägypten eine zivilisatorische Einheit. Immer wieder aufs Neue versuchten die Menschen schon in dieser Zeit, ihre Vergangenheit zu verstehen. Solche Wechselspiele von Kontinuität und Wandel innerhalb des Altertums und im Verhältnis des Altertums zu späteren Epochen beleuchten die beiden britischen Althistoriker Simon Price und Peter Thonemann in ihrem Buch „Die Geburt des Klassischen Europa. Eine Geschichte der Antike von Troja bis Augustinus“. Das Buch präsentiert sich als eine überzeugende Großdarstellung in schöner Ausstattung. Auf nur gut 450 Seiten gelingt es ihnen, die europäische Geschichte von 1750 vor Christus bis 425 nach Christus anschaulich und spannend zu erzählen und in ihrer Bedeutung zu reflektieren, ohne dabei je oberflächlich zu werden. Neben den großen Hauptgestalten und Hauptereignissen kommen auch interessante Randfiguren zu ihrem Recht, ohne die jede historische Darstellung doch irgendwie langweilig bleibt. Dazu kann man sicher den spätantiken Bischof Pegasios von Ilion rechnen, der meinte, man müsse Achilles und Hektor „genauso verehren, wie wir die Märtyrer anbeten“. Das Buch ist für Kenner der Antike ebenso geeignet wie für ein nicht vorgebildetes Publikum, ohne dass komplexe Tatsachen ungebührlich vereinfacht würden.

Dass die Autoren schon mit der minoischen Kultur auf Kreta beginnen, ist auf den ersten Blick überraschend, erweist sich aber recht bald als überzeugende Entscheidung. Am anderen Ende der zeitlichen Skala hätte man freilich noch etwas weiter gehen können als bis Augustinus. Besonders im griechischen Osten endete die Antike sicher nicht im frühen fünften Jahrhundert. Dieser Aspekt wird nur am Ende kurz angerissen, aber Gestalten wie Justinian hätten eine eingehendere Behandlung verdient.

Die beiden Historiker beweisen eingehende Kenntnis der archäologischen Stätten und der dort gemachten Funde und bauen sie geschickt in ihre Darstellung ein. Das Buch steht ganz auf dem Fundament der modernen wissenschaftlichen Forschung, gerade auch, wenn es um die Beziehungen von Griechen und Römern zu anderen Völkern geht. Auch diese Völker – von den Phöniziern bis zu den Kelten – kommen ausführlich zu ihrem Recht, wobei aber eine kulturrelativistische Tendenz vermieden wird, unter der viele neuere Publikationen leiden. Besonders die Ausführungen zu Karthagern und Etruskern sind profund und gut gelungen.

Im Zentrum des chronologischen Durchgangs von Price und Thonemann steht der Begriff der „Erinnerung“. Wie betrachteten die Menschen in der Antike ihre eigene Geschichte? Dabei werden Unterschiede zum neuzeitlichen Denken deutlich. So erkannte Herodot, der erste Historiker der europäischen Literatur, dass es einen grundlegenden Unterschied gab zwischen einer Gestalt wie dem mythischen Kreterkönig Minos und dem historisch belegbaren König Polykrates von Samos. Mit der Begründung dieses Unterschieds tat er sich aber schwer, da die Unterscheidung zwischen „mythisch“ und „historisch“ den Griechen fremd war. In Infokästen wird eine bunte Vielfalt von Themen angeschnitten: von Siegmund Freuds intensiven Altertumsstudien über die Antikenrezeption der türkischen Sultane bis zu Flauberts Roman „Salambo“.

Erhellend sind auch die Betrachtungen zur Bedeutung des Begriffs „Europa“. Hatte er ursprünglich das griechische Festland nördlich des Isthmus bezeichnet, so erhielt er im vierten Jahrhundert vor Christus unter Philipp II. von Makedonien und seinem großen Sohn Alexander seine heutige Bedeutung, die über Griechenland hinausweist. Indem griechische Rhetoren die Makedonen als Herrscher„Europas“ anerkannten, unterstützten sie deren Kampf gegen die (asiatischen) Perser. Andererseits vermieden sie es so, die Makedonenkönige als vollwertige Griechen zu bezeichnen. Der „Europäer“ als Oberbegriff für Griechen und Nichtgriechen war geboren.

Acht Jahre hat es gedauert, bis dieses beachtliche Buch ins Deutsche übersetzt wurde. Wäre das nicht geschehen, das deutsche Publikum hätte tatsächlich etwas Wichtiges versäumt. Denn eines macht diese Lektüre überdeutlich: Die „klassische Antike“ hat sehr viel mit uns zu tun. Wer von ihr nichts wissen will, kann nicht beanspruchen, ein vollwertiger Europäer zu sein.

Simon Price/Peter Thonemann: Die Geburt des Klassischen Europa. Eine Geschichte der Antike von Troja bis Augustinus. WBG Theiss, Darmstadt 2018, 448 Seiten, EUR 29,95

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Archäologische Stätten Herodot Jesus Christus Polykrates

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