Der Oberste Gerichtshof der USA hat mündliche Verhandlungen zu zwei Verfahren aufgenommen, in denen Transgender-Sportlerinnen gegen staatliche Verbote klagen, die ihnen die Teilnahme am Mädchen- und Frauensport an öffentlichen Schulen und Hochschulen untersagen. Verhandelt wurden am Dienstag die Fälle Little v. Hecox (Idaho) und West Virginia v. B.P.J. (West Virginia). Im Kern geht es darum, ob Bundesstaaten den Zugang zu Mädchen- und Frauenteams strikt nach dem bei der Geburt zugewiesenen („biologischen“) Geschlecht ordnen dürfen, oder ob dies Transgender-Schülerinnen unzulässig benachteiligt.
Hintergrund ist eine Welle neuer Gesetze: Inzwischen haben 27 Bundesstaaten ähnliche Verbote erlassen. Entsprechend groß ist die Signalwirkung. Der Supreme Court könnte direkt darüber entscheiden – mit Wirkung vor allem für die Klägerinnen – oder eine Grundsatzentscheidung treffen, an der ähnliche Gesetze künftig bundesweit gemessen werden.
Medizinische Nachweise in Streitfällen?
In Idaho klagte Lindsay Hecox, heute Mitte 20, als sie sich für Leichtathletik und Crosslauf an der Boise State University bewerben wollte. Idaho hatte 2020 als erster Bundesstaat den „Fairness in Women’s Sports Act“ beschlossen, der Teams an öffentlichen Schulen und Hochschulen nach dem „biologischen Geschlecht“ einteilt und in Streitfällen medizinische Nachweise verlangt. Ein Bundesrichter blockierte die Durchsetzung des Verbots gegen Hecox vorläufig; im August 2020 untersagte ein Bundesbezirksgericht dem Bundesstaat vorübergehend die Durchsetzung des Gesetzes, weil es wahrscheinlich gegen die im 14. Zusatzartikel zur Verfassung garantierte Gleichbehandlung vor dem Gesetz verstoße. Der 9. Bundesberufungsgerichtshof bestätigte dies. Der 9. Gerichtsbezirk lehnte es allerdings ab, den Fall erneut zu verhandeln.
In West Virginia betrifft der Streit eine 15-jährige Schülerin (B.P.J.), die gegen den 2021 verabschiedeten „Save Women’s Sports Act“ vorgeht. Ein Bezirksgericht bestätigte das Gesetz zunächst, doch im April 2024 hob das Bundesberufungsgericht die Entscheidung auf und sah einen Verstoß gegen Title IX, weil ein pauschaler Ausschluss aufgrund der Geschlechtsidentität als Diskriminierung „aufgrund des Geschlechts“ zu bewerten sei. Während des Rechtsstreits wurde die Durchsetzung gegen B.P.J. zeitweise ausgesetzt.
Idaho und West Virginia reichten im Juli 2024 Anträge auf Überprüfung der Urteile ein. Der Supreme Court wartete jedoch bis nach seiner Entscheidung im Juni 2025 in der Rechtssache United States v. Skrmetti, einer Anfechtung des Verbots bestimmter Formen der medizinischen Behandlung von Transgender-Minderjährigen in Tennessee, um diesen Anträgen stattzugeben.
Die Verfahren kreisen um zwei Grundsätze
Juristisch kreisen die Verfahren um zwei Grundsätze: die Gleichbehandlungsklausel des 14. Verfassungszusatzes („equal protection“) und Title IX, das Diskriminierung in der Bildung „aufgrund des Geschlechts“ verbietet. Die Klägerinnen sehen einen kategorischen Ausschluss von Transmädchen und -frauen. Idaho und West Virginia führen dagegen an, die Regelungen knüpften nicht an Identität, sondern an sportlich relevante geschlechtsbezogene Unterschiede an. Entsprechend war im Gerichtssaal auch umstritten, welcher Prüfungsmaßstab gelten soll: Einige Nachfragen zielten darauf, ob es sich rechtlich um eine Geschlechtsklassifizierung handelt, die eine „mittlere“ gerichtliche Prüfung („intermediate scrutiny“) auslösen könnte – oder ob den Gesetzgebern ein weiterer Spielraum zusteht.
Politisch ist der Streit zusätzlich aufgeladen, weil die Bundesregierung unter Präsident Donald Trump die Verbote unterstützt und in beiden Verfahren vor dem Supreme Court mit eigener Stimme auftritt.
Der Supreme Court muss seine Linie zudem vor dem Hintergrund eigener Rechtsprechung verorten: 2020 stellte er in Bostock v. Clayton County (Arbeitsrecht) fest, dass Benachteiligung wegen Transgender-Identität unter ein Verbot der Diskriminierung „aufgrund des Geschlechts“ fallen kann. 2025 bestätigte er in United States v. Skrmetti ein Verbot bestimmter Behandlungen für Trans-Minderjährige in Tennessee und lehnte es ab, Transgender-Status als Kategorie mit verschärfter verfassungsrechtlicher Kontrolle festzuschreiben.
Besondere Aufmerksamkeit gilt den Richterstimmen, die häufig mehrheitsentscheidend sind: Aus früheren Verfahren ist bekannt, dass Brett Kavanaugh mögliche Folgen für den Frauensport besonders im Blick hatte; Amy Coney Barrett äußerte Skepsis, ob Transgender-Status eine strengere Prüfung verlangt. Ein Urteil wird – wie bei großen Fällen üblich – bis Ende Juni/Anfang Juli 2026 erwartet. DT/jg
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