Er war kein Theoretiker, sondern ein Staatsmann. Jeder Politiker muss ein Menschenkenner sein. Der Staatsmann strebt nach dieser Menschenkenntnis aber nicht nur, weil er sie auf der taktischen Ebene ausspielen kann, um Wählerstimmen zu gewinnen oder politische Konkurrenten auszuschalten; die Frage nach dem Wesen des Menschen geht tiefer.
Und durch seine Antwort auf sie bekommt auch seine Politik Tiefe, ja, die Politik des Staatsmannes wird auf diese Weise selbst zur Antwort. Konrad Adenauers Leben war durch die Konfrontation mit zwei totalitären Systemen bestimmt, mit dem Nationalsozialismus und mit dem Kommunismus.
Wie kann angesichts dieser Bedrohung durch solche Ideologien die Würde der menschlichen Person geschützt und wie vor allem die Freiheit kultiviert werden, in der sich diese personale Würde ausdrückt? Vor dieser Aufgabe sah er sich als erster Bundeskanzler.
Um sie zu lösen, stellte Adenauer aber keine ausgeklügelte Doktrin auf, er schöpfte aus den Quellen, die seit seiner Kindheit seine Persönlichkeit geprägt haben: die Herkunft aus dem Rheinland, dieser alten europäischen Kulturregion, der Sinn für die res publica, der ihn als selbstbewussten Kölner Bürger auszeichnete, und sein katholischer Glaube.
Er haderte nicht mit seinen geistigen Wurzeln
Was den Charakter Adenauers dabei ausgezeichnet hat: Er haderte nicht mit seinen geistigen Wurzeln, niemals in seinem Leben versuchte er, sie auszureißen. Er, der in späteren Jahren ein leidenschaftlicher Gärtner wurde, ließ diese Pflanze wachsen. In diesem Sinne kann man ihn dann auch einen Konservativen nennen.
Aber beginnen wir mit dem Praktischen: Ein Augusttag im Jahr 1949, Konrad Adenauer hat die führenden Männer von CDU und CSU in sein Haus nach Rhöndorf geladen. Die Bundestagswahl, aus der die Union, diese damals völlig neue Partei, für viele überraschend als Sieger hervorgegangen ist, liegt erst eine Woche zurück. Nun muss eine Regierung gebildet werden.
Viele in der CDU sind für eine Große Koalition, ein Bündnis mit den Sozialdemokraten. Adenauer nicht. Er weiß, dass eine gute Politik Richtung braucht. Und mit den Sozialdemokraten in der Regierung würde seiner Meinung nach der junge westdeutsche Staat gleich falsch abbiegen: Nationalismus, Neutralismus, Planwirtschaft.
Adenauer hingegen hat andere Pläne. Weil er selbst über eine innere Richtung verfügt, kann er auch der Politik so eine Richtung geben. Viele Jahre später einmal wird er sagen, dass das Treffen in Rhöndorf eines der wichtigsten Ereignisse für seine Kanzlerschaft gewesen sei. Denn dort setzt er durch, dass die Parteigranden einer bürgerlichen Koalition zusammen mit der FDP und der Deutschen Partei (DP) zustimmen. Die SPD geht stattdessen in die Opposition.
Ohne diese Richtungsentscheidung hätte es weder Westbindung, Soziale Marktwirtschaft noch NATO und eine Öffnung nach Europa gegeben. In diesem Fall machte eine Person Geschichte: Adenauer stellte die Weichen, weil er die Weichen stellen wollte und eine Vorstellung davon hatte, wo der Zug hinfahren soll. Die „Rhöndorfer Konferenz“ gibt aber nicht nur Aufschluss über das Was der Adenauerschen Politik, sondern auch über das Wie.
Und auch auf dieser zweiten Ebene spielt Adenauers Sicht auf den Menschen eine Rolle. Er hat seine Gäste bewusst zu sich nach Hause eingeladen. Die Szenerie ist mit Kalkül gewählt: Es gibt ein reichliches kaltes Büfett, damals erst vier Jahre nach dem Krieg noch eine Seltenheit. Er sorgt für eine familiäre Atmosphäre, seine Töchter kredenzen den Herren Rheinwein, es ist ganz anders als bei einer Gremiensitzung.
Adenauer war überrascht
Und Adenauer nutzt die Rolle als Gastgeber und übernimmt ganz selbstverständlich den Vorsitz über die Beratungen. Später sagt er, er sei überrascht gewesen, dass ihm schließlich dort das Amt des Bundeskanzlers angetragen worden sei. Er ist aber auch insoweit vorbereitet, als dass er seinen Arzt zitieren kann, dieser habe dem damals 73-Jährigen bereits bestätigt, zwei bis drei Jahre könne er das Amt wohl schon noch ausführen.
„Wir müssen die Menschen nehmen, wie sie sind, wir haben keine anderen.“ Mit diesem Satz hat Adenauer seine Haltung auf den Punkt gebracht: In der Politik muss man die Menschen zu nehmen wissen, günstige Situationen erkennen oder eben auch schaffen. Es gilt, beherzt zuzupacken, und überhaupt sollten Politiker nicht allzu zimperlich sein.
Adenauer wird aber durch so ein realistisches Menschenbild nicht zum Zyniker. Im Gegenteil, gerade weil er ein Gespür für die Verführbarkeit des Menschen hat, sieht er sich wegen seines politischen Geschicks in besonderer Verantwortung. Nachdem er 1963 mit dem jungen US-Präsidenten John F. Kennedy durch Berlin gefahren ist, ihm jubelt die Menge „Konnie, Konnie“ zu, spricht er von den vielen gläubigen Augen, in die er geblickt habe.
Er tut es als ein „Staatsmann der Sorge“, so hat Golo Mann Adenauer genannt, der einmal sozusagen live erlebt hat, wie sein Volk einem ideologischen Irrglauben verfiel. Die Deutschen seien noch lange nicht immun gegen solche Verführungen, das ist Adenauers Überzeugung. Noch in seiner letzten Rede vor seinem Tod formuliert er, es sei sein innigster Wunsch, dass das deutsche Volk wieder an seiner Seele gesunde.
Massengesellschaft und Materialismus
Vor allem zwei „Erreger“ hat Adenauer dabei für diese deutsche Seelenkrankheit ausgemacht, die freilich auch die anderen europäischen Völker erfasst hat: die moderne Massengesellschaft und den Materialismus.
Was für Adenauer beide Tendenzen miteinander verbindet: Sie sind gegen die einzelne freie Persönlichkeit gerichtet. Materialismus wie die Massengesellschaft verkürzen den Blick des Einzelnen auf die Welt und auf die anderen Menschen. Ein falsch verstandener Freiheitsbegriff erschöpft sich nur noch darin, materielle Bedürfnisse zu befriedigen.
Für Adenauer bestand die Freiheit der Persönlichkeit aber gerade in ihrer Freiheit zur Sittlichkeit. Vor allem in den letzten Jahren vor seinem Tod wurde Adenauer nicht müde, vor den Gefahren des Materialismus zu warnen. Auch seine Partei: In den Parteivorstandssitzungen, man kann es heute in den Protokollen lesen, erscheint er schon fast wie ein bundesrepublikanischer Cato.
Sein „Ceterum censeo“: Die CDU möge endlich wieder stärker ihr christliches Profil herausstellen. Die Wohlstandsgesellschaft habe dies bitter nötig. Trotz solcher Mahnungen war Adenauer aber kein Kulturpessimist. Er fürchtete keinen „Untergang des Abendlandes“, für ihn war das christliche Abendland die lebendige Kraftquelle.
Das hängt mit persönlicher Erfahrung zusammen: Als er 1933 vor den Nazis Zuflucht in der Abtei Maria Laach suchte, fand er dort Trost in der Liturgie mit den gregorianischen Gesängen. Er erlebte, wie viel das christliche Abendland den Menschen immer zu geben hat.
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