Das Eichsfeld ist etwas Besonderes. Es ist die „katholische Insel“. Über Jahrhunderte entwickelte sich hier eine katholisch geprägte Identität, die nicht nur für eine besondere Widerstandskraft gegenüber dem braunen wie dem roten Regime sorgte, sondern auch heute noch das Selbstverständnis der Menschen prägt. Im Eichsfeld gibt es die höchste Eigenheimquote in ganz Thüringen, die Menschen denken und leben familiär, das Vereinsleben blüht. Und junge Menschen, die für Ausbildung oder Studium die Heimat verlassen müssen, kehren danach wieder zurück – sonst eher ungewöhnlich in Mittel- und Ostdeutschland.
„Wir sind keine Untertanen. Aber auch keine Anarchisten und Rebellen“, hat Werner Henning einmal die Eichsfelder gegenüber dieser Zeitung charakterisiert. Henning muss wissen, wovon er spricht, denn seit der politischen Wende, siebenmal wiedergewählt, hat er als Landrat das Eichsfeld politisch maßgeblich geprägt. Um sich einen Begriff von der hohen Zustimmung zu machen: Bei seiner letzten Wahl im Jahr 2018 holte der Christdemokrat 82 Prozent. Mittlerweile ist er im Ruhestand.
Henning sorgte deutschlandweit immer wieder für Schlagzeilen
Henning sorgte aber auch deutschlandweit immer wieder für Schlagzeilen, einfach weil er für eine Mischung aus Pragmatismus und Grundsatztreue steht, die sich zwar viele gerade auf kommunaler Ebene wünschen, die aber eben auch kulturell wachsen muss. Und genau dafür steht das Eichsfeld. Ein Beispiel aus Hennings letzter Amtsperiode: Er führte in seinem Landkreis die sogenannte Bezahlkarte für Flüchtlinge ein. Jenseits der emotional und ideologisch geführten Debatten auf der Bundesebene sah Henning darin vor allem ein praktisches Instrument. Die Flüchtlinge sollten dazu motiviert werden, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen und die Qualität zu verbessern.
Die Idee hinter der Sachleistungskarte: 460 Euro stehen den Migranten als Sachleistungen zu. 200 Euro bekommen sie in bar, 260 Euro auf die Karte geladen. Wenn sie sich aber Arbeit suchen, dann bekommen sie das gesamte Geld bar ausgezahlt. Das Ergebnis: Ein beträchtlicher Anteil hat sich Arbeit gesucht und muss nun fast gar nichts mehr aus der Sozialkasse bekommen. Es gibt auch Personen, die wegen dieser neuen Umstände wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Für Henning war das ein sichtbarer Erfolg.
Um zu verstehen, warum das Eichsfeld so tickt, wie es tickt, muss man ins 19. Jahrhundert springen: Damals gehörte die Region kirchlich zum Erzbistum Paderborn, staatlich zum Königreich Preußen. „Diesem Staat war unser religiöses Erleben, unsere Innerlichkeit völlig fremd“, erklärte Henning, der auch ein Kenner der Geschichte seiner Heimat ist, einmal gegenüber dieser Zeitung. In Paderborn amtierte in der Kulturkampf-Zeit ein Eichsfelder auf dem Bischofsstuhl: Erzbischof Konrad Martin (1812–1879), geboren in Geismar, dem Heimatdorf von Werner Henning.
Die Eichsfelder und ihr besonderer Sinn für die Freiheit
„Ich weiß, dass ihr mein Antlitz nicht mehr sehen werdet, ihr alle, bei denen ich durchgezogen, predigend das Reich Gottes“, sagte Bischof Martin feierlich bei seiner letzten großen Predigt in seiner Heimat vor 30.000 Gläubigen am 25. Mai 1874. Kurz danach wurde er verhaftet und von staatlicher Seite als Bischof abgesetzt und in der Festung Wesel eingekerkert. Mit Hilfe von Freunden konnte der Bischof schließlich entkommen und nach Holland fliehen. Schließlich starb er im belgischen Kloster Mont St. Guibert, fern der Heimat. Diese Geschichte kennen die Eichsfelder noch heute und sie hat ihre Haltung nachhaltig geprägt.
Ja, die Eichsfelder hätten einen besonderen Sinn für die Freiheit, erläuterte Henning im Gespräch mit dieser Zeitung. Er zog den Vergleich mit Bayern. Dort habe der Volksglaube im Staat immer eine Schutzmacht gehabt. Im Eichsfeld sei es genau andersherum gewesen. Staat und Religion seien strikt getrennt gewesen. Das habe im Umkehrschluss bedeutet: Der einzelne Katholik habe sich stärker um seine Gemeinde, seine Kirche kümmern müssen. In der Bundesrepublik wird das Verhältnis zwischen Kirche und Staat gerne als „hinkende Trennung“ beschrieben. Im Eichsfeld war es immer anders. Diese Unabhängigkeit schafft natürlich auch Selbstbewusstsein. Das ist hier aber nicht im Sinne der heutigen kirchenpolitischen Lager zu deuten. Der Eichsfelder kümmere sich um seine Kirche, weil es seine Kirche ist. Dahinter stehe keine kirchenpolitische Ideologie, so Henning. Die Eichsfelder Devise sei: „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“
Apropos Bayern: Ein besonderer Höhepunkt für Werner Henning war natürlich der Besuch von Papst Benedikt XVI. im Eichsfeld im Jahr 2011, dem dort ein triumphaler Empfang bereitet wurde. Wie Henning später durch ein Gespräch mit Georg Ratzinger herausfand: Die Ratzinger-Brüder hatten tatsächlich eine persönliche Beziehung zu der Region. In ihrer Jugend, als sie mit ihrer Familie in Tittmoning lebten, besuchten sie oft ein Kloster, in dem auch Mönche aus dem Eichsfeld lebten. Es stimmte also, als Benedikt 2011 vor den Tausenden von Gläubigen erklärte: „Ich wollte schon immer zu euch ins Eichsfeld kommen, um mit euch zu beten.“ So klein ist die katholische Welt, oder eben auch so groß. Heute wird Werner Henning 70 Jahre alt.
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