Dass Donald Trump ein eigenwilliger, schwieriger, nicht uneitler Partner jenseits des Atlantiks mit disruptiven Initiativen und einem betont undiplomatischen Stil werden würde, all das war den Staatenlenkern Europas nach der Erfahrung mit seiner ersten Amtszeit schon klar. Doch das erste Jahr der zweiten Amtszeit Trumps hat das Vertrauen Europas in das Weiße Haus weitgehend versenkt, und das liegt nicht einmal an den Alleingängen Trumps in Nahost und Venezuela, sondern am Umgang mit Grönland und der Ukraine.
Beide Schauplätze belegen, dass der US-Präsident von einem partnerschaftlichen Umgang mit den Staaten Europas und der Europäischen Union rein gar nichts hält, sondern auf US-amerikanische Alleingänge im Sinn einzig der Interessen Washingtons setzt. Im Fall der Ukraine haben europäische Regierungschefs in wechselnder Zusammensetzung stets noch um das amerikanische Vertrauen geworben, sich mit Kiew solidarisiert und immer neue Anläufe unternommen, sich im Spiel zu halten. Im Fall Grönlands liegt das transatlantische Verhältnis jetzt auf Eis, das Vertrauen ist in den arktischen Gewässern versenkt worden. Washington wird von Europa nun als Bedrohung wahrgenommen.
Keine Entspannung durch Diplomatie
Gewiss, wenn Trump tatsächlich – wie mehrfach angedroht – Truppen in Gang setzt, um die riesige, aber mit 57.000 Einwohnern bevölkerungsarme Insel militärisch einzunehmen, wird es nicht zu einem Krieg und wohl auch nicht zum Zerfall der NATO kommen. Die Entsendung europäischer Soldaten nach Grönland ist nur eine Zeichenhandlung, wenngleich eine deutliche. Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass acht europäische NATO-Mitglieder Soldaten nach Grönland schicken würden, um die dänische Insel gegen US-Begehrlichkeiten zu sichern? Und wen, außer die Machthaber in Moskau und Peking, kann diese transatlantische Zerrüttung freuen?
Die Gesprächsdiplomatie, auf die die Europäer teils aus Schwäche, teils aus Prinzip setzen, hat derweil keinerlei Entspannung gebracht. Dabei hat Trumps polternde Ankündigung, Grönland „besitzen“ zu wollen, durchaus wie ein Weckruf gewirkt: Nicht nur in Dänemark, sondern in ganz Europa ist mittlerweile klar, dass Grönland nicht nur ressourcenreich, sondern auch von wachsender geostrategischer Bedeutung ist. Seit 1951 besitzt Washington eine US-Militärbasis auf der Insel, und mit vertrauensbildenden Verhandlungen hätte Trump die aktuelle Präsenz von rund 200 US-Soldaten wohl signifikant aufstocken können – wie dies im Kalten Krieg ganz ohne US-Besitzansprüche der Fall war.
Kanada sucht Chinas Nähe
Weil Donald Trump aber nicht auf vertrauensvolle Verhandlungen mit Dänemark und Grönland setzte, sondern auf Drohungen, die Insel entweder zu kaufen oder militärisch einzunehmen, hat er nicht nur die Europäer aufgeschreckt. Aufgeweckt wurden so auch Amerikas weltpolitische Kontrahenten: Russland sieht in den Ambitionen Trumps wie in der Entsendung europäischer Soldaten „die nächste Provokation westlicher Länder“ und warnt vor Versuchen, „die Interessen Russlands in der Polarregion zu ignorieren, vor allem im Bereich der Sicherheit“.
Und China, das bislang keine Kriegsschiffe in der Arktis hatte (auch wenn Trump das behauptet), sondern nur Handelsschiffe, schmiedet in diesen Tagen eine neue strategische Partnerschaft mit Kanada, was ganz und gar nicht in Trumps Interesse sein kann. Donald Trumps rhetorischer und wirtschaftlicher Druck auf Kanada hat dazu geführt, dass sich Kanada jetzt stärker an China anlehnt. Der US-Präsident sollte mit Europa nicht denselben Fehler machen.
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