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Auf dem linken Auge weiter blind?

Äquinähe statt Äquidistanz? Über die Hufeisentheorie und die Nebeneinkünfte von Gregor Gysi.
Gregor Gysi
Foto: IMAGO / Matthias Wehnert | Ein Stand der Partei Die Linke mit dem Konterfei von Gregor Gysi auf dem Sachsen-Anhalt-Tag in Bernburg.

Alexander Gauland ist der „Elder Statesman“ der AfD. Der 85-Jährige ist nach eigenem Selbstverständnis aber auch ein konservativer Intellektueller. Zu sagen hätte er sicherlich vieles über die politische Kultur, wie sie ist und wie sie sein sollte. Aber spricht er dazu, etwa beim Verbandstag der Augenoptiker oder der Jahrestagung des Verbandes Deutscher Kühlhäuser und Kühllogistikunternehmen? Nein, die Verantwortlichen kämen wahrscheinlich nicht mal auf die Idee, eine Idee zu einer solchen Einladung überhaupt haben zu können. Einfach unvorstellbar. Schließlich ticken Teile der AfD-Mitgliedschaft extremistisch.

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Genau solche Vorträge hält aber Gregor Gysi. Auch er ein „Elder Statesman“, nur eben von der Linkspartei. Wer bisher verdrängt hatte, dass es dort auch radikale Töne gibt, der musste sich jetzt nur deren Bundesparteitag anschauen, wo im historischen Schulterschluss mit den Genossen aus KPD und SED die Delegierten fröhlich die Internationale anstimmten, natürlich mit der erhobenen geballten Faust. Dann beschimpfte der neue Parteivorsitzende Luigi Pantisano die CDU noch als latent faschistisch. Von den vielen Sympathisanten für einen Islamo-Gauchismo verbunden mit Israel-Hass gar nicht zu reden. Dass die Linkspartei ein Extremismusproblem hat, ist also gar nicht zu leugnen. 

Warum ist Gysi von der Linken so begehrt, keiner aber von der AfD?

Und trotzdem wird deren Vertreter vom bundesrepublikanischen Establishment gerne als launiger politischer Unterhaltungsredner gebucht – das zeigt die aktuelle Liste über Nebenverdienste von Bundestagsabgeordneten. Gregor Gysi soll demnach in einem Jahr gut eine Viertelmillion Euro mit seinen Auftritten eingenommen haben. Nun soll es gar nicht darum gehen, ob es angemessen sei, dass Abgeordnete in dieser Weise dazuverdienen. Hier ist die Frage: Warum ist Gysi von der Linken so begehrt, keiner aber von der AfD?

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Foto: privat / dpa/Montage pwi | Woche für Woche berichtet unser Berlinkorrespondent in seiner Kolumne über aktuelles aus der Bundeshauptstadt.

Nun könnte man anführen, Gysi zähle eher zum gemäßigten Flügel seiner Partei, in der Tat warnte er erst gerade wieder die „Linke“ vor Hardlinern. Aber die politische Biographie des Rechtsanwaltes fing ja nicht erst nach der Wende an: Seine Familie zählte zur DDR-Nomenklatura. Dass heute viele nicht mehr erkennen wollen, dass in der Linkspartei von heute die alte SED steckt, ist nicht zuletzt sein Verdienst. Das spricht zwar für das rhetorische Talent des großen Kommunikators, zeigt aber auch, er gehörte zu denen, die mitgeholfen haben, die Verbrechen des SED-Regimes zu vergessen. 

So eine Defizitliste lässt sich natürlich auch bei Alexander Gauland erstellen: Da sind seine unsägliche „Vogelschiss“-Rede und andere verbale Entgleisungen. Vor seiner AfD-Karriere galt er aber auch über Jahrzehnte als ein geschätzter CDU-Politiker. Auch diese Vita weist also Brüche auf. Bei dem einen, also Gysi, werden solche Wendungen als spannend empfunden. Bei Gauland gelten sie nur als Beleg für eine notorisch falsche Gesinnung. 

Die Hufeisentheorie ist längst Geschichte

Diese unterschiedliche Gewichtung unterstreicht: Die Hufeisentheorie ist längst Geschichte. Sie steht dafür, was in den Anfangsjahren der Bundesrepublik antitotalitärer Konsens genannt wurde: Äquidistanz zu Radikalen von rechts wie von links. Die einzige politische Kraft, die das zumindest offiziell noch ernst nimmt, ist die Union. Die CDU hat sich durch Unvereinbarkeitsbeschlüsse sowohl eine Zusammenarbeit mit der AfD wie mit der Linkspartei versagt. Das Beispiel Gysi zeigt aber, dass das im Grunde nur noch Nostalgie ist. Die CDU mag ja in Sonntagsreden ab und an die ja tatsächlich auch bestehende Gefahr beschwören, die von der Linkspartei ausgeht. Rein praktisch ist die Partei für das politische Establishment aber schon längst kein Paria mehr. In Ostdeutschland sehen manche aus der CDU in ihr sogar eine mögliche Mehrheitsbeschafferin, wenn es darum geht, eine Regierung gegen eine starke AfD zu bilden. 

Wie glaubwürdig ist das aber, bei den einen extremistische Inhalte zu ignorieren, um so besser den Staat vor anderen Extremisten schützen zu können? Nun beschwören manche eine Rückkehr zu der Hufeisentheorie. Man müsse sich einfach nur auf die alten Grundsätze besinnen und dann wäre wieder alles in Ordnung. Aber passt das noch zu der politischen Szenerie von heute? Es wird spannend werden: Beflügelt durch die zu erwartenden Ergebnisse in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern könnte es in der Union schon bald nicht mehr um Äquidistanz, sondern um Äquinähe gehen. Die Argumentation könnte sein: Wer eine Kooperation mit der Linkspartei nicht vorneherein ausschließt, der kann das auch nicht gegenüber der AfD tun.    

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Sebastian Sasse Gregor Gysi

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