Normandie

Dieppe - Kleine Stadt mit großer Geschichte

Das Seebad Dieppe, einst wichtigste Hafenstadt im Königreich Frankreich, wirbt heute mit seiner Nähe zu Paris.
Frankreich, Dieppe, 27.06.2022: Blick ueber den Hafen auf die Altstadt von Dieppe an der franzoesischen Kanalkueste im D
Foto: IMAGO/Michael Kneffel | Ein Rundgang im Hafen von Dieppe – heute vornehmlich ein Freizeithafen – eröffnet den Blick auf die historische Altstadt.

Philippe Ragault ist der letzte Meister seiner Zunft. Der Handwerker restauriert Schiffsmodelle aus Holz und Elfenbein. Das Atelier des 71jährigen liegt in der Altstadt von Dieppe, einem Seebad in der Normandie, 170 km nordöstlich von Paris. Über 300 Jahre war Dieppe Zentrum der Elfenbeineinfuhr nach Frankreich, bis 2016: Seither verbietet ein Erlass der damaligen Umweltministerin Ségolène Royal die Verarbeitung des edlen Rohstoffes. Seit dem Umweltgipfel COP26 in Glasgow gilt seit 2022 ein weltweites Handelsverbot für Elfenbein. Ragault, der jährlich weniger als ein Kilo Elfenbein bearbeitete, versteht, dass man Elefanten und Rhinozerosse schützen muss, aber gerne hätte er sein Wissen und sein Handwerk weitergegeben. Unmöglich, er darf nicht einmal mehr mit Altmaterial Werke von Sammlern restaurieren. Geblieben ist ihm, dass er Elfenbein-Expertisen macht, Holz-Modelle restauriert oder schwierige Perlmutt-Stücke bearbeitet.

Für Leben in Dieppe sorgen heute der Hafen und die Fischer. Mitten im historischen Zentrum der heute knapp 30 000 Einwohner zählenden Stadt liegt ein Jachthafen: Das Bassin Ango mit 410 Liegeplätzen an Pontons, ausgezeichnet 2019 mit dem Label „5-Sterne-Hafen“. Ansonsten lebt die Stadt im Rhythmus der beiden Hebe- und Drehbrücken, welche die Hafenbereiche trennen oder verbinden. Die Brücke, die auf den Namen von Wirtschaftsminister Colbert hört, wurde von einer Bürger-Initiative gerettet.

Schon die Wikinger waren dort

Erste Siedlungen in der Senke der Mündung des Flusses Arques gab es bereits, bevor die Wikinger im 10. Jahrhundert den natürlichen Hafen „deep“ für „tief“ nannten, daraus wurde Dieppe. Die Kirche St. Jacques, gelegen auf einem Jakobs-Weg, den englische Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela nutzten, ist das Herz der Altstadt, samstags findet hier ein lebendiger Wochenmarkt statt. 1283 begonnen, wurde die Kirche erst Ende des 17. Jahrhunderts fertiggestellt. Überragt von einem 42 Meter hohen Turm, findet sich an ihr daher ein eher untypisches Gemisch von spätgotischem und Renaissance-Stil, besonders am Turm und über der Rosette der Fassade. Zu Beginn der Neuzeit startet 1508 im Hafen von Dieppe das erste Schiff zur Erkundung von Neufundland. 1524 entdeckt Giovanni Verrazano mit „La Dauphine“ die Küsten Kanadas, nennt sie „Nouvelle France“ und legt damit den Grundstein für besondere Beziehungen zwischen Dieppe und Kanada. Kein Zufall daher, dass das normannische Dieppe eine Städtepartnerschaft mit Dieppe, in der kanadischen Ost-Provinz Nouveau-Brunswick pflegt.

Strategisch wichtiger Hafen

Für Frankreichs König Ludwig XIV. war Dieppe ein strategisch wichtiger Hafen. Bis 1694, denn da zerstört die englische Flotte die Stadt durch den Beschuss mit Brandbomben. Da sie zu 80 Prozent aus Fachwerkhäusern besteht, brennt sie praktisch ab. Nur das Hafenviertel Le Pollet und die steinernen Kirchen Saint-Rémy und Saint-Jacques überleben die Feuersbrunst. Festungsbaumeister Vauban überträgt seinem Architekten Ventabren den Wiederaufbau. Dieser folgt den Wünschen der Einwohner: Die Keller und die Straßenführung bleiben weitgehend erhalten. Lediglich beim Baumaterial setzt sich Ventabren mit roten und gelben Ziegeln durch. Und es entstehen die Arcaden am Hafen, bis heute wichtig für den Handel. Obwohl Englands Flotte 1694 Dieppe zerstört hatte, zieht die Stadt viele englische Bürger an. Nach dem Vorbild von Brighton entwickelt sich Dieppe ab 1815 zum Seebad, ein Casino folgt 1823, ferner die breite Rasenpromenade am Strand und zahlreiche „Salons de thé“.

Oberhalb der Stadt und der steil abfallenden Felsen zum Meer liegt das Château, mit massiven nördlichen Rundtürmen aus dem 14. Jahrhundert, heute historisches Museum der Stadt Dieppe: Schiffsmodelle und Seekarten, Erinnerungen an berühmte Söhne der Stadt, wie den Reeder Jean Ango und den Komponisten Camille Saint-Saëns, Geschichte und Kunstgeschichte.

Italienische Renaissance und normannischer Landhausstil

Dieppe war im 16. Jahrhundert Frankreichs wichtigster Hafen, dessen Geschichte eng verbunden ist mit Aufstieg und Fall des Reeders Jean Ango, der von 1480 bis 1551 lebte. Zuerst war Jehan Ango, wie sein Name damals geschrieben wurde, nur Bürger, dann Grenetier, Contrôleur du magasin de sel, Capitaine du chateau de Ville von Dieppe, König Franz I. ernannte ihn zum Vicomte de Dieppe. Zwischen 1530 und 1545 ließ er in Varengeville-sur-Mer, oberhalb von Dieppe, den Manoir d´Ango errichten. Italienische Renaissance und normannischer Landhausstil prägen die Sommeresidenz des Reeders. Bei der Besichtigung des riesigen Innenhofs fällt der Blick aus der Loggia in den Hof mit dem Taubenturm, der als der prächtigste der Normandie gilt. Der Manoir d´Ango wurde 1862 als eines der ersten Bauwerke als „monument historique“ klassifiziert.

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Ziel eines großen alliierten Kommandounternehmens

Am Mittwoch, 19. August 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg und unter deutscher Besatzung, wird Dieppe, Badeort und Hafenstadt in der Normandie, Ziel eines großen alliierten Kommandounternehmens. Bei der „Operation Jubilee“, so der Codename, landen 6 086 Soldaten und 30 Panzer unter dem Kommando von Lord Mountbatten, unterstützt von 252 Schiffen und zahlreichen Staffeln der alliierten Luftwaffe. Der Plan sah vor, Dieppe am Morgen zu besetzen, bis zum Abend zu halten und in der Nacht wieder zu räumen. Der britische Geheimdienst schätzt die deutsche Garnison lediglich auf ein Bataillon älterer Jahrgänge. Doch die Landungstruppen stoßen auf unerwartet harten Widerstand, erleiden hohe Verluste. Bereits am Vormittag erhält das Kommando den Befehl, sich wieder einzuschiffen. Bei der Bilanz am Abend wird deutlich, dass 68 Prozent der Angreifer in Dieppe geblieben sind, die meisten davon als Tote oder Gefangene. Damit endet die Operation für die hauptsächlich aus Kanadiern bestehenden Landungstruppen katastrophal.

Während die Alliierten daraufhin ihre Planungen für den Sturm auf die „Festung Europa“ im Juni 1944 ändern, feiert die Nazi-Propaganda die „gewaltsame Erkundung“ von Dieppe als „vergeblichen Invasionsversuch“. Bereits um 16 Uhr, so meldet Feldmarschall von Rundstedt nach Berlin, hat sich das Leben in der Stadt wieder normalisiert. Die Haltung der Bevölkerung sei „nicht nur untadelig, sondern völlig loyal“ gewesen. Die französische Widerstandsbewegung Résistance notiert, dass Einwohner den Besatzungstruppen geholfen hätten, britische Soldaten festzunehmen. Wie auch auf einer Votivtafel in der Kirche Notre-Dame de Bonsecours auf den westlichen Klippen oberhalb der Hafeneinfahrt nachzulesen ist, ordnet der „Führer“ daher am 12. September 1942 an, alle Kriegsgefangenen aus Dieppe und Umgebung freizulassen. Das ist eine der Votivtafeln, die anderen erinnern an die vielen Fischer und Seefahrer, die auf dem Meer geblieben sind.

Badeort und Abfahrtshafen

Geschichte und Erbe der Stadt Dieppe lassen sich nicht auf jene Stunden des 19. August 1942 vor nunmehr 80 Jahren reduzieren. Mit dem Slogan „La plage la plus proche de Paris“, der Strand, der am nächsten zu Paris liegt, empfiehlt sich die Stadt 170 km nordöstlich der französischen Hauptstadt Paris als Badeort am Ärmelkanal und Abfahrtshafen zur Überfahrt in Richtung England.

Die östliche Normandie und ihre Küche schöpfen aus reichen Quellen: Käse aus Neufchâtel, Cidre (Apfelmost) aus den Äpfeln des Pays de Bray, dazu alles, was das Meer so in die Küche und die Töpfe bringt: Jakobsmuscheln und Moules-Frites, also Muscheln mit Fritten, serviert an den Quais Duquesne und Henry IV. in den Cafés von Dieppe. Ein besonderes Erlebnis indes ist der Fischtopf in der „Marmite Dieppoise“, vier Fischsorten und Muscheln gehören in die „marmite“, serviert wird das Gericht zwischen den Ziegelwänden eines alten, typischen Lokals.

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