Der Begriff „gerechter Krieg“ klingt in christlichen Ohren wie ein Widerspruch in sich. Denn Gerechtigkeit ist die Gnade Gottes, die unser Herz mit seinem Frieden erfüllt und die unser Verhältnis zum Mitmenschen bestimmt. Krieg dagegen ist die Folge des durch die Ur- und Erbsünde zerstörten Verhältnisses des Menschen, der „wie Gott sein“ (Gen 3,5) wollte, zu seinem Schöpfer. Der Krieg zeigt sein diabolisches und dämonisches Gesicht in seiner destruktiven Gewalt gegen Sachen und Menschen bis hin zum Mord an dem Leben, dessen Herr allein Gott ist.
Christsein bedeutet das neue Leben mit Gott in Christus, der uns durch seinen Tod von der Gewalt des Todes befreit hat. „Wir sind gerecht gemacht aus Glauben und haben dadurch den Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn.“ (Röm 5,1) Daraus folgt die ethische Weisung: „Vergeltet niemand Böses mit Bösem! Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht! Soweit es möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden.“ (Röm 12, 17f.)
Zurück zum Brudermord
Wenn man all die historischen Kriege bis hin zur Aggression der Putin-Armee gegen die Ukrainer auf das wesensgebende Urelement zurückführt, kommt man zurück auf den Brudermord. Die unmittelbare Folge des Abfalls von Gott in der Sünde Adams ist die Zerstörung des natürlichen, nämlich brüderlichen Verhältnisses der Menschen zueinander. In der Mordtat Kains an seinem Bruder Abel haben wir gleichsam urtypisch das Wesenselement des Krieges sichtbar vor Augen.
Der Krieg ist gemäß der Definition des preußischen Militärtheoretikers Carl von Clausewitz „ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen.“ Der Traum der Gewaltmenschen von ihrer Weltherrschaft entspricht – mit Augustinus gesprochen – der „Civitas terrena“ in ihrem diametralen Gegensatz zum Reich Gottes, in dem allein der heilbringende Wille Gottes geschieht. Weil in der „Civitas Dei“ der heilige Wille Gottes das letzte Maß ist, herrschen dort Friede, Freiheit und Liebe im Heiligen Geist. Die „Werke des Fleisches“, also des Menschen, der sich von der Sünde beherrschen lässt, sind dagegen Ehebruch, Götzendienst, Spaltung und Feindschaft bis zum Tod.
Je mehr sich die Menschen von Gott entfernen, desto erbarmungsloser werden ihre Kriege. Dem „Tod Gottes“ (Deizid), den wir nach Nietzsche ermordet haben, entspricht der Massenmord an den Menschen (Genozid) entweder in der Ideologie der Ausbeutung und Ausrottung des Fremdartigen oder in der menschenfeindlichen Ökologie des Trans- und Posthumanismus. Er droht uns jetzt die reale Möglichkeit des absoluten und totalen Krieges, der mit dem möglichen Einsatz der atomaren Waffen in einem III. Weltkrieg die ganze Menschheit vom Erdboden vertilgen könnte.
Hinwendung zu den Götzen von Macht, Habgier und Wollust
Die innerste Wurzel dieses Willens zur Macht über Leben und Tod des Mitmenschen, sogar um den Preis der Selbstvernichtung, kann nicht naturalistisch erklärt werden. Den Menschen verstehen wir „in seiner Größe und in seinem Elend“, wie Blaise Pascal in seinen „Pensées“ schreibt, nur im Lichte Gottes, seines Schöpfers, Richters und Erlösers. Der Krieg kommt nicht aus dem Aggressionspotenzial, das wir von den tierischen Vorfahren der Spezies Mensch geerbt haben, sondern entstammt der Abkehr des rationalen und freien Willens von Gott und seiner Hinwendung zu den geschaffenen Dingen, die an der Stelle Gottes wie Götzen verehrt werden. Auf dem Altar des Feldherrnruhms, der Diktatoren-Phantasie von unbegrenzter Macht, des Klassenkampfes und der Rassenlehre, des nationalistischen Überlegenheitsdünkels und des imperialistischen Größenwahns wurden den Götzen von Macht, Habgier und Wollust schon Millionen unschuldiger Menschen geopfert.
Die einzige Überwindung der Gewalt durch die Gewaltlosigkeit geschah in der Übernahme der Schuld durch Gott selbst: Der Kreuzestod Christi war von Seiten der Menschen Lynch- und Justizmord und ist von Seiten Christi das freiwillige Leiden des Gottesknechtes: „Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen (…). Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes 53,5) Jesus, der Sohn Gottes, ist von Ewigkeit dem Vater im Gottsein gleich. Er hat sich, anders als Adam, nicht von dem Versprechen verführen lassen, in seiner menschlichen Natur „sein zu können wie Gott“ (Mt 4,6). In seinem Gehorsam als Mensch gegenüber dem Willen des himmlischen Vaters ereignete sich in seinem Blut die Versöhnung der Menschen mit Gott, seinem Vater, im Heiligen Geist. Und es tat sich die Möglichkeit des friedlichen Zusammenseins der Menschen miteinander auf. Theologisch spricht man von der Communio Gottes mit den Menschen, die als Reich Christi konkret und sichtbar beginnen soll in der Kirche als dem „allumfassende(n) Sakrament des Heils“ der Welt (Lumen Gentium, Nr. 48).
Den Gottesmord, den die Menschen mit der Kreuzigung des unschuldigen Jesus vollzogen hatten, hat der Sohn Gottes verwandelt in die freie Hingabe seines Lebens für das Heil der Welt. In seinem Blut haben wir die Versöhnung mit Gott und die Vergebung unserer Sünden. Die Christen lehnen kultische und martialische Menschenopfer in jeder Form als Ausdruck diabolischer Unmenschlichkeit und atheistischer Ungerechtigkeit ab. Denn die Gräuel des Krieges, die Verstümmelung und Vergewaltigung von Menschen, ihre Entwürdigung und Versklavung, die Abtreibung und Tötung von Kindern, sind nichts anderes als Menschenopfer an die Götzen der heidnischen Mythologien und der pseudomodernen Ideologien.
Adäquate, aber wohlverantwortete Gegengewalt durch Polizei und Militär
In unserem Verhältnis zu Gott in Christus sind wir von der destruktiven Gewalt der Sünde befreit. In Fragen des Glaubens erleiden wir in der Nachfolge des unschuldig gekreuzigten Jesus lieber Verfolgung und Verleumdung, als dass wir Böses mit Bösem vergelten. Die Märtyrer und Bekenner wissen, dass die Verfolger trotz ihrer Macht über unsere leibliche Existenz auf Erden uns letztlich nichts anhaben können, weil Gott unser Retter und ihr Richter ist. Daraus lässt sich auch die Kontroverse zwischen Papst Leo XIV. und Donald Trump verstehen: Weltlich betrachtet geht es um den Sieg über den Feind, geistlich betrachtet geht es im Lichte Christi um den Sieg über die Feindschaft.
Doch die Welt trägt noch die Zeichen der Unerlöstheit an sich, sofern die Menschen sich der Gnade Christi widersetzen und die Gläubigen „hoffen, dass mit der Erlösung ihres Leibes sie als Söhne Gottes offenbar werden“ (Röm 8, 23). Deshalb muss, wenn keine Alternative mehr gegeben ist, als Ultima Ratio auf der Ebene der zeitlichen Verhältnisse um des Gemeinwohls der Staatsbürger und der Völker willen die zerstörerische Gewalt von Tyrannen begrenzt werden durch eine adäquate, aber auch wohlverantwortete Gegengewalt durch Polizei und Militär.
In diesem Sinne haben die christlichen Autoren die Idee vom „bellum iustum“ (Cicero), dem gerechten Krieg, aufgegriffen. Aber sie haben sie umgewandelt in das Konzept einer gerechten Verteidigung der Einzelperson, der Familie, der Nation oder eines Staates gegen einen Aggressor, der zu allen unsittlichen Mitteln greift. Thomas von Aquin hat diesem Konzept des gerechten Krieges seine klassische Form gegeben. Diese Prinzipien gelten bis zum heutigen Tag in der katholischen Theologie, sind aber vom II. Vatikanum aktualisiert und in den Kontext der globalen Verantwortung gestellt worden unter dem Titel: „Die Förderung des Friedens und der Aufbau der Völkergemeinschaft“ (Gaudium et spes, Nr. 77–90). Für sich genommen ist Krieg immer Sünde. Aber als kleineres Übel kann er toleriert werden, wenn er erstens von der zuständigen Autorität angeordnet wird, wenn zweitens ein gerechter Grund vorhanden ist, um dem größeren Unrecht entgegenzutreten, und wenn drittens die rechte Absicht gegeben ist, nämlich nur das Unrecht zu begrenzen und nicht mit unsittlichen Mitteln selbst unsittliche Ziele zu erreichen.
Unter dem Eindruck der totalen Kriege im 20. Jahrhundert und der omnipräsenten Möglichkeit der Selbstauslöschung der ganzen Menschheit hat das II. Vatikanum die klassische Lehre von der gerechten Verteidigung aktualisiert. Es geht nicht nur um einen ethischen Appell an den guten Willen im Sinne der Ideologien der Weltverbesserung ohne Rücksicht auf den Grund der Unmenschlichkeit der Kriege in der Gottlosigkeit und Sündenverfallenheit des Menschen. Eine umfassende Friedensethik mit dem Ziel des Gemeinwohls der ganzen Völkergemeinschaft ist nur möglich, wenn wir begreifen, dass der Friede eine Frucht der Liebe Gottes ist, die durch den Heiligen Geist in unsere Herzen ausgegossen ist.
Der Verfasser ist Kardinalpriester und war von 2012 bis 2017 Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre.
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