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Öko-Religion für die Mittelklasse

Von Professor Norbert Bolz
Tagesposting: Die Weltmeister  des Guten
Foto: Kathrin Harms | Der Autor ist Philosoph und Medienexperte.

An der konkreten Politik jener Partei, die sich selbst noch „christlich“ nennt, kann man unschwer erkennen, dass wir in einer atheistischen Gesellschaft leben. Doch atheistisch heißt nicht areligiös. Im Gegenteil. Überall florieren Ersatzreligionen der Gottunfähigen. Der Aberglaube erweist sich hier als die Wahl der Eigenformel. Heute wird jeder nach seiner Fasson selig. Und deshalb leben wir in einem Polytheismus der Marken und Moden. Die Götter, die aus dem Himmel der Religionen verdrängt wurden, kehren als Idole des Marktes wieder.

Neben den Gläubigen ist längst der Religionskonsument getreten, der in die Kirche geht, um sich spirituell zu unterhalten. Auf dem Markt der Religionen dominiert die spirituelle Selbstbedienung, das Do-it-yourself der Selbsterlösung. Das attraktivste Angebot machen hier die Grünen, die sich ja gerade wieder mit zehn Prozent der Wählerstimmen in der Politik angemeldet haben und wohl Regierungsverantwortung übernehmen dürfen. Ihre Wirkung ist aber viel größer als diese Zahl es vermuten lässt. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass es den Grünen seit vielen Jahren gelingt, die anderen Parteien thematisch vor sich herzutreiben. Wie lässt sich das erklären?

Heute ist die Religion des Sorgens und Schützens die eigentliche Zivilreligion der westlichen Wohlstandswelt. Wir folgen dabei den grünen Hohepriestern, die uns weg von Gott Vater und hin zu Mutter Erde führen. Dieser Kult der Natur, der den Verlust der Gnade kompensiert, gipfelt in der Liebe zum Lebendigen an sich. Die Öko-Religion des heiligen Lurchs hat ihre Priester, ihre Pilgerfahrten und ihren Heiligen Gral.

Umwelt heißt der erniedrigte Gott, dem die Sorge und die Heilserwartung gelten. Die Heilssorge unserer Zeit artikuliert sich als Sorge um das ökologische Gleichgewicht. Und das bedeutet im Klartext: Für die fundamentalistischen Grünen ist Natur selbst die Übernatur. So funktioniert das Umweltbewusstsein als Quelle einer neuen Religiosität. Dieses grüne Glaubenssystem ist natürlich viel stabiler als das rote, das es ablöst. Die Natur ersetzt das Proletariat – unterdrückt, beleidigt, ausgebeutet. Die Enttäuschung des linken Heilsversprechens hat apokalyptische Visionen provoziert, nämlich solche vom Untergang der Umwelt. Die Öko-Religion ist der neue Glaube für die gebildete Mittelklasse, in dem man Technikfeindlichkeit, Antikapitalismus und Aktionismus unterbringen kann. Diejenigen, die sich mit religiöser Inbrunst der Natur zuwenden, sind von der Geschichte enttäuscht. Und weil sie sich nicht mehr in die Arme der Kirche zu werfen wagen, beten sie grüne Rosenkränze.

Diejenigen, die es entrüstet als Zumutung von sich weisen, Gott Vater anzubeten, huldigen ganz selbstverständlich einem Kult der Mutter Erde. Und der hat alle Evidenzen der modernen Medienwelt auf seiner Seite; das Foto vom blauen Planeten ist wohl das am häufigsten reproduzierte. Die ikonische Qualität der aus dem Weltraum gesehenen Erde hat der Öko-Religion eine unvergleichliche Aura verschafft. Dieses Bild steht für die Sakralisierung der Erde und die große Rückwendung des menschlichen Interesses von der Vermessung des Unermesslichen zur Sorge um die eigene Endlichkeit. Ein später Triumph für Heidegger, dessen Hauptwerk „Sein und Zeit“ vor 90 Jahren erschien.

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