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Die „Golden Globes“ zwischen Glamour und Trump

Die politische Großwetterlage strahlt auch auf Hollywood ab: Bei der Anmoderation der Preisverleihung wird noch systemkritisch gezündelt. Am Ende dominiert dennoch die Kunst.
Teyana Taylor
Foto: Imago / UPI | Teyana Taylor überzeugt als Terroristin im mehrfach ausgezeichneten Siegerfilm „One Battle After Another“.

Venezuela-Putsch und Grönland-Kauf, NATO-Ende und Marco Rubio als Kuba-Präsident. Dazu nach innen ein mitunter totalitaristisches Gebaren der Sicherheitsorgane: Es gäbe eine Menge, worüber sich die amerikanische Kulturszene aus Pop und Premium mit ihren berühmtesten Repräsentanten öffentlich echauffieren könnte. Einfach deshalb, weil es irgendwann ums Ganze geht – nämlich um die westliche Wertegemeinschaft aus Freiheit und Verantwortung und damit auch um die Zukunft von Kunst und Kultur nach heutigem Verständnis. Amerika, so nah …

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Gerade ist die Washingtoner Oper, ein großes Haus mit angesehenen Musikern und einem beachtlichen Spielplan, aus dem Kennedy Center ausgezogen. Dieses wurde inzwischen in „Donald J. Trump & John F. Kennedy Memorial Center for the Performing Arts“ umbenannt. Wahrgenommen wurde der Akt eher als Randnotiz vom Logenrang der Hochkultur, nicht als kulturwelterschütterndes Ereignis. Echte Spannung für ein interessiertes Breitenpublikum versprach dagegen die Verleihung der Golden Globes in der vergangenen Nacht.

100 Kritiker durften wählen

Das Pressekorps von Hollywood mit 100 namhaften Kritikern hatte wieder die Kino- und TV-Produktionen der Saison gesichtet und bewertet. Auf zwei Wahrnehmungsebenen der Black-Tie-Gala wurde denn auch systemkritisch gezündelt: Sowohl bei der Moderation als auch in den Handlungssträngen einiger preisgekrönter Filme ging es heftig zur Sache. Conférencière Nikki Glaser, politisch in der demokratischen Mitte angesiedelt, betrat gut vorbereitet die Bühne – und das nicht nur wegen ihrer acht verschiedenen Outfits. Coram publico kritisierte die scharfzüngige Stand-up-Comedian den restriktiven Umgang mit den Epstein-Files, die der amerikanischen Öffentlichkeit nur gekürzt, redigiert und geschwärzt zugemutet werden.

Vor allem aber drosch sie auf den Medienriesen CBS ein, der sich bei Information und Nachrichten zu einer „BS“-Institution entwickelt habe – wobei die Zwei-Buchstaben-Abkürzung für „Bullshit“ steht. CBS wird von David Allison kontrolliert, dessen Vater Larry gern mit Trump Kurzgebratenes und Frittiertes im Golfclub von Mar-a-Lago speist.

Der schwerreiche, 81-jährige Oracle-Chef hat erst im vergangenen Jahr mit Partnern 80 Prozent des US-TikTok-Geschäfts übernommen. Den Weg für diesen Coup hatte kein anderer als Donald Trump selbst in seiner typischen Manier bereitet: Mit der hemdsärmelig vorgetragenen Anordnung, TikTok müsse sein US-Geschäft verkaufen, schob er einer Investorengruppe um Allison das profitable Portal zu. Andernfalls hätte der Präsident der vor allem bei ganz jungen Nutzern beliebten Plattform den Saft abgedreht – wegen der nationalen Sicherheit, wie es hieß.

Schöne Terroristin

Doch nach der politisch brisanten Anmoderation ging es tatsächlich um die Kunst. Zum Siegerfilm in der Kategorie „Komödie“ wurde „One Battle After Another“ gekürt. Die absurde Erzählung über eine linksradikale Terrortruppe fokussiert nur scheinbar die innere Bedrohung durch gewalttätige Staatsfeinde. Tatsächlich artikuliert sich in dem Streifen von Paul Thomas Anderson, der dafür den Golden Globe für die Regie erhielt, eine große Klage über sich verselbstständigende Sicherheitsstrukturen, die ohne demokratische Kontrolle und unter dem Einfluss mafiöser Strömungen ihr Ding machen: rassistisch, totalitär, tödlich.

Zwar ging der im Film drogenbenebelte Leonardo DiCaprio als Hauptdarsteller leer aus, dafür gefiel an seiner Seite die schöne Alleskönnerin Teyana Taylor. Sie erhielt den Golden Globe als beste Nebendarstellerin. Durchtrainiert und smart balanciert sie zwischen düsteren Welten. Ihr Gen-Geheimnis: Durch einen sinistren Samenklau wirken in ihrer Tochter die Anlagen eines durchgeknallten, aber kampfesmutigen Security-Gardisten fort, der seinen perversen Phalluskult am liebsten am schwarzen Frauenobjekt auslebt.

Noch ein kleiner Spoiler: Liebhaber klassischer Stoffe werden Gefallen finden am ausgezeichneten Filmdrama „Hamnet“ der Regisseurin Chloé Zhao. William Shakespeare und seine Frau müssen im elisabethanischen England den Pesttod ihres geliebten Sohnes verkraften – in der Mutterrolle die zauberhafte Jessie Buckley. Das Drehbuch greift auf einen Roman von Maggie O’Farrell aus dem Jahr 2020 zurück, der in deutscher Übersetzung unter dem Titel „Judith und Hamnet“ erschienen ist.

Timothée Chalamet kann auch Tischtennis

Beim Streaming-Sieger „Adolescence“ geht es um einen 13-Jährigen, der des Mordes an einer Mitschülerin beschuldigt wird. Der englische Kinderdarsteller Owen Cooper glänzt in der Hauptrolle und überzeugte auch mit seiner kurzen Ansprache auf der Bühne. Kein Ende der steilen Karriere ist bei Timothée Chalamet in Sicht: Als bester Hauptdarsteller wurde er für sein virtuos-komödiantisches Spiel in der Tischtenniskomödie „Marty Supreme“ ausgezeichnet.

Wieder einmal leer gingen die Deutschen aus; ohnehin gab es nur zwei Nominierungen in der Sparte „Filmmusik“. Früher stand in jedem Arbeitszimmer von Studienräten, höheren Beamten, Angestellten und artverwandten Bildungsbürgern ein Leuchtglobus. Je nach Einstellung konnte man zwischen zwei Ansichten wählen: politische Grenzen oder das anspruchsvoll umgesetzte, geografische Relief. Schöner, weil ästhetisch reizvoller und sinnlich erfahrbarer, war letztere Variante. Bei der Verleihung der „Golden Globes“ hat das künstlerisch wertvolle Relief die politische Kartierung dominiert.

Mit Spannung darf man nun auf die Oscar-Verleihung blicken. Alle Golden-Globe-Preisträger gelten auch hier als favorisiert – und zwar wegen ihres künstlerischen, nicht wegen ihres politischen Profils.

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