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Systemcrash auf Persisch im deutschen Kino

Mit seinem neuen Film „Ein einfacher Unfall“ wirft Jafar Panahi einen bitterkomischen Blick auf die Frage, ob Opfer zu Tätern werden dürfen.
Als ein Automechaniker glaubt, seinen einstigen Peiniger wiederzuerkennen, entführt er ihn kurzerhand. Es beginnt eine Odyssee voller absurder Dialoge und fast slapstickhafter Situationen, die schließlich in die Wüste führt – begleitet von einer stetig wachsenden Reisegesellschaft, zu der auch ein Brautpaar gehört.
Foto: Les Films Pelleas | Als ein Automechaniker glaubt, seinen einstigen Peiniger wiederzuerkennen, entführt er ihn kurzerhand. Es beginnt eine Odyssee voller absurder Dialoge und fast slapstickhafter Situationen, die schließlich in die ...

Jafar Panahis neuer Film „Ein einfacher Unfall“ wurde beim Filmfestival von Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Das Werk des iranischen Regisseurs kreist um Gewalt, Erinnerung und Verantwortung – und ist zugleich ein stiller Akt des Widerstands eines Regisseurs, der seit Jahrzehnten unter Beobachtung, Verboten und Haftandrohungen arbeitet.

Anfang Dezember 2025 verurteilte ein iranisches Revolutionsgericht Panahi in Abwesenheit zu einem Jahr Haft sowie zu einem zweijährigen Ausreise- und Organisationsverbot wegen „Propaganda gegen das System“. Gegen das Urteil ist Berufung angekündigt. Panahi hält sich derzeit in den USA auf; bei einer Rückkehr in den Iran droht ihm Gefängnis – er soll im Januar vor der Abteilung 26 des Revolutionsgerichts in Teheran vor Gericht gestellt werden. Bereits 2010 war er vom Revolutionsgericht zu sechs Jahren Haft und einem 20-jährigen Berufs- und Ausreiseverbot verurteilt worden. Trotzdem entstanden seither heimlich fünf Filme – mit minimalen Mitteln, oft in Wohnungen oder Autos gedreht: „Dies ist kein Film“ (2011), „Pardé“ (2013), „Taxi Teheran“ (Goldener Bär der Berlinale 2015), „Drei Gesichter“ (2018) und nun „Ein einfacher Unfall“. Die Behörden, sich der internationalen Aufmerksamkeit bewusst, scheinen diese Arbeiten widerwillig zu tolerieren. 

Zugespitzte moralische Versuchsanordnung

„Ein einfacher Unfall“ geht auf Gespräche mit Mitgefangenen während einer erneuten Inhaftierung 2022 zurück. Damals wurde Panahi festgenommen, als er sich nach dem Schicksal seiner Regiekollegen Mohammad Rasoulof und Mostafa Aleahmad erkundigen wollte, die ebenfalls wegen ihres Engagements verfolgt wurden. Anfang 2023 trat er im Gefängnis in den Hungerstreik; zwei Tage später kam er frei und erhielt erstmals seit Jahren seinen Reisepass zurück.

Der Film beginnt mit einer Szene scheinbarer Normalität. Ein Mann (Ebrahim Azizi) fährt nachts mit seiner schwangeren Frau und der kleinen Tochter über eine dunkle Landstraße. Popmusik dröhnt aus dem Radio, das Kind tanzt auf dem Rücksitz. Dann der dumpfe Aufprall: Ein Hund wird überfahren. „Es war nur ein Unfall“, sagt die Mutter – ein Satz, der sich als bitterer Refrain durch den Film zieht. Kurz darauf bleibt das Auto liegen, ausgerechnet vor der Werkstatt von Vahid (Vahid Mobasseri), einem Mechaniker mit chronischen Nierenschmerzen und einer Vergangenheit als politischer Gefangener. Am Quietschen der Beinprothese glaubt Vahid den Fahrer zu erkennen: Eghbal, den früheren Folterer im Gefängnis.

Was folgt, ist kein klassischer Rachethriller, sondern eine grotesk zugespitzte moralische Versuchsanordnung. Vahid verschleppt den Mann, sperrt ihn in den Werkzeugkasten seines Lieferwagens und beginnt eine nächtliche Odyssee durch Teheran und seine Peripherie. Er sucht andere ehemalige Häftlinge auf: den Buchhändler Salar (George Hashemzadeh), die Hochzeitsfotografin Shiva (Mariam Afshari) samt Brautpaar im Festgewand, den hitzköpfigen Arbeiter Hamid (Mohamad Ali Elyasmehr). Alle haben unter dem Regime gelitten, alle tragen ihre Traumata – und sind doch uneins in einer Frage: Was tun mit dem mutmaßlichen Täter?

Trauma tritt an die Stelle der Gewissheit

Panahi erzählt diese Geschichte mit überraschender Leichtigkeit. Schwarzer Humor, absurde Dialoge und fast slapstickhafte Situationen – eine Geburt im Lieferwagen, Bestechungsgelder über Kartenlesegeräte – durchziehen den Film, ohne ihn je ins Lächerliche kippen zu lassen. Die Komik wirkt wie ein Ventil, nicht wie Entlastung. Sie legt die Absurdität eines Systems frei, in dem Gewalt Alltag und Korruption zur zweiten Natur geworden ist. Kameramann Amin Jafari findet in Werkstätten, Lieferwagen und der weiten Wüste Bilder von beklemmender Klarheit. Diese Räume sind mehr als Schauplätze; sie wirken wie äußere und innere Gefängnisse. Besonders eindrücklich ist eine lange Einstellung in der Wüste, in der Hamid in einem Wutanfall jede Form von Passivität geißelt – ein Monolog, der weniger als Anklage denn als Ausdruck tiefer Verzweiflung erscheint.

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Panahi verweigert eine einfache Antwort auf die Schuldfrage. Ob der gefesselte Mann tatsächlich der Folterer ist, rückt im Verlauf des Filmes in den Hintergrund. Wichtiger ist, was die mögliche Konfrontation in den Opfern auslöst. Identifikation geschieht über Stimme, Geruch, Berührung – über Sinneseindrücke, nicht über gerichtsfeste Beweise. Das Trauma tritt an die Stelle der Gewissheit. So stellt sich die zentrale Frage des Films: Führt die Übernahme der Methoden des Unterdrückers zur Befreiung – oder nur zur Fortsetzung der Gewaltspirale?

Panahi kennt diese Frage aus eigener Biografie. Seine Filme sind seit Jahren Versuche, Menschlichkeit unter widrigsten Umständen zu bewahren. „Ein einfacher Unfall“ wirkt dabei wie ein reifer Endpunkt dieser Suche: kein Pamphlet, keine verbitterte Abrechnung, sondern eine ernste, schmerzhafte Meditation über Verantwortung. Das Kino, so scheint Panahi zu sagen, kann die Geschichte nicht zurückdrehen. Aber es kann verhindern, dass wir sie mit dem Etikett „Unfall“ versehen und begraben.

„Ein einfacher Unfall“. Regie: Jafar Panahi, Iran 2025, 103 Minuten, ab dem 8. Januar im Kino.


Der Autor ist Historiker und schreibt aus Berlin zu Kunst, Kultur und Film.

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José García

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