Der Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 mit 1.182 Todesopfern war der größte Massenmord an Juden seit dem Holocaust. Wie unter dem Eindruck eines solchen Ereignisses dennoch das Ringen um Frieden zwischen Israelis und Palästinensern aussehen kann, war Thema einer bewegenden Podiumsdiskussion beim Katholikentag unter dem Titel „Jetzt erst recht“.
Vor mehreren hundert Zuhörern begegneten sich zwei Persönlichkeiten, die aus unterschiedlichen Perspektiven kommen, aber ein gemeinsames Ziel verfolgen: Frieden. Die Rabbinerin Ruti Baidatz aus Jerusalem, Mitglied der Organisation „Rabbis for Human Rights“, und Munib A. Younan, emeritierter evangelisch-lutherischer Bischof in Jordanien und dem Heiligen Land, zeichneten das Bild einer Region, in der Gewalt und Entmenschlichung den Alltag bestimmen – und in der dennoch Menschen beharrlich für Verständigung eintreten.
Frieden braucht Gerechtigkeit
Ruti Baidatz beschreibt sich selbst als säkulare humanistische Rabbinerin. Sie sei säkular geworden, ohne das Judentum zu verlassen, betont sie. Ihrer Organisation gehören inzwischen mehr als 450 Rabbiner an, viele davon mit direkter Arbeit in palästinensischen Gebieten. Gemeinsam mit Partnerorganisationen wie Sabil, in der sich auch Bischof Younan engagiert, versuchen sie, religiöse Stimmen für Frieden und Menschenrechte hörbar zu machen.
Younan beschreibt sich als Araber, Christ und palästinensischer Flüchtling. Sein theologischer Ansatz ist klar: Frieden braucht Gerechtigkeit. Gemeinsam mit Baidatz versucht er, die Sprache religiöser Führung zu verändern. „Wir sind nicht in der Mehrheit“, räumt er ein. Doch er erinnert daran, dass große Bewegungen oft klein beginnen: „Auch damals hat es mit zwölf Jüngern angefangen.“
Besonders eindrücklich schilderte Baidatz ihre persönliche Reaktion auf den 7. Oktober. Das Massaker habe bei ihr ein tiefes Trauma ausgelöst. Eine Woche lang habe sie kaum sprechen können und das Gefühl gehabt, nicht mehr atmen zu können. Im Saal war die Anspannung spürbar, als sie ihre Erfahrungen schilderte.
Kritik an der politischen Entwicklung in Israel
Gleichzeitig sparte sie nicht mit Kritik an der politischen Entwicklung in Israel. Baidatz beklagte eine zunehmende Entmenschlichung der Palästinenser durch den Staat Israel, deren Leid oft nicht nur ignoriert, sondern mitunter sogar offen begrüßt werde. Rund zwei Millionen Menschen im Gazastreifen lebten unter menschenunwürdigen Bedingungen in einem Klima aus Angst und Hass.
Auch Bischof Younan schilderte die Lage mit drastischen Worten. Der Konflikt dauere faktisch seit der Staatsgründung Israels 1948 an. Gaza sei in weiten Teilen zerstört, das Leid der Bevölkerung unerträglich. Zugleich kritisierte er die internationale Politik. Zwar werde immer wieder über eine Zweistaatenlösung gesprochen, doch echte politische Konsequenz sei kaum erkennbar. Auch im Westjordanland verschärfe sich die Lage durch fortgesetzten Siedlungsbau und Landenteignungen auch gegenüber christlichen Palästinensern.
Für beide Podiumsteilnehmer war klar: Frieden entsteht nicht von selbst. „Für den Frieden müssen wir jeden Tag beten“, sagte Baidatz. Frieden sei ein zentraler Wert ihrer Tradition. Er werde aber erst möglich, wenn Menschen erkennen, dass Gewalt keine Zukunft bietet. Bis dahin gehe man auf die Straße, organisiere interreligiöse Demonstrationen und setze Zeichen – trotz persönlicher Risiken. Viele Friedensaktivisten auf beiden Seiten würden dafür Repressionen erleben.
Deutschland in der Verantwortung
Younan betonte, echter Friede könne nur auf Gerechtigkeit gründen. Extremismus müsse offen benannt werden – unabhängig davon, ob er jüdisch, muslimisch oder christlich motiviert sei. Entscheidend sei dabei die Bereitschaft zur Selbstkritik.
Auch Deutschland sehen beide in der Verantwortung. Baidatz appelliert an das Publikum, demokratische Kräfte in Israel zu unterstützen und dem Hass entgegenzutreten. Younan verwies auf Deutschlands besondere Verantwortung gegenüber Israel – ergänzte aber: Daraus erwachse auch eine Verantwortung gegenüber den Palästinensern. Wer Frieden wolle, dürfe nicht nur eine Seite sehen.
Das Podium machte deutlich: Frieden im Heiligen Land ist derzeit fern. Aber es gibt Menschen, die sich weigern, die Hoffnung aufzugeben. Gerade deshalb: jetzt erst recht.
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