Die überreiche Kunst im Innern des Petersdoms ist kaum erschöpfend darzustellen. Man sollte dennoch sein Augenmerk auch auf Details richten. Möglicherweise kann man an den Füßen der Baldachinsäulen über dem Wappen Urbans VIII., bürgerlich: Maffeo Barberini, versteckt das verzerrte Gesicht von Berninis Schwägerin während der Geburt ihres Kindes finden. Zu solchen Extravaganzen waren die Baumeister des Barocks immer wieder bereit. Die Kunst schöpfte damals ihren Reichtum aus der Mitte des Lebens.
Die Bronze des bewegten Baldachins mit seinen gedrehten Säulen ist kein gewöhnliches Metall, sondern soll auf Geheiß des Papstes aus dem Pantheon entnommen worden sein. Die Römer dichteten: „Quod non fecerunt barbari, fecerunt Barberini.“ – „Was nicht einmal die Barbaren taten, das taten die Barberini.“ Der Baumeister war zu seiner Zeit nicht gänzlich unumstritten. So ist es zu erklären, dass einige argwöhnten, Bernini hielte die eigenen Bauprojekte für so wichtig, dass er altehrwürdige Stätten als Erzmine verwendete. Gleichwohl gilt der Baldachin heute als die herausragende Leistung des Genies, das auf allen Feldern der Künste zu glänzen vermochte, sogar auf dem Gebiet der Ingenieurskunst. Denn wie die bewegten, gedrehten Säulen und das Dach in Etappen gegossen und dann zusammengefügt wurden, gilt als technische Meisterleistung dieser Zeit.
Ein eigens organisierter Industriebetrieb auf Zeit
Seit dem frühen 16. Jahrhundert markierten die Fortschritte in den Metallgussverfahren, nicht zuletzt auch im Zusammenspiel mit Fortschritten bei der Waffentechnik, ein wichtiges Kapitel der vorindustriellen Wirtschaftsgeschichte. Benvenuto Cellini – selbst Goldschmied und Bronzegießer – schilderte in seiner Autobiografie und im Trattato della scultura den Guss seines Perseus zwischen 1545 und 1554 in dramatischen Worten, einschließlich einer Havarie des Schmelzofens. Solche Berichte zeigen, wie riskant und technisch anspruchsvoll großformatige Einzelgüsse noch waren, aber auch, wie bewusst man mit den Grenzen des Verfahrens umging. Hector Berlioz machte das zum Thema seiner Oper „Benvenuto Cellini“.
Zurück zu Berninis Baldachin: Da die fertigen Bronzeteile angesichts ihres Gewichts nicht weit transportiert werden konnten und der Guss unmittelbar an den Einbauort gebunden war, fand die gesamte Produktionskette – Modellbau, Formherstellung, Guss, Ziselierung, Vergoldung, Montage – in einem temporären Werkstattkomplex innerhalb des Vatikans unmittelbar bei der Baustelle statt. Die fertig gegossenen Segmente wurden dort zusammengesetzt und im Inneren der Basilika auf den bereits gegossenen Fundamentpfeilern aufgestellt. Das Projekt war damit weniger ein Auftrag an eine bestehende Gießerei als vielmehr ein eigens organisierter Industriebetrieb auf Zeit – mit allem, was dazugehörte: Materiallieferungen, Spezialhandwerkern aus verschiedenen Gewerken und einer zentralen Bauleitung unter Berninis künstlerischer Oberaufsicht: ein Werk scheinbar für die Ewigkeit.
Ein Blitzpapst und ein Genie
Eine Ewigkeit, die jedoch immer wieder Vergänglichkeit reflektiert, spiegeln die Grabstätten. An der Ruhestätte Leos XI., der nach nur 26 glanzvollen Tagen im Papstamt das Zeitliche segnete, finden sich Reliefs mit welkenden Rosensträußen und der Aufschrift „Sic florui“ – „So bin ich verblüht.“ Wegen seiner außergewöhnlich kurzen Regierungszeit erhielt er im Volksmund den Beinamen Papa Lampo, „Blitzpapst“, oder auch „Acci de vento“, ein Windhauch. Er hieß bürgerlich Alessandro Ottaviano de’ Medici, entstammte also dem berühmten florentinischen Herrscherhaus und war ein Großneffe von Papst Leo X. Im Kontext der Baugeschichte St. Peters ist er nur eine Randnotiz: Sein Nachfolger Paul V. war es, der Carlo Maderno anwies, das Langhaus anzufügen und damit den Grundrissstreit zugunsten des lateinischen Kreuzes zu entscheiden.
Eine kunsthistorisch bedeutende Verewigung findet sich an der berühmten Pietà: Die trauernde Gottesmutter trägt eine dünne Schärpe mit der eingemeißelten Unterschrift Michelangelos. Der hatte später jedoch einen Moment der inneren Bekehrung und bereute seinen Stolz auf sein Meisterwerk, sodass die Pietà das erste und letzte Werk blieb, das Michelangelo signierte.
Zahlreiche weitere, berühmte wie versteckte Schätze haben ihr Zuhause im Petersdom. Eine offiziell genau erfasste Gesamtzahl aller kunsthistorisch bedeutsamen Objekte existiert nicht, und ein vollständiges, publiziertes Inventar ebenso wenig. Die Basilika beherbergt nachweislich rund 395 Statuen, etwa 135 Mosaike (viele nach Gemälden großer Meister), gut 45 Altäre und elf Kapellen – jede für sich ein Ensemble bedeutender Kunstwerke.
Die wirklichen Schätze sind die religiösen
Doch die größten unter ihnen sind keine konkreten Artefakte oder anekdotenhaften Details, sondern auf eine immateriell-spirituelle Weise verborgen und doch gegenwärtig. Denn die ganze Geschichte und all der Prunk erhalten ihre Weihe letztendlich erst durch die wirklichen Schätze, und das sind die religiösen: Wer den Dom bewundert, muss sich stets erinnern, dass die Erhabenheit seiner Kunst ja lediglich eine plumpe Metapher der viel erhabeneren Religion ist, der er dient. Wir feiern darum nicht nur das Jubiläum eines Bauwerks, sondern mehr noch die hohen Ideale und den Glauben, der die Künstler und Handwerker aus vier Jahrhunderten zu solchen Meisterleistungen menschlicher Schaffenskraft angeregt hat. St. Peter, seine Erbauung, seine ganze Geschichte sind ein Akt des Glaubens, ähnlich wie eine Wallfahrt dahin, wo am Grab des Apostels die Christenheit ihr geistliches Zentrum gefunden hat.
Den liturgischen Höhepunkt des Jubiläums von Neu-Sankt-Peter bildet ein feierliches Pontifikalamt am 18. November 2026, genau 400 Jahre nach der Einweihung durch Papst Urban VIII. Die Messe wird von Papst Leo XIV. zelebriert.
Veranstaltungen zu 400 Jahre Neu-Sankt-Peter
Durchgehendes spirituelles Programm
Jeden Samstag um 15.30 Uhr finden am Altar der Cathedra
Petri sogenannte „Geistliche Erhebungen“ statt – Gebet
und Polyphonie, gesungen von der berühmten Cappella Giulia, dem Basilikachor.
Kreuzweg von Manuel Dürr
Seit der Fastenzeit 2026 wird ein neuer Kreuzweg des jungen Schweizer Künstlers Manuel Dürr (Gewinner eines internationalen Wettbewerbs von 2023) in der Basilika ausgestellt, eingeweiht wurde er am 20. Februar 2026.
Digitale und technische Neuerungen
Ein neuer Audioguide in sieben Sprachen führt Besucher durch zwölf zentrale Stationen der Basilika. Zusätzlich wurde ein
KI-gestütztes Sprachmittlungssystem eingeführt, das die Heilige Messe in 60 Sprachen auf dem Smartphone übertragbar macht. Auch der Zugang zum Dach der Basilika wird erweitert, ein neues Online-Reservierungssystem soll die langen Warteschlangen reduzieren.
Projekt „Oltre il visibile“ (Jenseits des Sichtbaren)
In Zusammenarbeit mit dem Energiekonzern Eni wird ein
umfassendes Monitoring-System mit Sensoren und
modernster Scantechnologie eingerichtet, um den baulichen
Zustand des Petersdoms dauerhaft zu überwachen.
Ausstellung „Bernini und die Barberini“
Palazzo Barberini, Rom
Bis zum 14. Juni 2026 zeigen die Gallerie Nazionali d‘Arte Antica im Palazzo Barberini eine große Bernini-Schau.
„Vasari e Roma“
Musei Capitolini / Palazzo Caffarelli; bis zum 19. Juli 2026
zeigt das Museum eine Ausstellung zu Giorgio Vasaris Rolle
als Maler, Architekt und Autor.
Die Veranstaltungen werden fortlaufend ergänzt.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.






