Bekenntnis braucht Zeichen, Religion braucht Symbole, Kirche braucht ein Haus. Der Petersdom, wie wir ihn heute kennen, ist mit 400 Jahren ein relativ junges Haus. Der Vorgängerbau ist rund 1.300 Jahre älter. Bis zur Konstantinischen Wende war das Christentum eher eine religiöse Kraft im Verborgenen. Erst als der Kaiser 313 die Verfolgung der Christen beendete, soll der heilige Papst Silvester ihn gebeten haben, über dem Grabmal Petri eine Kirche zu bauen. Teile der dort unter Kaiser Nero erbauten Rennbahn dienten als Fundament, sodass sich vor der Basilika ein geräumiger, von Säulen gesäumter Platz ausdehnte – ein Vorläufer des Petersplatzes, wieder von Säulen umgeben, wieder in der Mitte der Obelisk aus eben jener Rennbahn.
Für die Hauptkirche des Christentums schaffte man weitere einhundert Säulen aus nun nicht mehr benötigten heidnischen Tempeln heran. In vier Reihen zerschnitten sie das Langhaus in vier Kirchenschiffe; die beiden größten Säulen trugen den Triumphbogen als Eingang zum Heiligtum: dem über Petri Grab errichteten Altar, den Papst Hadrian I. später mit Gold verkleidete; der Boden um ihn wurde versilbert. Ringsum leuchtete die Apsis in schmuckvollem Mosaik und trug die Inschrift: „Dir, dessen Hand im Triumph die Welt zu den Sternen emporhob, hat den erhabenen Tempel errichtet Konstantin der Sieger.“
Größer, höher, imposanter
Über die Jahrhunderte wetteiferten Päpste, Kaiser und Pilger darin, den Prunk des Baus mit möglichst ranggemäßer Freigiebigkeit zu mehren, bis selbst das Dach im Glanz vergoldeter Bronze erstrahlte. Doch noch kostbarer als diese ruhmreiche Extravaganz waren die Erinnerungen und Denkmäler, von welchen die Basilika prall gefüllt war und die so über ein Jahrtausend christlicher Geschichte Zeugnis gaben. Ihre eigene Geschichte endete 1447 mit der Thronbesteigung Nikolaus’ V. – es ist der Übergang vom Mittelalter in die Neuzeit, gekennzeichnet durch das auch unserer Epoche vertraute Gefühl, aus den Schuhen von Tradition und Geschichte herausgewachsen zu sein, sodass alles neu gemacht werden müsse. Kurz: St. Peter sollte umgebaut werden. Tatsächlich war dies auch aus statischen Gründen nicht ganz unangebracht, denn über die Jahrhunderte war der Bau um einige Fuß gefährlich aus dem Lot gewichen.
Die Planungen für das gewaltige Projekt dauerten einige Zeit, und erst unter Julius II. genügten die Baupläne Bramantes den Ansprüchen; nicht zuletzt, da sie alle anderen – ohnehin schon ambitionierten – Pläne noch an Größe und Kühnheit übertrafen. Man begann damit, den alten Bau stückweise einzureißen und das neue Fundament zu legen – dem Geist der Zeit im Übergang von der Renaissance zum Barock entsprechend natürlich noch größer, noch höher, noch imposanter.
Baut dem Herrn ein neues Haus
Am 18. April 1506 wurde der Grundstein gelegt. Von hier an sollte die Vollendung von Kirche, Vorhalle und Platz 150 Jahre in Anspruch nehmen, sodass ganze Generationen von Bauleuten das Ergebnis ihres Lebenswerkes niemals zu Gesicht bekamen. Hierin liegt gleichzeitig das Unglück von St. Peter: Keiner der Nachfolger wollte die Pläne seines Vorgängers vollenden, sondern dem größten Dom der Welt immer einen eigenen Stempel aufdrücken. Den ursprünglichen Plänen Bramantes zufolge sollte der Grundriss ein griechisches Kreuz (also mit vier gleich langen Armen) abbilden, auf deren inneren Eckpfeilern die Kuppel ruht.
Als Papst Julius II. starb, bestieg Leo X. den Stuhl Petri und ernannte Giuliano da Sangallo zum Baumeister, der den Dienst jedoch nach nur anderthalb Jahren quittierte und die Leitung an den jungen Raffael abgab. Der machte aus dem Grundriss des griechischen Kreuzes ein lateinisches, sodass St. Peter ein längliches Hauptschiff erhielt – wenigstens, bis Raffael von Baldassare Peruzzi abgelöst wurde, der den Dom zum griechischen Kreuz zurückführen wollte. Als Peruzzi 1536 starb, übernahm Antonio da Sangallo die Bauleitung und kehrte seinerseits zum lateinischen Kreuz zurück. Auf ihn folgte durch inständiges Bitten Pauls III. schließlich der schon 72-jährige Michelangelo, der seine Arbeit an den ursprünglichen Plänen Bramantes orientierte – nun wieder mit griechischem Kreuz. Ihm ist vor allem die Kuppel zu verdanken, die er in meisterhafter Weiterentwicklung der Pläne Bramantes deutlich höher und schlanker errichtete.
Die Kuppel der Hagia Sophia mit fast 32 Metern Durchmesser war fast tausend Jahre lang die größte der Welt; Michelangelo schuf seine Kuppel mit einem Innendurchmesser von circa 42 Metern – eine bewusste Übertrumpfung. Das christliche Rom im Westen übertrifft das verlorene Konstantinopel im Osten. Die nächsten drei Baumeister folgten Michelangelos Plänen, und erst der vierte, Carlo Maderno, fügte ihnen auf Anordnung Pauls V. ein Langschiff hinzu, sodass das lateinische Kreuz als Grundriss am Ende obsiegte.
Eine Weihe voller Zeichen
Am 18. November 1626 nahm Papst Urban VIII. die feierliche Weihe des Domes vor, 1.300 Jahre nach der Gründung der älteren Basilika Konstantins mit der Weihe durch Papst Silvester I. Die Zahl war kein Zufall, sondern ein Zeichen der Kontinuität – und der Überbietung. Einem erhaltenen Augenzeugenbericht zufolge zogen am Vortag Tausende von Menschen durch blumengeschmückte Straßen von der Basilika San Marco nahe der Piazza Venezia zum Petersdom – eine große Volksprozession, die die Kirche buchstäblich „wie in einer Umarmung“ umschloss.
Die eigentliche Kirchenweihe folgte dem alten, mehrteiligen Ritus: Zunächst schritt Urban VIII. außen um die Basilika und besprengte die Fassade mit Weihwasser. Dann trat er ein und vollzog den sogenannten Alphabetus-Ritus: In auf dem Boden verstreuter Asche zeichnete er mit dem Bischofsstab die Buchstaben des griechischen und des lateinischen Alphabets – ein uraltes Symbol für die Universalität der Kirche über alle Sprachen und Völker. Anschließend salbte er die in Mosaik ausgeführten Weihekreuze an den Wänden und Pfeilern mit Chrisam-Öl – auch dies Teil des klassischen Weihrituals. Die Zeremonie schloss mit einem feierlichen Papstgottesdienst.
Der Petersdom von 1626 war noch kein vollendetes Kunstensemble. Berninis gewaltiger Bronzebaldachin über dem Papstaltar, mit dessen Bau 1623 begonnen worden war, wurde erst 1633/34 fertiggestellt. Urban VIII. verfügte, dass fortan der 18. November als Festtag der Weihe der Apostelbasiliken Petrus und Paulus im Kirchenkalender begangen werden solle – und wieder war es ein Fest, das bis heute im römischen Kalender verzeichnet ist. Ergänzt wurden später noch die Treppen und Kolonnaden des Petersplatzes – durch niemand Geringeren als Bernini, den womöglich inspiriertesten und vielseitigsten Künstler des italienischen Barock, der auch die Pfeiler im Inneren mit buntem Marmor verkleidete.
Das Miteinander verschiedener Stile ist eines der Merkmale von St. Peter: die älteren Teile aus der vornehmen Renaissance, die jüngeren aus dem bewegten Barock. Aus der alten Basilika übernommen hat man abgesehen vom Grabmal Innozenz’ VII. lediglich die Bronzetür und das darüberliegende „Schifflein Giottos“ – ein gewaltiges Mosaik, das der florentinische Künstler 1298 für die alte Peterskirche schuf, deren Außenfassade es schmückte. Gezeigt wird das Schiff der Kirche, wie es von den Aposteln nur mit Mühe gebändigt und gegen die Winde des bewegten Meeres verteidigt wird.
Fest des Glaubens und der Kunst
Wer sich die immense Größe wirklich vor Augen führen will, muss im Innern den Blick senken auf den Boden des Mittelschiffs, wo der aufmerksame Betrachter Markierungen findet, die zum Vergleich die Längen der nächstkleineren Kirchen anzeigen. 21.190 Quadratmeter misst die Domfläche – fast das Dreifache des Kölner Doms. Und während die Pfeiler im Hauptschiff schon breit genug wären, dass man eigene Kapellen in sie hineinhauen könnte, sind die vier kuppeltragenden Säulen mit einem Umfang von 71 Metern geradezu gigantisch. In ihren Nischen stehen die fünf Meter hohen Statuen der Heiligen, deren Reliquien sie beherbergen: das Schweißtuch der Veronika, ein Teil des von Helena aufgefundenen Kreuzes, die Lanze des Longinus, schließlich das Haupt des Apostels Andreas. Auf ihnen ruht die Kuppel mit Bezügen zu Konstantinopel und baugeschichtlichem Verweis nach Florenz: Sie überwölbt das Grab Petri und flutet aus ihren 16 Fenstern Licht in die übrigen Hallen. Die Kuppel ist kilometerweit zu sehen, verewigt auf zahllosen Stichen, Gemälden und Fotos – nur nicht, wenn man unmittelbar vor der Domfassade steht. Außer den Apostelfürsten beherbergt der Dom die Reliquien fünf weiterer Jünger sowie den Leib des Evangelisten Lukas und die Gräber von über 90 Päpsten.
Der Autor studiert an der päpstlichen Universität Angelicum in Rom.
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