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Gott steht nie im Abseits

Als Fifa-Schiedsrichterchef steht der Schweizer Massimo Busacca im Weltfußball an höchster Stelle. Der Katholik plädiert für Professionalisierung, Menschlichkeit und christliche Werte.
Der Mann in Schwarz trägt selten Gelb: Auf dem Platz ist der Fifa-Funktionär Massimo Busacca nur noch bei Benefizspielen in Aktion.
Foto: Sportfoto Zink / Melanie Zink via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Der Mann in Schwarz trägt selten Gelb: Auf dem Platz ist der Fifa-Funktionär Massimo Busacca nur noch bei Benefizspielen in Aktion.

Er ist der höchste operative Schiedsrichter-Funktionär der Welt: Massimo Busacca, 57 Jahre alt, Schweizer und katholisch. Als Leiter der Schiedsrichterabteilung beim Weltfußballverband Fifa ist er verantwortlich für die Ausbildung, Entwicklung und Bewertung der internationalen Schiedsrichter sowie für die Weiterentwicklung der Standards im Weltfußball. Dazu gehört der Einsatz technologischer Neuerungen wie des Video Assistant Referee (VAR) und des halbautomatischen Abseitssystems SAOT. Seit seinem Rücktritt als aktiver Schiedsrichter im Jahr 2011 prägt Busacca die moderne Schiedsrichterausbildung und die internationale Regelauslegung maßgeblich mit. Und er macht keinen Hehl aus seinem tiefen Glauben an Gott.

Nicht nur wurde er siebenmal in Folge zum Schweizer Schiedsrichter des Jahres gekürt, er trägt auch als einziger Schweizer den Titel „Bester Schiedsrichter der Welt“, der ihm 2009 von der International Federation of Football History & Statistics (IFFHS) verliehen wurde. Der verheiratete Vater eines Sohnes ist ständig unterwegs. Kurz vor dem Interview mit der Tagespost kehrte er aus Brasilien zurück, wo er mit seinem Team die erste Gruppe von Schiedsrichterkandidaten für die kommende Weltmeisterschaft im Sommer in Nordamerika überprüft hatte. Schon bald folgen Workshops in der Türkei sowie Auswahl- und Schulungsverfahren in Dubai und Katar.

Mehr als ein „Kulturkatholik“

Busacca betreut Männer-, Frauen- und Jugendwettbewerbe ebenso wie Beachsoccer und Futsal. Zusätzlich hält er Vorträge über Leadership, Verantwortung und Entscheidungsfindung. Als Sohn italienischer Einwanderer wuchs er mit seinem Bruder in Bellinzona auf, lebt mit Frau und Kind in einem bescheidenen Reihenhaus und fühlt sich seiner Heimat bis heute eng verbunden.

Um körperlich fit zu bleiben, läuft er täglich mehrere Kilometer – ganz egal, wo auf der Welt er sich gerade befindet – und geht regelmäßig zum Masseur („aber keiner, der nur kitzelt“). Und was ihm sehr wichtig ist: Er betet. Der Glaube hat für ihn und seine Frau Stefania eine zentrale Rolle. Busacca war schon als Kind mehr als nur ein „Kulturkatholik“, vielmehr entwickelte er einen persönlichen Glauben. „Es ist, als ob Gott mich gesucht hätte und nicht umgekehrt“, erzählt er. Das Ministrieren habe geholfen, prägend sei aber später die Vorbereitung auf die Firmung gewesen. „Wir hatten einen sehr guten Priester, Don Angelo. Es gab ernsthafte Gespräche, aber auch Gemeinschaft, Ausflüge und Freude. Diese Mischung aus Lebenslust und der Suche nach existenziellen Antworten hat mich überzeugt.“

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Auch heute besucht Busacca regelmäßig Gottesdienste, ohne an eine bestimmte Pfarrei gebunden zu sein. Besonders wichtig seien ihm das persönliche Gebet und die Umsetzung christlicher Werte im Alltag. Er nutzt digitale Angebote, die täglich eine Bibelstelle vorschlagen. „Das gibt mir Nahrung. Es verändert den Alltag, die Haltung gegenüber anderen Menschen und den Respekt, den man ihnen entgegenbringt.“

Über seinen Glauben spricht Busacca offen – egal ob vor Journalisten, Schiedsrichtern, Führungskräften aus der Wirtschaft oder an Schulen. Unaufgeregt beschreibt er, wie ihm der Glaube Halt gibt, besonders in Drucksituationen. Schon während seiner aktiven Laufbahn suchte er vor wichtigen Spielen Ruhe im Gebet und innere Sammlung. Nach den Spielen half es ihm, auf dem Boden zu bleiben. Auch den Schiedsrichtern, die er weltweit betreut und ausbildet, vermittelt er, wie wichtig es sei, die eigenen Grenzen zu kennen und sie Gott anzuvertrauen. In einer Zeit, in der ständige Höchstleistungen verlangt werden, sollte man wissen, dass man nicht allein ist – selbst wenn man vor 70.000 Zuschauern in Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen muss, von denen enorme sportliche und finanzielle Interessen abhängen.

Das Kreuz mit der Pfeife

Seine religiöse Überzeugung brachte ihn nur selten in Schwierigkeiten. Eine Ausnahme bildeten Einsätze in Saudi-Arabien. Dort trug er wie gewohnt einen kleinen Kreuzanhänger an seiner Schiedsrichterpfeife. Dieser war auf der ganzen Welt noch nie jemandem aufgefallen, doch in der Halbzeit eines Finalspiels des arabischen King’s Cup baten ihn Funktionäre, den Anhänger abzunehmen, da christliche Symbole im Land verboten seien. Busacca lehnte ab: „Ich habe ihnen ganz ruhig erklärt, dass ich das Kreuz nicht entfernen werde, weil ich nur mit göttlicher Hilfe gut arbeiten könne. Ich sagte ihnen: Die erste Halbzeit ist sehr gut gelaufen – wenn ihr wollt, dass auch die zweite gut läuft, müsst ihr mir das Kreuz lassen.“

Damit kam er durch. Doch als er einige Monate später erneut eingeladen wurde, erschien in der lokalen Presse ein Artikel über seinen Anhänger, der zu kritischen Reaktionen führte – also lenkte Busacca ein. „Ich bin kein Ideologe“, sagt er. „Wenn Überzeugungen zu Unfrieden führen, ist ein Kompromiss manchmal sinnvoll.“ Der zuständige Funktionär war erleichtert und versprach sogar, für ihn zu beten – eine Geste, die Busacca berührte.

In vielen Ländern können Schiedsrichter bis heute nicht von ihrem Beruf leben, was laut Busacca ein wesentlicher Grund für den Nachwuchsmangel ist. Eine Professionalisierung würde den Beruf attraktiver machen und den Betroffenen ermöglichen, sich technisch und mental optimal auf ihre Einsätze vorzubereiten. In der Schweiz existieren faktisch noch immer keine vollamtlichen Profischiedsrichter. Auch Busacca hatte nie einen Profivertrag und arbeitete stets parallel zu seiner Schiedsrichtertätigkeit. Er ist ausgebildeter Bürokaufmann, jobbte zeitweise als Maurer, lernte Englisch in den USA, machte das Wirte-Diplom und leitete jahrelang eine Cafeteria in Bellinzona. Die Doppelbelastung aus Beruf, Reisen, Training und psychischem Druck sei für ihn selbst – und auch für die Familie – enorm gewesen.

Der gutaussehende Tessiner stieg am 1. Januar 1999 mit 30 Jahren zum Fifa-Schiedsrichter auf und pfiff wichtige Turniere auf der ganzen Welt, darunter die Weltmeisterschaften 2006 in Deutschland und 2010 in Südafrika sowie die Europameisterschaft 2008. Zu seinen größten Einsätzen gehörten außerdem das Finale der Uefa Champions League 2009 und das Uefa-Cup-Finale 2007.

Der Mensch ist frei und verantwortlich

Immer wieder taucht im Gespräch das Wort „Verantwortung“ auf. Sie ist für ihn ein zentraler Teil der beruflichen und menschlichen Existenz. „Ich glaube nicht an das Schicksal“, erklärt Busacca. „Der Mensch ist frei und verantwortlich für das eigene Handeln. Man kann das Richtige oder das Falsche tun – niemand zwingt uns –, aber man trägt die Konsequenzen. Böse Gedanken sind in uns, und wir sollten uns bemühen, sie mit Gottes Hilfe auszuschalten. Das sage ich auch immer in meinen Vorträgen.“

Wer sich bewusst ist, dass er von Gott aufgefangen wird, kann sich dem Risiko der Eigenverantwortung besser stellen. Zum Thema Verantwortung und neue Technologien bei der Spielleitung (wie den VAR) meint er: „Wenn ich als Referee weiß, dass meine Entscheidung immer von der Technik korrigiert werden kann, lerne ich nicht mehr, die volle Verantwortung zu übernehmen. Das ist auch in anderen Berufen so.“ Seine anfängliche Skepsis gegenüber den elektronischen Hilfsmitteln habe sich jedoch gelegt: „Es geht nicht mehr ohne, weil heute keine Fehler mehr akzeptiert werden. Es steht zu viel auf dem Spiel.“ Die digitalen Hilfsmittel dürften allerdings nicht dazu führen, dass die Schiedsrichterausbildung vernachlässigt und nicht bis ins letzte Detail gepflegt werde. Schließlich sei es immer ein Mensch, der die technologischen Entscheidungshilfen anfordert und bedient. Immer wieder betont der höchste Schiedsrichterausbilder der Welt: „Schiedsrichter sind keine Roboter! Erst wenn der Mensch sein Äußerstes gegeben hat, soll die Technologie zum Einsatz kommen.“

Die Fifa schickt ihre Instruktoren „mit unserer Philosophie“ rund um die Welt, wo immer ein Verband eine Schulung beantragt. „Wir führen jährlich über 300 Kurse durch, wobei wir darauf achten, dass der Mensch im Vordergrund steht – der Mensch mit seinem Wesen, seinen Talenten, seiner Mentalität und seiner Kultur. Jede Kultur ist anders und reagiert anders auf Spielsituationen.“

Der Mensch ist nicht durch seine Fehler definiert. Niemand ist perfekt – auch Schiedsrichter nicht. Man gibt sein Bestes, bereitet sich vor und arbeitet mit Wissen und Instinkt. Doch niemand ist die Summe seiner Fehler. Busaccas Rezept: „Morgens beim Aufstehen ein Gebet sprechen und sich dem Schutz des Herrn anvertrauen – das hilft.“


Die Autorin lebt als freie Publizistin in der Schweiz.

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