Eine Freundin von mir wollte vor einiger Zeit ein Erasmus-Semester in Rom machen. Es fiel ihr schwer, dort eine Wohnung zu finden. Denn die klassischen WG-Zimmer, wie man sie aus Deutschland kennt, muss man dort mit der Lupe suchen. Der Grund: Die italienischen Studenten wohnen gerne weiter bei ihren Eltern und Großeltern. Die Familien bleiben dort zusammen, oft bewohnen sie ein Haus mit mehreren Generationen.
In Deutschland hingegen leben immer mehr Menschen alleine, Tendenz steigend. 2023 war es rund ein Fünftel der Bevölkerung, 2013 noch gute 14 Prozent. Europaweit befindet sich unser Land in der Hinsicht unter den Spitzenreitern – gleich nach Skandinavien: In Finnland und Litauen betrug der Anteil Alleinlebender im letzten Jahr jeweils etwa ein Viertel der Einwohner. Das „Modell Familie“, wie es in Statistiken heißt, geht hierzulande nämlich zurück. Im vergangenen Jahr gaben 41,3 Millionen Menschen in Deutschland an, in einer Familie zu leben. 42,2 Millionen Deutsche verbleiben also ohne Familie. Als Familie gelten in der Statistik in einem Haushalt lebende Eltern-Kind-Gemeinschaften, unabhängig von der Zahl der Elternteile und dem Alter der Kinder.
Das Zentrum und das Herz
Zu den Alleinlebenden gehören unter anderem viele der sechs Millionen Einwohner, die älter als 65 Jahre sind. Jeder Dritte bei ihnen wohnt ohne Familie. Was außerdem in die rückschrittige Entwicklung mit rein spielt: Die Kinderlosenquote lag im Jahr 2022 bei rund 20 Prozent. Ohne Kinder keine Familie. „Fehlt die Familie, so entsteht in der Person, die in die Welt eintritt, eine bedenkliche und schmerzliche Lücke, die in der Folge auf dem ganzen Leben lasten wird“, bringt der heilige Johannes Paul II. es schon 1994 in seinem „Brief an die Familien“ auf den Punkt. Denn, so der Papst, die Familie sei das Zentrum und das Herz der Zivilisation der Liebe.
Diese bedeute „sich an der Wahrheit freuen“ und rufe Freude hervor, Freude darüber, dass ein Mensch zur Welt komme. Inspiriert an einer konsumistischen und geburtenfeindlichen Gesinnung, sei sie jedoch keine Zivilisation der Liebe mehr und könne es niemals sein. Die deutsche Bevölkerung altert. Seit 1972 sterben pro Jahr mehr Menschen als geboren werden. Ein Beispiel: 692.989 Geburten und rund eine Millionen Sterbefälle verzeichnete man 2023. Ein Faktor, der die Bevölkerungsalterung vorantreibt: Die Frauen bekommen selten mehr als zwei Kinder. 25 Prozent der deutschen Mütter haben ein Kind. 37 Prozent haben zwei, und nicht ganz jede sechste Frau (17 Prozent) ist die Mutter von drei oder mehr Kindern. Was traurigerweise darüber hinaus zur Bevölkerungsalterung beiträgt, und doch oft verschwiegen bleibt: In Deutschland wird im Durchschnitt alle fünf Minuten ein Kind abgetrieben. Im letzten Jahr waren es 104.000. Ob diese zu den Gesamtsterbefällen des Jahres dazuzählen, ist fraglich. Und schmerzliche sechs Millionen Abtreibungen verzeichnet Deutschland insgesamt seit 1977. Damit ist leichter zu verstehen, dass die Spielplätze leerer und das Alleinsein immer normaler wird.
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