Gethsemani – wer den Namen dieses Ortes am Ölberg hört, denkt an schweißüberströmtes Beten in der Nacht vor dem Tod Jesu. Im Aramäischen, der Muttersprache Jesu, steckt in dem Wort noch mehr: Gat Semane bedeutet übersetzt „Ölpresse“. An eben jenem Ort, an dem Oliven gepresst wurden, macht Jesus die Erfahrung, „bis zum Blutschweiß“ ausgepresst zu werden. Wer diese Nuancen vernimmt, liest Markus 14 nicht mehr ganz unbefangen. Plötzlich bekommt der vertraute Bibeltext eine tiefere, anschauliche Ebene.
Solchen und zahlreichen anderen Beobachtungen widmete der französische Wissenschaftler Pierre Perrier einen großen Teil seines Lebens. Perrier, Jahrgang 1935, war hauptberuflich Ingenieur: 1990 wurde er für seine Arbeiten zur numerischen Strömungsmechanik in der Luftfahrtindustrie als korrespondierendes Mitglied in die französische „Académie des sciences“ gewählt. Parallel dazu widmete er sich seit gut vierzig Jahren einer ganz anderen Leidenschaft: der These, dass die Evangelien auf eine ursprünglich mündliche, aramäische Lehre Jesu zurückgehen. Bevor sie verschriftlicht wurden, seien sie in fest gefügten, mit Gesten memorierten Einheiten weitergegeben worden – Perrier nennt sie „Perlen“, zu „Ketten“ verbunden, damit die ersten Jünger sie wortgetreu auswendig lernen und selbst dorthin tragen konnten, wohin kein Apostel persönlich kam.
Dabei knüpft er an Forschungen des französischen Anthropologen Marcel Jousse an, der schon in den 1920er-Jahren an der Sorbonne zeigte, wie mündliche Kulturen ihre Überlieferung durch Rhythmus, Klangspiele und begleitende Gesten vor Verfälschung schützten. Was wie ein nettes Wortspiel klingt, war demnach für die ersten Jünger Gedächtnistechnik: Wer die Gesten kannte, konnte den Text nicht verändern, ohne dass es sofort auffiel. Für seine Übersetzungen arbeitete Perrier mit chaldäischen Mönchen zusammen, die solche Texte noch in ihrer aramäischen Muttersprache auswendig kannten.
Wie alt ist die Peschitta?
Die Beispiele, die Perrier und seine Mitstreiter aus dem Text der Peschitta – dem aramäischen Neuen Testament der ostsyrischen Kirchen – herausarbeiten, sind oft anschaulich und anrührend. Als die Soldaten Jesus bei seiner Gefangennahme fragen, wen sie suchen, antwortet er auf Aramäisch mit Ana-na, wörtlich „Ich-wir“ (Joh 18, 5–6) – eine Formulierung, die Perrier als verhüllte Selbstoffenbarung der Dreifaltigkeit deutet und die die Häscher der Überlieferung nach rücklings zu Boden wirft. Der Name „Nazareth“ wiederum klingt im Aramäischen an nazar, „Fürst“, an – ein Fingerzeig auf Jesu Abstammung aus dem Haus David. Auch scheinbare Nebensächlichkeiten gewinnen so an Tiefe: Als Jesus in Gethsemani die schlafenden Jünger findet, redet er Petrus nicht mit seinem Beinamen an, „Fels“, sondern mit seinem ursprünglichen Namen Simon (Mk 14,37), gerade weil er in diesem Moment eben kein Fels ist, sondern, wie es die morgenländische Liturgie ausdrückt, nur „Sand“.
Der Name des freigelassenen Verbrechers Barabbas, „Sohn des Vaters“, wird zum bitteren Kontrastbild zum wahren Sohn des Vaters, der stattdessen der Geißelung ausgeliefert wird (Joh 18,40). Und wenn Pilatus die geschundene Gestalt Jesu den Menschen zeigt mit den Worten „Ecce homo – seht, der Mensch“ (Joh 19,5), steht im Aramäischen nicht das neutrale Wort für „Mensch“, sondern gaora, das auch „Bräutigam“ bedeuten kann. Jesus, blutüberströmt im Purpurmantel, erscheint so als Bräutigam seiner Kirche, die in eben dieser Stunde geboren wird. Solche Deutungen lesen sich wie eine geistliche Schatzkammer, vergleichbar mit den Bildern, mit denen schon die Kirchenväter der Schrift zusätzliche Sinnschichten abgewannen. Wer sich darauf einlässt, gewinnt eine tiefere Perspektive auf die Passion. Das ist der eigentliche Ertrag.
Perriers Ansatz in der Forschungslandschaft zu verorten, stellt eine Herausforderung dar, denn er ist eine Mischform. Er passt nicht zu den „klassischen“ zwei Lagern: den Verfechtern einer Peschitta-Priorität – die von einem rein aramäischen Urtext des gesamten Neuen Testaments ausgehen – und jenen, die den aramäischen Einfluss auf bloße Logienquellen, also reine Spruch- und Redesammlungen, reduzieren. Perrier schlägt einen dritten Weg ein und begründet seine Thesen über eine hoch entwickelte jüdisch-aramäische Oralität. Die Peschitta ist für ihn keine bloße Übersetzung, sondern das direkte literarische Zeugnis dieser mündlichen Ur-Überlieferung Jesu. Damit räumt er den aramäischen Evangelientexten einen klaren Vorrang vor den griechischen Versionen ein, ja, er sieht darin den unveränderten Urtext der Apostel.
Dies teilt die wissenschaftliche Fachwelt nicht. Sprachhistoriker datieren die Peschitta selbst wie auch die ältesten erhaltenen Handschriften auf das frühe 5. Jahrhundert – aus dem Griechischen, nicht umgekehrt. Der britische Syrologe Sebastian Brock lehnt eine Peschitta-Priorität entschieden ab anhand von drei Argumenten: Die Peschitta habe eindeutigen Übersetzungscharakter, ihre Sprache unterscheide sich vom galiläischen Aramäisch Jesu im ersten Jahrhundert und sei eindeutig edessenischer Dialekt. Schließlich sei sie sukzessive entstanden, könne also nicht Grundlage der griechischen Evangelien sein. Unstrittig ist jedoch, dass Jesus Aramäisch sprach und dass sich in den griechischen Evangelien ein aramäisches Sprachsubstrat erhalten hat – Wörter wie Talita kum oder Abba zeugen bis heute davon.
Perries „Perlen“ bieten doppelten Gewinn
Dass die Peschitta in den Kirchen des Ostens als kostbares Apostelerbe verehrt wird, ist keine Erfindung Perriers, sondern gelebte geistliche Tradition, nur eben eine Frage des Glaubens und der Frömmigkeit, keine textkritisch nachgewiesene Tatsache. Auch innerhalb der Beispiele lohnt Unterscheidung: Dass „Gethsemani“ Ölpresse bedeutet, ist gesicherte Etymologie; dass „Ana-na“ zwingend eine explizite Dreifaltigkeitsoffenbarung markiere, ist dagegen theologische Deutung. Hinzu kommt: Perriers Bücher erscheinen nicht in wissenschaftlichen Bibelreihen; eine Auseinandersetzung durch die Päpstliche Bibelkommission oder neutestamentliche Lehrstühle ist nicht bekannt. Das schmälert freilich ihren geistlichen Wert nicht. Die Bilder von der Ölpresse, vom Bräutigam im Purpurmantel oder von der mündlich gehüteten Perlenkette können den Blick auf das Leiden Jesu vertiefen. Überdies verhelfen die Ausführungen über die konkrete Praxis des Auswendiglernens durch Rhythmus, Klangspiele und Gesten dazu, die antike Kultur der Mündlichkeit besser zu verstehen.
Wer sich mit Perriers „Perlen“ befasst, tut dies am besten mit doppeltem Gewinn: mit einer Offenheit für die Bilder aus einer der ältesten christlichen Traditionen der Welt und im Wissen, dass die eigene, kirchlich approbierte Bibelübersetzung dadurch keineswegs an Verlässlichkeit verliert. Dass das Leiden Jesu bis heute neue Facetten offenbart, ist selbst ein kleines Echo jenes Ölbergs, an dem alles begann: Auch aus der Presse geht am Ende nicht Verlust, sondern Frucht hervor.
Die Autorin ist promovierte Theologin und bloggt.
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