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Wo Kardinal Dolan die Grenze zwischen Patriotismus und Nationalismus zieht

Manchen gilt er als Trump-Vertrauter, doch der New Yorker Timothy Dolan passt in keine Schublade. Jetzt sendet er Botschaften, denen man im MAGA-Lager Gehör schenken sollte.
Der New Yorker Kardinal Timothy Dolan im Vatikan
Foto: IMAGO (www.imago-images.de) | Wie kaum ein anderer amerikanischer Oberhirte trat der 76-Jährige in den vergangenen Jahren immer wieder im Dunstkreis der US-Regierung auf. Doch Dolan lässt sich nicht auf ein einziges Attribut reduzieren.

All die Reibungspunkte zwischen der US-Regierung und dem Vatikan wären nicht aufgetreten, wenn die Kardinäle im vergangenen Jahr einfach auf Donald Trump gehört hätten: Der US-Präsident hatte unmittelbar vor dem Konklave erklärt, er könne sich den New Yorker Kardinal Timothy Dolan gut als neuen Papst vorstellen. Mit Leo XIV. sitzt nun zwar ebenfalls ein Landsmann auf dem Stuhl Petri. Über eine persönliche Vorgeschichte mit dem aus Chicago stammenden Robert Prevost verfügt Trump jedoch nicht. Nicht einmal dasselbe Baseball-Team unterstützt man (Trump die New York Yankees, Papst Leo die Chicago White Sox). 

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Ganz anders verhält es sich mit Dolan: Der seit einigen Monaten emeritierte New Yorker Erzbischof kennt Trump seit Jahrzehnten. Beide sind New Yorker Urgesteine, nicht nur fast gleich alt, sondern auch gleichermaßen erfahren darin, das kulturelle Parkett des „Big Apple“ zu bespielen. Nicht nur daran liegt es, dass dem von Weggefährten als jovial und kumpelhaft beschriebenen, im US-Episkopat eher am konservativen Ende des Spektrums anzusiedelnden Dolan, der Ruf vorauseilt, ein „Trump-Vertrauter“ zu sein – eine Zuschreibung, die nach gängiger Lesart ja eher negativ konnotiert scheint.

Dolan: „Nationalismus ist ein Laster“

Und in der Tat: Wie kaum ein anderer amerikanischer Oberhirte trat der 76-Jährige in den vergangenen Jahren immer wieder im Dunstkreis der US-Regierung auf. Bei beiden Amtseinführungen Trumps sprach Dolan ein Gebet; er saß in der vom US-Präsidenten ins Leben gerufenen Kommission zur Religionsfreiheit; und nicht zuletzt nahm er an den mehrstündigen, evangelikal geprägten Feierlichkeiten zum 250. Unabhängigkeitsjubiläum der USA teil, die federführend vom regierungsnahen Festkomitee „Freedom 250“ organisiert worden waren.

Doch Dolan lässt sich nicht auf ein einziges Attribut reduzieren: Er kritisierte in der Vergangenheit auch schon Trumps KI-Überhöhung als Jesus oder die strikte Abschiebepolitik der Regierung. Wer trotzdem noch Zweifel daran hegte, dass Dolan keine Marionette Donald Trumps ist, dem lieferte der New Yorker Kardinal jüngst abermals genügend Anschauungsmaterial: Als Nachklapp zum Unabhängigkeitstag am 4. Juli veröffentlichte Dolan gleich mehrere kurze Videos über die Kanäle des Erzbistums New York, in denen er sich höchst angetan mit dem Schreiben auseinandersetzte, das Papst Leo zum 250. Jubiläum der amerikanischen Staatsgründung an seine Mitbürger in den Vereinigten Staaten geschickt hatte. 

Einzelne Aspekte griff Dolan selbst noch einmal auf. Beispielsweise das Spannungsfeld zwischen Patriotismus und Nationalismus. Dolan betonte, dass ihm gerade der 4. Juli wieder die Schönheit des Patriotismus vor Augen geführt habe. Patriotismus – er verwende das Wort bewusst: Dieser sei eine Tugend, die sich auch in der Bibel wiederfinde. „Das Schöne an der Tugend ist: Sie steht in der Mitte.“ Es könne aber auch ein Extrem geben. „Das nennen wir Nationalismus.“ Nationalismus heiße, die eigene Nation zu vergöttlichen und an Gottes Stelle zu setzen. Daher: „Nationalismus ist ein Laster.“

„Wir sind immer eine Nation unter Gott"

Man muss das nicht als Botschaft an eine bestimmte Gruppe verstehen, denn Dolan scheint nicht der Typ, der belehren oder politische Grundseminare abhalten möchte. Hier sprach schlicht ein patriotischer Amerikaner, der sich noch immer auf dem „Feuerwerks-Hoch“ befand, wie Dolan es selbst ausdrückte. Dennoch: Es ist gerade der ins Freund-Feind-Denken gesteigerte „christliche Nationalismus“, der viele Anhänger der MAGA-Bewegung verbindet. Dieser mag im evangelikalen Milieu zwar auf größeren Zuspruch finden als unter Katholiken. Dolans Worte erinnern den ein oder anderen vielleicht trotzdem daran, dass auch die gesunde Vaterlandsliebe Grenzen kennt.

In einem weiteren Video griff Kardinal Dolan, wie zuvor auch schon Leo XIV., den Gedanken der Einheit auf. Auch wenn es Vielfalt gebe und manchmal Meinungsverschiedenheiten, manchmal sogar hitzige Debatten, gelte stets: „Wir sind immer eine Nation unter Gott. Und diese Quelle der Einheit ist einer der Hauptgründe für die Stärke und Lebendigkeit jenes Amerikas, für das wir Gott danken.“ Dolan spielte hier auf das Motto „One Nation under God“ aus dem „Pledge of Allegiance“ an, dem Fahneneid der USA. Darin wurden die Worte zwar erst 1954 ergänzt. Es war jedoch Präsident Abraham Lincoln, der sie 1863 in seiner berühmten „Gettysburg Address“ erstmals verbrieft erwähnte. Lincoln trat bekanntlich dafür ein, im amerikanischen Bürgerkrieg von 1861 bis 1865 die Einheit der USA zu retten, die wohl nie zuvor und auch nie wieder danach derart gefährdet war. Vielleicht lohnt es sich, in derart polarisierten Zeiten häufiger daran zu erinnern. Gut, dass Dolan es getan hat. 

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