Paris

Coronavirus: Der Leichtsinn der Franzosen

Trotz der am Samstag in Frankreich verschärften Regeln zur Eindämmung einer weiteren Ausbreitung des Coronavirus verhalten sich viele Franzosen weiterhin so, als sei nichts geschehen.

Coronavirus in Frankreich
Die Pariser Prachtstraße Avenue des Champs-Elysees ist menschenleer. Premierminister Philippe hatte am 14.03.2020 angekündigt, dass im Kampf gegen das Coronavirus bis auf Weiteres alle nicht lebensnotwendigen Einrichtungen geschlossen bleiben müssen. Foto: Christophe Ena (AP)

Am Tag nach der Ankündigung des französischen Premierministers Edouard Philippe, einschneidende Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus zu ergreifen, und nach seinem Aufruf zu einer „sozialen Distanz“ zeigten sich in ganz Frankreich zahlreiche Menschen, die unbekümmert auf Straßen und in Parks flanierten, wie das französische Magazin „Valeurs actuelles“ beobachtet und zugleich „als mangelnden Anstand“ angesichts der gegenwärtigen Coronakrise kritisiert. Dieser mangelnde Anstand stehe in Zusammenhang mit dem „der staatlichen Autorität und deren widersprüchlichen Anordnungen“: „Heulende Sirenen und dröhnende Hubschrauber stehen im Kontrast zu der Unbekümmertheit der Passanten“.

Appell an das Verantwortungsbewusstsein

Wie in Bordeaux ging es überall in Frankreich zu, als die Spaziergänger einen herrlichen Frühlingstag bei sommerlichen Temperaturen genossen. Die Vorhänge in den Häusern blieben zwar geschlossen, doch die Einwohner von Bordeaux waren überall auf den Straßen zu sehen, trotz der staatlichen Weisung, möglichst zu Hause zu bleiben. „Die Richtlinien zum ‚confinement‘ [Abschirmung oder Quarantäne] sind wirksam; dies haben die Chinesen getan. Während wir uns nicht betroffen fühlen. Die Leute sagen sich: ‚Es ist schönes Wetter, gehen wir raus‘“, fasst ein Bordelaiser Arzt die Haltung der Franzosen zusammen. Dann wird er wütend: „Das ist ein unverantwortlicher und unerträglicher Egoismus. Das ist absolut rücksichtslos“. Im Figaro appellierte der Europa-Abgeordnete Francois-Xavier Bellamy an das Verantwortungsbewusstsein seiner Landsleute: „Der Individualismus ist keine Option mehr: angesichts der Krise, die sie erwartet, müssen die Franzosen daran denken, dass sie ein Volk sind“.

Allerdings sei der französische Staatspräsident Macron in Begleitung der First Lady bei der Stimmenabgabe zu den Kommunalwahlen „nicht wirklich mit gutem Beispiel in Bezug auf eine ‚soziale Distanz‘ vorangegangen“, heißt es in Valeurs actuelles weiter: Zahlreiche Journalisten und Passanten, die ihrem Präsidenten einmal ganz nah sein wollten, standen dicht gedrängt aneinander. Beim Verlassen der Wahlkabine sagte der Präsident: „Ich habe mich nicht testen lassen, weil ich keine Symptome habe“. Wenig später erklärte der Reanimationsexperte Professor Alexandre Mignon: „30-50 % der Kranken zeigen keine Symptome“.

Härtere Vorschriften zur Abschottung dürften folgen

Unterdessen schlug Marlène Schiappa im Figaro Alarm. Die Staatssekretärin für die Gleichstellung der Geschlechter prognostiziert, dass die Regierung „gezwungen sein wird, härtere Vorschriften zur Abschottung zu erlassen und die Maßnahmen zu verschärfen, die bereits umgesetzt wurden, wenn niemand die ergangenen Anweisungen befolge“. Auch sie konnte während der Kommunalwahl in Paris am Sonntag feststellen, dass das Leben in der Stadt ungehindert weiterging und die neuen Regeln nicht beachtet wurden: „Die Leute klebten aneinander, und niemand befolgte die Abstände von 1 Meter untereinander. Die Menschen umarmten und küssten sich und schüttelten sich die Hände unter Missachtung der von der Gesundheitssicherheit erteilten Ratschläge“, berichtete die Staatssekretärin.

DT/ks

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