Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Studie zu Resilienz während Corona

Corona: Kinderreiche Familien waren resistenter

Familien mit mindestens drei Kindern sind laut einer neuen Studie am besten durch die Pandemie gekommen.
Familienglück
Foto: IMAGO/xskazovaalla273x (www.imago-images.de) | Mehr Kinder heißt nicht automatisch mehr Stress –im Gegenteil, wie eine neue Studie herausgefunden hat.

Die Zeit der Corona-Pandemie hat insbesondere Familien viel abverlangt. Geschlossene Kindergärten und Schulen, das Arbeiten im Home-Office und die Sorge um die Gesundheit der Großeltern hat die ganze Gesellschaft noch gut vor Augen. Die vielfachen negativen Auswirkungen auf das psychosoziale Wohlbefinden von Eltern und Kindern sind durch die aktuelle Forschung belegt. Auf eine bislang nicht bekannte Ressource hingegen weist eine neue Studie hin. Sie kommt zu dem überraschenden Ergebnis, dass kinderreiche Familien in der krisenhaften Situation eine höhere Resilienz als kleinere Familien aufwiesen.

Neue Studie widerspricht gängigen Annahmen

Die im Januar veröffentlichte Studie mit dem Titel „Kinderreichtum als Ressource während der COVID-19-Pandemie und für das seelisch gesunde Aufwachsen in Familien“ beschreibt, dass sich die Eltern umso weniger belastet fühlten, je mehr Kinder im Haushalt lebten. Die Autorinnen der Studie, die Kinder- und Jugendpsychotherapeutinnen Michelle Zentner und Dr. Inés Brock-Harder, betonen dieses Ergebnis besonders, da es vor dem Hintergrund der Forschungslage zu Mehrkindfamilien gängigen Annahmen widerspricht.

Lesen Sie auch:

In Deutschland zählt eine Familie als kinderreich, wenn in ihr drei und mehr Kinder aufwachsen. In den letzten Jahren ist die Anzahl dieser Familien angestiegen. Es ist durch die Volljährigkeit älterer Geschwister sogar davon auszugehen, dass es noch mehr dieser Familien und Kinder gibt. Insgesamt wächst in Deutschland mehr als ein Viertel (27,4 Prozent) der Kinder unter 18 Jahren in einer Mehrkindfamilie mit zwei oder mehr Geschwistern auf. In mehr als jeder sechsten Familie in Deutschland leben drei und mehr Kinder.

Studien zu Mehrkindfamilien befassen sich überwiegend mit negativen Aspekten einer großen Familie. Im Mittelpunkt der Forschung stehen beispielsweise beengte Wohnverhältnisse, das Armutsrisiko, Zeitmangel oder Überforderung der Eltern. So kommt es, dass Mehrkindfamilien oft als Risiko für das Aufwachsen von Kindern gedeutet werden.

Kinderreiche Eltern sind dem Stress gut gewachsen

Das unerwartete Ergebnis, dass das Belastungsempfinden der Eltern während der Pandemie sank, je mehr minderjährige Kinder im Haushalt lebten, führt die Studie auf mehrere Faktoren zurück. Zum einen war die Familie an sich eine wichtige Ressource, denn durch die Kontaktbeschränkungen spielte sich ein großer Anteil des Lebens im häuslichen Rahmen ab. Während sich Kinder und Jugendliche nicht mit Gleichaltrigen aus anderen Familien treffen durften, hatten Kinder aus Mehrkindfamilien anders als Einzelkinder noch ihre Geschwister als Spielkameraden. Für die Eltern trugen Geschwisterkinder dazu bei, dass deren subjektives Belastungsempfinden sank, indem sie im Haushalt halfen, beim Homeschooling unterstützten oder ihre jüngeren Geschwister betreuten. Zudem sei die Belastungsgrenze von Eltern mehrerer Kinder schon vor der Pandemie höher gewesen als bei Eltern mit nur einem oder zwei Kindern. Ihr herausfordernder Alltag ermächtige sie, auch in Stresssituationen aktiv handlungsfähig zu bleiben.

Unter Bezugnahme auf den gegenwärtigen Forschungsstand zur Lebenssituation kinderreicher Familien in Deutschland arbeitet die Studie heraus, dass die Bewältigungskapazitäten von Kindern aus Mehrkindfamilien „ihnen helfen, seelisch ausgeglichener mit schwierigen Situationen umzugehen“. Kinder in Familien mit mehr als zwei Kindern „lernen Solidarität auf einer funktionalen Beziehungsebene“, „bauen eine verbindende emotionale Beziehung untereinander auf, die insbesondere bei Druck von außerhalb der Familieneinheit Stabilität garantiert“ und „lernen früh, dass die Eltern nicht immer zur Verfügung stehen, dass sie sich eigenständig bewegen können und damit eher mit Autonomieschritten beginnen“.

Familie als Schutzfaktor in Krisen

Daher lautet das Fazit der Studie: „Familiärer Zusammenhalt und intensive Geschwisterbeziehungen können ein Schutzfaktor in Krisen sein und damit eine Quelle von Wohlbefinden und Glück.“ Während es sich für zukünftige Forschungsvorhaben auch nach der Pandemie anbiete, das subjektive Wohlbefinden und die familiale Resilienz von kinderreichen Familien in den Fokus  zu stellen, seien seitens der Politik, „die Bedürfnisse dieser Familienform bei allen familienpolitischen Initiativen mit zu bedenken“.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Cornelia Huber Covid-Pandemie Familienpolitik Volljährigkeit

Weitere Artikel

Eine repräsentative Familienstudie zeigt: Um die klassische Familie steht es gar nicht so schlecht. Ein Gespräch mit INSA-Chef Hermann Binkert.
21.01.2023, 13 Uhr
Stefan Groß-Lobkowicz

Kirche

Wenn der Ruf nach Evangelisierung zur Lösung der Kirchenkrise unterkomplex ist, dann hat Jesus wohl sein Handwerk nicht verstanden. Ein Kommentar.
23.02.2024, 20 Uhr
Franziska Harter
Der Salesianer Don Boscos war Dogmatiker, Bischof von Innsbruck, Erzbischof von Salzburg und Primas Germaniae.
23.02.2024, 05 Uhr
Meldung