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Gekommen, um zu bleiben

In der zuletzt ungenutzten Thomaskirche in Hamburg-Rahlstedt haben Hausbesetzer ein „autonomes Jugendzentrum“ eingerichtet. Von der Kirche werden die Besetzer derzeit geduldet – und zeigen sich optimistisch, dass ihr Projekt von Dauer sein wird. Von Tobias Klein
Foto: T.Klein | So sieht also eine besetzte Kirche aus. In Hamburg reagiert man entspannt.

Privatgelände – Zutritt auf eigene Gefahr“, warnt ein Schild an der Zufahrt zur evangelischen Thomaskirche an der Meiendorfer Straße in Hamburg-Rahlstedt. „Anwohner sind herzlich willkommen“, fügt ein zweites, in freundlicheren Farben gehaltenes Schild hinzu. Am Kirchturm prangt ein Transparent mit dem Logo der Hausbesetzerbewegung und dem Schriftzug „Ab jetzt besetzt und selbstverwaltet“. Im Gebäude und im Garten sitzen Jugendliche und junge Erwachsene mit Punk-Frisuren in Grüppchen zusammen oder spielen im großen Gemeinschaftsraum Poolbillard oder Kicker. In einer Ecke des Gemeinschaftsraums türmen sich Getränkekisten, auf einem Schild ist zu lesen „Spendenvorschlag 1 €“. „Bedient euch ruhig“, wird den Besuchern angeboten. „Wenn ihr wollt, lasst eine Spende da – und wenn nicht, dann lasst es.“

Das Projekt trägt den Titel „Befreites Boot“

Der eigentliche Kirchenraum ist verschlossen – „da kommen wir nicht rein“ –, aber ansonsten haben die Besetzer sich in dem Gebäude gut eingerichtet. Es gibt einen „Umsonstladen“ mit gebrauchten Kleidungsstücken, einen Bandprobenraum, in einem Turmzimmer ist eine Bibliothek eingerichtet worden – „aber nur provisorisch; die wird bald umziehen müssen, weil sie zu groß für den Raum wird“ –; in einem anderen wird gerade eine Kunstausstellung vorbereitet. Auf dem weitläufigen Grundstück haben die jungen Aktivisten nicht nur ein Volleyballfeld, einen Zelt- und einen Grillplatz errichtet, sondern auch begonnen, einen Gemüsegarten anzulegen – für „ein bisschen Selbstversorgung“.

„Barco Liberado“, „befreites Boot“, nennen die Besetzer ihr Projekt. Ein Schiff, das sich (nicht mehr) Gemeinde nennt. Begonnen hat alles am 4. Juni mit einem „anarchistischen Sommerfest“ auf dem Gelände der seit Ende 2016 nicht mehr genutzten Kirche. Während dieses Fests, an dem auch Anwohner teilnahmen, hatte eine Gruppe von etwa 20 Personen das Gebäude besetzt und zu einem „selbstverwalteten Jugendzentrum“ ausgerufen.

Kurz darauf waren Repräsentanten der evangelischen Kirche auf dem Fest aufgetaucht. „Aber die waren total nett“, erinnern sich die Besetzer schmunzelnd. „Die wollten uns keinen Ärger machen, die wollten nur mit uns reden.“ Während des Gesprächs seien die Kirchenvertreter dreimal von der Polizei angerufen worden, die ihnen angeboten habe, Gebäude und Grundstück sofort zu räumen – was sie zur offenkundigen Verblüffung der Polizei jedoch ablehnten. „Beim dritten Anruf haben die Polizisten sogar gefragt: Können Sie offen sprechen? Fühlen Sie sich bedroht?“ Der evangelische Kirchenkreis Hamburg-Ost einigte sich mit den Besetzern zunächst auf eine Duldung bis Ende Juli, die inzwischen jedoch verlängert wurde – vorläufig bis Ende September. Die betont nicht-konfrontative Haltung des Kirchenkreises ist wohl auch im Zusammenhang mit der Vorgeschichte des Gebäudes zu sehen. Bereits seit 2012 ist die Thomaskirche nicht mehr für Gemeindegottesdienste genutzt worden; stattdessen wurde das Gebäude Ende 2012 für ein Modellprojekt mit dem Namen „Jugendkirche & Konfi-Camp Hamburg-Ost“ zur Verfügung gestellt, mit dem neun Kirchengemeinden im Osten der Stadt ihre Jugendarbeit bündeln wollten. Auf der noch aktiven Website dieses Projekts heißt es, die Trägergemeinden wollten „eine Kirche von Jugendlichen für Jugendliche“ schaffen, die „(nahezu) frei von institutionellen Vorgaben und Erwartungen“ sein solle. Nach vier Jahren wurde das Projekt jedoch Ende 2016 eingestellt – wie es heißt, aufgrund mangelnder Unterstützung seitens einiger der beteiligten Gemeinden. Man könnte sagen, das anarchistische Projekt „Barco Liberado“ sei zu einem gewissen Grad eine Fortsetzung der Jugendkirche-Pläne mit anderen, erfolgreicheren Mitteln – und, zugegebenermaßen, mit einer deutlich anderen weltanschaulichen Orientierung. Am Infostand in der besetzten Kirche finden sich neben zahlreichen Flyern für Aktionen im Zusammenhang mit den G-20-Protesten („Das ist alles nicht mehr wirklich aktuell, da müsste mal aufgeräumt werden“) auch Aufkleber einer Kampagne zum Reformationsgedenken unter dem Motto „Reformation? Kein Grund zum Feiern!“, auf denen ausgewählte Zitate aus den Werken Martin Luthers den Reformator als „Antisemiten, Sexisten und Tyrannenfreund“ kennzeichnen sollen.

Auf ihrer Website beschreiben die „Barco Liberado“-Aktivisten ihr Selbstverständnis als „antiautoritär“, „unkommerziell“ und „möglichst diskriminierungsfrei“ und betonen ihre Absicht, ein „freundschaftliches Verhältnis zu den Anwohner*innen“ zu pflegen. Zu den Aktivitäten des „selbstverwalteten Jugendzentrums“ zählen neben den bereits genannten auch die Organisation von Konzerten und der Aufbau einer Theatergruppe; in einem Nebengebäude soll demnächst ein Wohnprojekt für obdachlose Jugendliche entstehen.

Angesichts all dieser innerhalb kürzester Zeit gewissermaßen aus dem Nichts gewachsenen Initiativen fällt es schwer, dem Engagement und der Selbstorganisationsfähigkeit der anarchistischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen ein gewisses Maß an Respekt zu verweigern. Das sieht offenkundig auch der Kirchenkreis Hamburg-Ost so – wenngleich es zweifellos eine problematische Situation darstellt, wenn sich an einem ehemaligen Ort kirchlicher Jugendarbeit nun ein explizit nicht christlich ausgerichtetes Jugendzentrum etabliert, das zudem erst durch einen zunächst rechtswidrigen Akt der Inbesitznahme ermöglicht wurde.

Zieht man in Betracht, dass der Leerstand bisheriger Kirchengebäude, Pfarr- oder Gemeindehäuser in der evangelischen wie auch in der katholischen Kirche durch den laufenden Prozess der Umstrukturierung von Kirchengemeinden oder Pfarreien zukünftig zweifellos noch erheblich zunehmen wird, mag die Kirchenbesetzung in Hamburg-Rahlstedt Anlass dazu bieten, darüber nachzudenken, wie die Kirchen eine Nachnutzung solcher Gebäude in ihrem Sinne gestalten könnten, ehe es Andere tun. Im Fall der Thomaskirche steht der Kirchenkreis Hamburg-Ost derweil praktisch vor vollendeten Tatsachen: Gegenüber der Öffentlichkeit, möglicherweise aber auch gegenüber dem eigenen Selbstverständnis hätte er ein erhebliches Rechtfertigungsproblem, wollte er ein florierendes Jugendarbeitsprojekt an einem Ort, an dem er selbst mit einem solchen gescheitert ist, unterbinden. Auch deshalb sind die Besetzer optimistisch, dass es zu einer dauerhaften Einigung mit den Eigentümern über die Nutzung von Gebäude und Grundstück kommen wird.

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