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„Religion schafft Anrufbarkeit”

Die Kirche nützt der Demokratie: Beim Medienempfang des Bistums Regensburg erklärte Hartmut Rosa, wozu Religion notwendig ist. Besonders in der Beschleunigungsgesellschaft.
Medienempfang des Bistums Regensburg
Foto: Katharina Winterlich | Religion biete Raum, Zeit und Institutionen für Anrufbarkeit in der schnelllebigen Gesellschaft von heute. „Wo findet man das sonst noch?“, fragte Hartmut Rosa die Anwesenden.

„Was nützt Religion? Das unterläuft schon das, was Religion ist. Denn man kann sie nicht funktionalisieren“, erklärt Hartmut Rosa. Der Soziologe und Politikwissenschaftler lehrt an der Universität Jena. Heute spricht er jedoch nicht vor Studenten, sondern in Regensburg, beim Medienempfang der diözesanen Presse- und Medienabteilung, vor dem Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, Generalvikar Roland Batz und ungefähr 100 Anwesenden. Das Thema seines Vortrags an diesem Donnerstagabend ist „Braucht Demokratie Religion?“. Ziemlich genau drei Jahre, nachdem Rosa sein Buch „Demokratie braucht Religion“ veröffentlicht hat.

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„Die Demokratie ist in einer Krise“, fährt er fort und beginnt ganz grundsätzlich. Politik bedeute, die Institutionen des menschlichen Zusammenlebens zu gestalten. Demokratie bedeute, dass jeder an dieser Gestaltung beteiligt sei. Doch heutzutage sehe man die Politik nur noch als Kampffeld: „Links gegen rechts“, heiße es überall. Oft höre man Ausrufe wie „Grüne an den Galgen“ oder „Faschisten raus“. „Die Demokratiekrise ist in einer Krise der Anrufbarkeit. Wir müssen hören können, dass der Andere anders lebt und liebt“, erklärt der 60-Jährige. Das Dachgeschoss im Künstlerhaus „Andreasstadel“ ist gut gefüllt. Hinten in der Mitte filmt das „TVA - Fernsehen für Ostbayern“. Leise knarzt der Holzboden unter den Gästen. „Journalisten sind Spezialisten für die Anrufbarkeit“, wendet Rosa sich an die Anwesenden, unter denen sich lokale Reporter, Mitarbeiter der Pressestelle des Bistums Regensburg und auch Priester und Seminaristen befinden. Der Medienempfang ist ein Dank der Pressestelle an sie alle für „die vertrauensvolle Zusammenarbeit und die stets wertvolle Berichterstattung“.

Jedes Jahr ein bisschen schneller

In Deutschland lebe man mehr und mehr im „Hamsterradmodus“, in einer Beschleunigungsgesellschaft, bedauert Rosa. Jedes Jahr müsse die Gesellschaft ein bisschen schneller laufen als im Jahr davor. „Wir sind sozusagen ständig auf dem Weg zum Flughafen“, vergleicht er. Darum sei man weniger verfügbar für die Außenwelt - und damit nicht „dispositional anrufbar“.

Die Haltung der Anrufbarkeit müsse gesellschaftlich wieder eingeübt werden. Und diese Fähigkeit, anrufbar zu sein und hören zu können, die schaffe die Religion. Ihre Grundidee sei, dass auf dem Grund unserer Existenz ein antwortendes Gegenüber liege. Religion bedeute, sich von „Einem ganz Anderen“ anrufen zu lassen. Sie setze eine dispositionale Haltung voraus, „da man sich von etwas anrufen lässt, das man noch nicht kennt“, so Rosa. Es handele sich dabei um Resonanz, um die Wechselwirkung zwischen den Ohren und der Stimme, zwischen dem Hören und dem Antworten. Wenn Menschen etwas berühre, würden sie dem als Antwort entgegentreten. So kenne er es auch von seinen Studenten. „Das ganze Wesen antwortet und macht etwas“, so der Soziologe. Das führe zum „transformativen Geschehen“.

Kirche bringt Ruhe

„Viele Menschen sagen, wenn sie Ruhe suchen, gehen sie in die Kirche. Die ist groß, dunkel und man hat nicht viel zu tun“, so der leidenschaftliche Orgelspieler. „Die Kirche schafft den Raum und die Zeit für Anrufbarkeit.“ Sonntags spaziere man beispielsweise auch anders durch die Straßen als unter der Woche, weil die Geschäfte geschlossen seien. Die Eucharistie schaffe Resonanz. Denn man konsumiere die Oblate, die einem fremd sei und einen gleichzeitig dann innerlich berühre. Auch die Dreifaltigkeit beruhe auf Resonanz.

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„Ich glaube, Religion bietet die Institutionen, die Räume und die Zeit, die die Anrufbarkeit fördern. Wo sonst findet man das heute noch in der Gesellschaft?“, schließt der Universitätsprofessor seinen Vortrag. Bevor er das Mikrofon weitergibt und das Fingerfood-Buffet unter den hölzernen Deckenbalken eröffnet wird, fügt er noch eine Warnung hinzu: Ebenso sei die Religion dazu in der Lage, Anrufbarkeit zu schließen. Durch den Fundamentalismus. Indem man denke, man müsse Gott nicht mehr zuhören, weil man genau wisse, was er wolle und was richtig oder falsch sei. Denn dann wäre man mit „Feuer und Schwert“ unterwegs und würde nicht mehr zuhören.

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