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Bachmann-Preisträger Tijan Sila: Schreiben als Seelenarbeit

Der in Sarajevo geborene Autor wurde mit dem renommierten Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet.
48. Tage der deutschsprachigen Literatur 2024, Preisverleihung, Tijan Sila - Ingeborg Bachmannpreis
Foto: JOHANNES PUCH | Von Silas eindringlicher Geschichte zeigte sich die gesamte Jury angetan, schon am ersten Wettbewerbstag gehörte der Autor zu den Favoriten für den mit 25.000 Euro dotierten Hauptpreis.

Für Tijan Sila, der 1994 vor dem Bosnienkrieg nach Deutschland floh, ist Schreiben Seelenarbeit: „Man nimmt ein Stück der eigenen Seele und macht sie irgendwie zu Text.“ Dass seine Bücher autobiografisch sind, mag daher wenig verwundern. Schon in seinem 2017 veröffentlichten Debüt „Tierchen unlimited“ schöpft er aus der eigenen Migrationsgeschichte. 

Zuletzt erschien 2023 der vielbesprochene Roman „Radio Sarajevo“, der von Silas Kindheit im Krieg handelt. So schonungslos der Schriftsteller auch von Kriegserlebnissen und Traumata berichtet, seine Texte zeichnet zugleich ein für ihn typischer Sinn fürs Tragikomische und Absurde aus, das das Schreckliche erst erträglich macht.

Von Bosnien in die Pfalz

13 Jahre alt war Tijan Sila, als er mit den Eltern in die Pfalz emigrierte. Im ehemaligen Jugoslawien hatte er an einem Förderprogramm für Lyrik teilgenommen und seine Gedichte vor Publikum präsentieren dürfen. In Deutschland angekommen, musste er sich eine neue, fremde Sprache aneignen. Auf die Frage, was ihn an dieser besonders fasziniere, antwortet Sila: der Satzbau. Und des deutschen Satzbaus wegen wechselte er zur Prosa. „Ich wollte unbedingt auch auf Deutsch schreiben, habe aber gemerkt, dass mir im Deutschen Prosa mehr Spaß macht als Lyrik. Also habe ich angefangen, so gut es ging, Kurzgeschichten zu schreiben.“ Nach dem Abitur studierte Sila Germanistik und Anglistik in Heidelberg. Heute unterrichtet der Schriftsteller Deutsch an einer Berufsschule, spielt als Gitarrist in der Punkband „Korrekte Drinks“ und lebt mit Frau und Tochter in Kaiserslautern.

Als 13-Jähriger saß Tijan Sila am Küchentisch, irgendwo in der Pfalz, und lernte das Deklinieren und Konjugieren in deutscher Sprache. Am Donnerstag stand der 43-Jährige am Stehpult im ORF-Theater Klagenfurt und las vor Publikum und Fernsehzuschauern den Text „Der Tag, an dem meine Mutter verrückt wurde“. Zum Wettbewerb eingeladen hat ihn Philipp Tingler, Mitglied der neunköpfigen Jury, die einen jeden Beitrag kommentiert und kritisiert. Das ist das Besondere an dem mittlerweile zum 48. Mal abgehaltenen Literaturwettbewerb: Die Autorenlesungen, die sich anschließenden Jury-Diskussionen und das abschließende Voting, bei dem die Juroren durch Punktevergabe über die Preisträger entscheiden, finden vor Publikum statt und sind live im Fernsehen und Stream zu sehen. 

Sprache als Rettung

Von Silas eindringlicher Geschichte zeigte sich die gesamte Jury angetan, schon am ersten Wettbewerbstag gehörte der Autor zu den Favoriten für den mit 25.000 Euro dotierten Hauptpreis. Neben dem Bachmannpreis wurden weitere Auszeichnungen vergeben, deren Preisgelder von 7.500 bis 12.500 Euro reichen. Auch gibt es einen Publikumspreis, über dessen Vergabe die Zuschauer online abstimmten.

Die autobiografische Dimension, die Tijan Silas Schreiben charakterisiert, kommt auch in seinem Klagenfurter Siegertext zum Tragen: Der Ich-Erzähler (mit Namen Tijan) stattet im August 2007 seinen arbeitslosen Eltern einen Besuch ab. Es sind „gescheiterte Akademiker, eine Germanistin und ein Bibliothekswissenschaftler, die vor dem Krieg nach Deutschland geflohen waren, um festzustellen, dass ihre kommunistischen Doktortitel hier wertlos waren“. Erschüttert erkennt der Erzähler, dass seine Eltern – die resolute Mutter und der sanfte, ihr ergebene Vater – dem Wahnsinn anheimgefallen sind: An paranoiden Anwandlungen leidend, hält sich Tijans Mutter für das Opfer einer großen Verschwörung, während der Vater die Wohnung mit Unmengen an Elektroschrott vollstopft. 

Wahnsinniger Krieg – wahnsinnige Mutter

Die Erzählung des überforderten Sohnes, der sich einerseits mit paranoider Schizophrenie, andererseits mit einem pathologischen Sammelzwang konfrontiert sieht, durchsetzt der Autor mit Erinnerungsbildern, die Tijan und seine Eltern in das belagerte Sarajevo zurückversetzen. Der Wahnsinn des Krieges und der Wahnsinn der Mutter sind miteinander verzahnt, und so erweist sich das Kranksein der Eltern nicht zuletzt als Spätfolge der im Bosnienkrieg erlebten Schrecken. Freilich ist auch der Sohn traumatisiert; er jedoch scheint einen Weg gefunden zu haben, nicht durchzudrehen: Tijan klammert sich an die Sprache – sie ist seine Rettung. 

In seiner Laudatio auf den Preisträger lobt Philipp Tingler dessen „einzigartigen Schreibstil“, eine „Mischung aus Pointiertheit, Tragikomik und Melancholie“. Auch verrät Tingler, dass der prämierte Text Tijan Silas aktuellem Romanprojekt entstammt. Auf dieses neue Buch dürfen wir schon jetzt gespannt sein.

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Giovanna-Beatrice Carlesso

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