Sport überwindet kulturelle, sprachliche und soziale Barrieren, indem er Menschen durch gemeinsame Regeln, Ziele und emotionale Erlebnisse zusammenbringt. Ob im Team oder beim gemeinsamen Training: Sport stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt und fördert aktiv die Integration. Die mehr als 86.000 Sportvereine sind wegen ihrer flächendeckenden Verbreitung bedeutsame Orte des zivilgesellschaftlichen Alltagslebens und „Integrationsmotoren“, heißt es bei der Bundeszentrale für politische Bildung.
Welche Bedeutung Sport im jüdischen Leben haben kann, zeigt Makkabi Deutschland, der Dachverband jüdischer Sportvereine in Deutschland, mit heute über 9.300 Mitgliedern in rund 40 Ortsvereinen. Bemerkenswert ist die Offenheit des Verbandes: Zwischen 60 und 80 Prozent der Mitglieder sind nicht jüdischen Glaubens. Gespielt wird dennoch mit dem Davidstern auf der Brust als Ausdruck eines selbstbewussten, modernen jüdischen Selbstverständnisses.
„Lang lebe Makkabi!“
Dazu passt auch der Leitspruch „Makkabi Chai!“, was übersetzt so viel heißt wie „Lang lebe Makkabi!“. Das ist historisches Programm. Makkabi verweist auf Judas Makkabäus, den Anführer des jüdischen Aufstands gegen die Seleukiden. Sein Beiname wird häufig mit dem aramäischen Wort für „Hammer“ in Verbindung gebracht. Judas Makkabäus führte den Aufstand gegen die seleukidische Herrschaft, gewann Jerusalem zurück und ließ den entweihten Tempel wieder weihen. Aus dieser Erinnerung erwuchs das Chanukka-Fest. Den Beinamen „der Hammer“ trug Judas, weil er mit Entschlossenheit schlug, wo andere sich unterworfen hätten. Als jüdische Sportler am Ende des 19. Jahrhunderts aus deutschen Turnvereinen ausgeschlossen wurden und sich eigene Vereine gründeten, wählten sie diesen Namen. Und als Makkabi Deutschland nach dem Holocaust neu gegründet wurde, klang in dem alten Namen die Botschaft mit: „Makkabi Chai!“, also „Der Hammer lebt!“. Der alte Name stand nach 1945 auch für den Willen, jüdisches Leben in Deutschland wieder sichtbar werden zu lassen.
Die Wurzeln des jüdischen Vereinssports in Deutschland reichen ins späte 19. Jahrhundert zurück. Im Jahr 1898 gründeten jüdische Studierende in Berlin den ersten jüdischen Turnverein Deutschlands unter dem Namen Bar Kochba, benannt nach dem Anführer des jüdischen Aufstands gegen die Römer. Der Verein entstand in einem Klima zunehmender antisemitischer Ausgrenzung aus bürgerlichen Sportvereinen. Bereits 1903 schlossen sich elf jüdische Turnvereine zu einem Dachverband zusammen, der Jüdischen Turnerschaft mit Sitz in Berlin. Im tschechischen Karlsbad wurde 1921 unter maßgeblicher Beteiligung deutscher Vertreter die Makkabi-Weltunion gegründet; die Zentrale des Weltverbands befand sich bis zur NS-Machtübernahme in Berlin. Alon Meyer, Präsident von Makkabi Deutschland und Träger des Verdienstkreuzes 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland, sieht den historischen Ursprung im „Ausschlussprinzip“, weil Juden aus nichtjüdischen Vereinen immer wieder ausgeschlossen worden seien. Den Namen „Makkabi“ für einen deutschen Verein trug erstmals der FC Maccabi Düsseldorf, gegründet 1923.
Bis 1933 gab es in Deutschland rund 90 jüdische Sportvereine. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme begann die systematische Ausgrenzung der jüdischen Sportvereine. Mit der Reichspogromnacht 1938 wurde auch die jüdische Sportbewegung in Deutschland vollständig unterbunden. Nach dem Holocaust dauerte es zwei Jahrzehnte, bis sich in Deutschland wieder Sportler unter dem Davidstern in einem eigenen Verband zusammenschlossen. Am 23. Mai 1965 – wenige Tage nachdem Deutschland und Israel diplomatische Beziehungen aufgenommen hatten – wurde in Düsseldorf die Neugründung von Makkabi Deutschland gefeiert. Architekt dieser Neugründung war Max Loewy, der nach Deutschland zurückgekehrt war und Netzwerke bis in den Deutschen Sportbund und nach Israel geknüpft hatte. Noch im selben Jahr entstanden Ortsvereine in München und Frankfurt. 1966 zählte der Verband bereits acht Vereine mit 1.000 Mitgliedern. 1969 nahm erstmals seit der NS-Zeit wieder eine deutsche Mannschaft an der Makkabiade in Israel teil, der größten internationalen jüdischen Sportveranstaltung in Israel.
Sportliche Offenheit und jüdische Identität
Die Makkabi-Vereine verbinden sportliche Offenheit mit jüdischer Identität. Die jüdischen Feiertage werden in der Vereinskultur berücksichtigt: An Hohen Feiertagen und am Schabbat wird kein Ligabetrieb bestritten; statt Weihnachtsfeiern gibt es Chanukka-Feste. Kinder sollen auf diese Weise in die jüdische Tradition hineinwachsen. „Wir sind keine Rabbiner auf dem Fußballplatz“, sagte Mordechai Tichauer, früherer Vizepräsident von Makkabi Deutschland, vor einigen Jahren, „aber wenn ein Jude bei Makkabi spielt, dann ist er zu Hause. Die Begriffe Heimat, Judentum, Zionismus, das alles macht Makkabi aus.“ Vor allem die Integrationsleistung für jüdische Zuwanderer ist hoch. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion strömten in den 1990er-Jahren viele jüdische Zuwanderer aus den Nachfolgestaaten nach Deutschland. Für diese Menschen wurden die Makkabi-Vereine zu einem zentralen Integrationsort, denn sprachliche Barrieren spielten auf dem Spielfeld keine Rolle, jüdische Werte wurden vermittelt, und Gemeinschaft entstand im gemeinsamen Training und im Vereinsalltag. Alon Meyer formulierte es so: „Neben der Zentralwohlfahrtsstelle hat Makkabi wohl die vielleicht wichtigste Rolle bei der Integration der Zuwanderer.“
Diese Verbindung von Sport und gesellschaftlicher Verantwortung prägt auch das Präventionsprojekt „Zusammen1 – Für das, was uns verbindet“, gefördert im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ des Bundesfamilienministeriums, in Kooperation mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland und der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf. Das Projekt richtet sich gegen Antisemitismus und Diskriminierung im organisierten Sport, vor allem im Fußball, und verbindet Bildungsarbeit mit sportpraktischen Einheiten. Nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 verschärfte sich auch im Sport die Aufmerksamkeit für antisemitische Vorfälle. Makkabi Deutschland und der Bundesverband RIAS führten einen digitalen Meldebutton ein, über den Betroffene und Zeugen antisemitische Vorfälle im Sport melden können. Betroffene und Zeugen können Vorfälle unkompliziert, sicher und auf Wunsch komplett anonym melden. Ziel ist die „Förderung eines Umfelds, in dem sich alle sicher und akzeptiert fühlen“, sagt Alon Meyer. Eine Meldung wird automatisch und sicher an den Bundesverband RIAS übermittelt und bearbeitet. Die anonymisierten Daten dienen der bundesweiten Erfassung von Antisemitismus im Sport, um präventive Maßnahmen zu entwickeln und Betroffenen gezielt helfen zu können.
Der Autor ist Germanist und Prorektor der Allensbach Hochschule (Konstanz). Er ist als Publizist und Berater tätig.
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