Als Wikipedia im Januar 2001 online ging, klang die Vision so kühn wie naiv: Das Weltwissen sollte nicht länger von akademischen Einrichtungen, kommerziellen Verlagen oder ideologisch motivierten Gerichtsbarkeiten verwaltet werden, sondern von der weltumspannenden, menschlichen Gemeinschaft selbst. Ein Vierteljahrhundert später lässt sich feststellen: Die Vision ist als große Verheißung zwar nicht gescheitert– aber die Defizite sind offensichtlich. Und manches davon scheint systemimmanent.
Die oft beschworene Schwarmintelligenz ist ohne Zweifel die große Stärke der Enzyklopädie. Aber ist sie vielleicht auch ihre größte Schwäche? Kaum ein anderes Projekt hat gezeigt, wie leistungsfähig kollektive Wissensarbeit sein kann, wenn viele Akteure mitschreiben dürfen. Fehler werden entdeckt, Ergänzungen vorgeschlagen, Perspektiven erweitert.
Schwärme sind anfällig für Hypes
Doch genau hier lauert eine Gefahr, zu der fast jeder Wiki-Nutzer eine eigene Geschichte erzählen kann: Schwärme sind anfällig für Hypes. Wo öffentliche Aufmerksamkeit, mediale Erregung oder moralische Autorität dominieren, kann sich Mainstream-Denken verfestigen – nicht als bewusste Manipulation, sondern als schleichende Normierung des Sagbaren und des zu Sagenden, zum Beispiel als Auftrag selbstgerechter „political correctness“. So entsteht die Situation, dass der Schwarm sich einen Teil intelligenter Wirklichkeit kurzerhand einverleibt und wegverdaut. Die scheinbar guten Informationen ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen, wie es im Märchen vom Aschenputtel heißt.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem, das im Verwender-Alltag oft unterschätzt wird: Viele Artikel altern schlecht, beziehungsweise, sie altern unbegleitet. Während tagesaktuelle Debatten mit erstaunlicher Geschwindigkeit gepflegt werden, bleiben komplexere Themen, historische Kontexte oder institutionelle Entwicklungen jahrelang auf dem Stand von vorgestern. Aktualität ist bei Wikipedia auf der einen Seite Wesensmerkmal, etwa bei Oscar-Verleihungen und Promi-Sterbefällen, ansonsten weitestgehend ein Zufallsprodukt. Zur Aktualität müsste immer auch die Aktualisierung gehören.
Besonders heikel wird es in diesem Punkt dort, wo politische, weltanschauliche oder religiöse Interessen ins Spiel kommen. Die Gefahr manipulativer Beiträge ist allgemein bekannt und bei vielen ganz selbstverständlich in die Wikipedia-Nutzung eingepreist. Gewichtungen, Auslassungen oder Auswahl von Quellen: Viel zu oft stellt sich bei betroffenen Einrichtungen und öffentlichen wie privaten Personen ein Gefühl des Ausgeliefertseins ein.
Wikipedias Regeln ersetzen keine Urteilskraft
Wikipedia kennt zwar Regeln, doch die ersetzen keine Urteilskraft. Im Gegenteil: Spezialisierte Profis nutzen das bestehende Regelwerk, um mit passgenauen Einträgen ihre Ziele, oft kommerzielle, trotzdem zu erreichen. In umkämpften Themenfeldern verwandeln sich Artikel nicht selten in Schlachtfelder: Unterschiedliche Strömungen ringen um Deutungshoheit, zweifelhafte „Tatsachen“ werden eingefügt, zurückgenommen, neu formuliert – ein permanenter „Battle“-Zustand, der Neutralität eher simuliert als garantiert.
Um die eigentliche Wahrheit als verantwortungsbewusste Abbildung objektiver Wirklichkeit geht es dann nur noch in Ausnahmefällen. Ein Beispiel liefert der Umgang mit Medien wie der „Tagespost“, die sich in Wikipedia-Artikeln mehrfach als „rechtskatholisch“ oder „neurechts“ verortet sieht – gefährlich tendenzielle Zuschreibungen, die die Zeitung und wohl auch die vielgestaltige Leserschaft als diffamierend ablehnt. Hier zeigt sich exemplarisch das Dilemma: Wo endet legitime Einordnung, wo beginnt Etikettierung und absichtsvolles Schubladendenken? Und wer entscheidet letztgültig darüber, welche Fremdzuschreibung zu den Altären der enzyklopädischen Wahrheit erhoben wird?
Trotz all dieser Spannungen bleibt Wikipedia ein zivilisatorisches Großprojekt. Seine Schwächen sind nicht unbedingt Zeichen des Scheiterns, sondern der zwangsläufige Preis der offenen Plattform. Zum 25. Geburtstag verdient „Wiki“, das in der niedlichen Abkürzung sympathisch- harmlos klingt, daher beides: respektvolle Aufmerksamkeit in Bezug auf das Gesamtprojekt – und wache Kritik, damit aus der Enzyklopädie des Volkes kein Arsenal des zeitgeistig Lautesten und politisch Korrektesten wird.
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