Romantischer Poseur mit unverwandtem Blick auf die Ewigkeit

„Das Drama meines Lebens ist auch das Drama Frankreichs“: Die Erinnerungen Chateaubriands wieder auf Deutsch erhältlich. Von Urs Buhlmann
Foto: IN | François-René de Chateaubriand, um 1828 von Pierre Louis Delaval porträtiert.
Foto: IN | François-René de Chateaubriand, um 1828 von Pierre Louis Delaval porträtiert.

Ein literarisches Ereignis und ebenso ein subjektiv-lebendiger Blick in eine prägende Epoche europäischer Geschichte – das sind die Memoiren von Francois-René Vicomte de Chateaubriand (1768–1848), der Gründergestalt der Romantik in Frankreich, die unter dem Titel „Erinnerungen von jenseits des Grabes“ erst nach seinem Tod erschienen und im Stil einer Grabrede auf sich selbst gehalten sind. Der Bretone aus altadliger Familie – Soldat, Forschungsreisender, Diplomat, Politiker und an Weltschmerz leidender Lebemann – gehörte auch als Schriftsteller und politischer Publizist zu den prägenden Figuren seiner Epoche. Wer von sich sagte: „Das Drama meines Lebens ist auch das Drama Frankreichs“, wer ständig von „Napoleon und ich“ und „Ich und Napoleon“ spricht, ist entweder größenwahnsinnig oder hat Grund zu solch unbescheidener Selbsteinschätzung. Von Chateaubriand wird man tatsächlich letzteres sagen müssen. Er lebte mit und litt an Frankreich in diversen Epochen des Umsturzes, diente seinem Vaterland zunächst noch als königlicher Infanterie-Offizier – die einzige, missglückte Begegnung mit Ludwig XVI. wird erwähnt („Der König, der weit verlegener war als ich, weil er nicht das passende Wort fand, ging vorüber. Eitelkeit menschlicher Geschicke!“) – um dann 1791 für neun Monate in den damals noch französischen Teil Nordamerikas, nach Louisiana, zu gehen, weil ihn die revolutionären Umtriebe in der Heimat und das damit verbundene Gemetzel schreckten. Er kam mit dem Stoff für zwei Novellen „René“ und „Atala“ zurück, die bei ihrem Erscheinen eine literarische Manie a la Goethes „Werther“ auslösten.

Von da an war er ein berühmter Mann – der auch politisch wirksam wurde, indem er als Diplomat in Napoleons Dienste trat. In die Memoiren eingebettet ist eine komplette Biografie des Korsen, den sein adliger Landsmann durchaus bewunderte, aber auch psychologisch erbarmungslos sezierte: „Die großen Männer – auf Erden nur eine sehr kleine Familie – finden unglücklicherweise nur sich selbst, um sich nachzuahmen. Gleichzeitig Modell und Kopie, wirkliche Person und Schauspieler dieser Person, war Napoleon sein eigener Mime.“ Den Krieg in Spanien und die Invasion Russlands nennt Chateaubriand als politische Hauptfehler des Kaisers. Immer wieder finden sich in den Erinnerungen gestochen scharfe Porträts von Personen, Schilderungen historischer Szenen – mit dem Vorzug, dass der Erzähler wirklich dabei gewesen ist – bei denen der Autor einen recht trockenen Humor und innere Unbeteiligtheit zeigt. Ob Pose, ob Wahrheit?

Was sich als roter Faden durch den dicken Memoirenband zieht, an dem Chateaubriand jahrzehntelang mit immer neuen, der politischen Arbeit geschuldeten Unterbrechungen gearbeitet hat, ist eine Vertrautheit mit Tod und Sterben-Müssen, die in der Tat morbid zu nennen ist. Schon der Titel des Buches soll ja suggerieren, dass sich da einer aus dem Jenseits zurückmeldet. Immer wieder streut der Autor ein „Memento Mori“ in den Text ein. Wenn er etwa in der Zeit seiner römischen Gesandtschaft auf dem Forum Romanum unterwegs ist, kommen ihm Gedanken: „Ich wende mich der Vergangenheit zu, ich sehe, was ich alles verloren habe, und ich sehe das Ende der kurzen Spanne, die ich noch vor mir habe. Ich suche nach Freunden, die mir bleiben könnten, ich finde keine; ich bemühe mich, das zu bewundern, was ich bewunderte, aber ich bewundere nicht mehr.“ Die Eitelkeit des Irdischen treibt also den um, der sich in Salons her-umtreibt, neben seiner Ehefrau – zu der er bis kurz vor seinem Tod ein distanziertes Verhältnis hat – immer auch wechselnde Geliebte hatte. All das führte den zu strenger Frömmigkeit Erzogenen, bei aller Welthaftigkeit niemals dem Glauben ganz Entfremdeten wieder mächtig zur Kirche zurück. Von diesem Suchen und Finden kündet eines seiner wichtigsten Werke: „Inmitten der Trümmern unserer Kirchen veröffentlichte ich das ,Génie du Christianisme‘. ... Man empfand damals ein Bedürfnis zu glauben, eine Begierde nach religiösem Trost, die sich aus der langjährigen Entbehrung dieser Trostmittel herleitete. Welche übernatürlichen Kräfte waren zu erbitten für all das erlittene Unrecht!... Wie viele zerbrochene Herzen, wie viele vereinsamte Seelen verlangten nach einer göttlichen Hand, sie zu heilen! Man drängte sich in das Haus Gottes, wie man sich am Tag einer Seuche in das Haus des Arztes drängt.“ Dieses Wiedererwachen der Religion nach der gottlosen Revolution sah er freilich bei Napoleon, der das Erscheinen von Chateaubriands Werk sehr begrüßte, als rein taktisch motiviert an. Der Kaiser habe zunächst nur Misstrauen gegen Glaube und Kirche gehegt: „Später bereute er seinen Irrtum: mit den religiösen Ideen verbunden waren die althergebrachten monarchischen Ideen in Erscheinung getreten.“ Mit wenig Bescheidenheit bewertete er die Resonanz des 1802 erschienenen Bandes: „Der Anstoß, den das ,Génie du Christanisme‘ den Geistern gab, warf das 18. Jahrhundert (Das Zeitalter Voltaires und eines systematischen Atheismus, Verf.) für immer aus der Bahn. Man begann wieder oder man begann erst jetzt die Quellen des Christentums zu studieren.“ 1810 wird Chateaubriand französischer Botschafter in Berlin, überreicht sein Beglaubigungsschreiben: „Der König wohnte in einem schlichten Haus, hatte als einzige Auszeichnung zwei Schildwachen vor der Tür. Wer wollte, kam herein, man sprach mit ihm, wenn er zu Hause war. Diese Schlichtheit der deutschen Fürsten trägt dazu bei, bei den kleinen Leuten den Namen und die Vorrechte der Großen weniger spürbar zu machen.“ Die Anspruchslosigkeit des Berliner Hoflebens gefällt dem Franzosen, der anderes gewohnt war, gut: „Die Gesellschaft von Berlin entsprach mir wegen ihrer Lebensweise. Zwischen fünf und sechs Uhr ging man zur Soirée, um neun Uhr war alles zu Ende, und ich legte mich schlafen, ganz so, als ob ich nicht Botschafter gewesen wäre. Der Schlaf verzehrt das Dasein, und das ist gut“.

Chateaubriands Leben währte fast 80 Jahre. Nach der sogenannten Juli-Revolution, die 1830 den aus einer Nebenlinie der Bourbonen stammenden Louis-Philippe von Orléans auf den Thron bringt, zieht er sich aus der Politik und aus dem öffentlichen Leben zurück. In verschiedenen, letztlich glücklosen Missionen setzte er sich weiter für die Hauptlinie des französischen Königsgeschlechts ein, ein ebenso nobles wie nutzloses Unterfangen. Wahrscheinlich gefiel das der öffentlichen Figur Chateaubriand – denn eine solche war er mittlerweile geworden – gerade deswegen. Gegen Ende seines Memoirenbandes stilisierte er sich zum weltentsagenden Einsiedler: „Als ich das Soldaten- und Reisedasein aufgab, empfand ich Traurigkeit, jetzt empfinde ich Freude, die Freude des Sträflings, der nun von der Galeere der Gesellschaft und des Hofes befreit ist. Meinen Prinzipien und meinen Eiden getreu habe ich weder die Freiheit noch den König verraten; ich trage weder Reichtümer noch Ehren davon; ich gehe arm, wie ich gekommen bin, wieder von dannen. Glücklich, eine politische Laufbahn zu beenden, die mir zuwider war, kehre ich nur allzu gerne in die Stille zurück.“ Etwas bleibt ihm noch: „Die tückische Gewohnheit des Papiers und der Tinte bewirkt, dass man fortwährend schreiben muss.“ Vor allem historische Werke, als letztes eine Lebensbeschreibung des für seine Strenge bekannten zisterziensischen Reformabtes Rancé, entfließen noch seiner Feder.

Was er im Leben gelernt zu haben meint, fasst er in diese Worte: „Die Menschheit zerfällt in zwei ungleiche Teile: Menschen, die den Tod anziehen und von ihm geliebt werden, eine auserwählte Schar, die wiederaufersteht; und Menschen, die vom Leben angezogen und von ihm vergessen werden, eine Menge aus nichts, die nicht wiederaufersteht. Die zeitliche Existenz dieser Letzteren besteht aus Namen, Ansehen, Reichtum, Stellung; das Aufsehen, das sie machen, ihre Autorität, ihre Macht erlöschen mit ihrer Person; sobald ihr Salon und ihr Sarg verschlossen sind, ist auch ihr Schicksal abgeschlossen.“ Wozu Chateaubriand sich selber zählt, ist offenkundig und erklärt wohl auch seine lebenslange Faszination für das Mysterium des Todes. Die letzten Worte des monumentalen Werkes: „Während ich heute, am 16. November 1841, diese letzten Worte aufzeichne, steht mein Fenster, das nach Westen auf die Gärten der ausländischen Missionen geht, offen: es ist sechs Uhr morgens; ich sehe den großen bleichen Mond über der gerade in den ersten goldenen Schein aus dem Osten getauchten Spitze des Invalidendoms; man kann sagen, die alte Welt endet, die neue beginnt. Ich sehe den Widerschein eines Morgenrots, dessen Sonne ich nicht aufgehen sehen werde. Es bleibt mir nichts anderes mehr, als mich an den Rand meines Grabes zu setzen; alsdann werde ich, das Kruzifix in der Hand, kühn in die Ewigkeit hinabsteigen.“

Nach bald einem halben Jahrhundert liegt nun wieder eine deutsche Ausgabe von Chateaubriands Erinnerungswerk vor. Sie ist gefällig aufgemacht, sogar in Leinen gebunden, mit einer Zeittafel, einem unbedingt notwendigen Personenverzeichnis und zwei erhellenden Essays zum Autor versehen, diesen wahren Prototypen des 19. Jahrhunderts. Einziger Wermutstropfen: Es ist eben die alte Übersetzung von Sigrid von Massenbach aus dem Jahre 1968. Diese war gut, auch elegant –, die schon lange verstorbene Übersetzerin hatte seinerzeit auch die Erinnerungen des Herzogs von Saint-Simon übertragen – aber sie hat nach eigenem Gutdünken das Werk gekürzt. Es fehlt also weiterhin eine vollständige deutsche Ausgabe dieses bedeutenden, zwischen Fiktion und Erleben changierenden Memoiren-Bandes.

Francois-René de Chateaubriand: Erinnerungen von jenseits des Grabes. Aus dem Französischen von Sigrid von Massenbach. Verlag Mattes & Seitz, Berlin, 2017, 895 Seiten, in Leinen gebunden, ISBN 978-3-95757-331-5, EUR 38,–

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