Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Gastbeitrag

Irankrieg: Ein christlich-realistischer Blick

Warum „Operation Epic Fury“ aus Sicht des „Christlichen Realismus“ keine gute Kriegsstrategie darstellt.
Demonstration gegen Trumps Krieg gegen den Iran in New York
Foto: IMAGO/Gina M Randazzo (www.imago-images.de) | Demonstration gegen Trumps Krieg gegen den Iran in New York. Aus Sicht des Christlichen Realismus ist ein vorschnelles Urteil über Opfer und Täter, über Kriegsursachen und moralische Dimensionen in einem gegenwärtig ...

Was sollten Christen vom Angriff Israels und der USA auf den Iran halten? Der sogenannte „Christliche Realismus“ kann helfen, den Konflikt nicht nur aus einer moralisch verurteilenden und idealistischen Perspektive zu betrachten. Der Christliche Realismus, der im engeren Sinne von Kirchenvater Augustinus und in modernerer Form vom amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr geprägt wurde, geht von der moralischen Unvollkommenheit des zum freien Handeln befähigten Menschen aus.

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Dieser moralische Mangel wirkt sich besonders im Bereich des Politischen in Form von Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch aus. Das Vertrauen in am Recht und an internationalen Normen orientiertes Handeln wird regelmäßig enttäuscht. Staaten seien aufgrund der damit verbundenen Konfliktwahrscheinlichkeit in der Weltpolitik gehalten, Maßnahmen zur Selbsterhaltung zu treffen, da im Reich dieser Welt (Augustinus) Abschreckung gegen das Böse unvermeidlich sei.

Nüchterne Reflexion über internationale Zusammenhänge kaum vorhanden

Besonders im von Krieg und imperialistischem Wahn traumatisierten Deutschland weigerte man sich bis zur sogenannten Zeitenwende in der Ukraine in politischer Theorie und Praxis, machtpolitische Realitäten anzuerkennen, was zu einer Vernachlässigung der eigenen Verteidigungsfähigkeit geführt hat. Die sicherheitspolitische Abhängigkeit Deutschlands und der EU von den USA ist die Folge dieser zählebigen Naivität. Die zügig vollzogene Umkehr von einem breit geteilten Pazifismus hin zu einem neuen Bellizismus in der Zeitenwende zeigt, dass nüchterne Reflexion über internationale Zusammenhänge in Deutschland wenig vorhanden ist.

Die Amtszeit Donald Trumps sollte unter der Prämisse stehen, die USA aus nicht notwendigen internationalen Konflikten herauszuhalten, was die US-Sicherheitsdoktrin vom November 2025 verdeutlicht. Doch in der politischen Praxis hat die Trump-Administration Luftschläge gegen zahlreiche Länder durchgeführt, so in Nigeria und Syrien gegen Terroristen des Islamischen Staates (Dezember 2025), im Verbund mit Israel gegen den Iran im sogenannten Sechstagekrieg (Juni 2025); Anfang Januar 2026 wurde der venezolanische Präsident Nicolás Maduro in einer erfolgreichen Spezialoperation entmachtet und in die USA verbracht. Bei all diesen Operationen handelte es sich um keine großflächigen Interventionen mit Bodentruppen.

Die „Operation Epic Fury“, die am 28. Februar 2026 begann, unterscheidet sich vom Angriff im Juni durch ihre Intensität. Nach drei Wochen des Konflikts erweist sich, dass weder die strategische noch die rechtliche Begründung des Einsatzes überzeugen. Obwohl das iranische Regime sich massiver Menschenrechtsverletzungen schuldig machte – das Regime tötete bei der Niederschlagung von Protesten Anfang Januar 2026 geschätzt 30.000 bis 40.000 Menschen –, wurde der Einsatz Israels und der USA gegen den Iran nicht als humanitäre Intervention gerechtfertigt. Für Israel und die USA steht die Abwehr einer akuten Bedrohung im Zentrum der Legitimierung ihrer erneuten Intervention. Doch ob der Iran an der Atombombe baut und wie weit die Urananreicherung fortgeschritten ist, ist umstritten. Sollte die für den Bombenbau notwendige Urananreicherung von 60 auf 90 Prozent für den Iran realisierbar sein, stünde das Mullah-Regime kurz vor dem Besitz einer Atombombe.

Israels Präventivschlag und das jus-ad-bellum-Kriterium

Für das territorial kleine Land Israel stellt ein nuklear bewaffneter Iran die Existenzbedrohung schlechthin dar, zumal iranische Führer wie der getötete Ayatollah Ali Khamenei oder Ex-Präsident Ahmadinedschad die Vernichtung Israels zur Staatsräson erklärt hatten. Die Abwehr einer direkten Bedrohung ist eine Bedingung, die in der auf den Kirchenvater Augustinus zurückgehenden Theorie des gerechten Krieges erfüllt sein muss. Das jus ad bellum, die gerechte Sache, ist nur dann erfüllt, wenn eine militärische Handlung der Abwendung einer konkreten Gefahr dient, mit verhältnismäßigem Mitteleinsatz vollzogen wird, eine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit aufweist, die möglichst schonende Behandlung der Zivilbevölkerung gewährleistet und von einer legitimen Autorität durchgeführt wird.

Israels Präventivschlag erfüllt prinzipiell das jus-ad-bellum-Kriterium der Selbstverteidigung. Allerdings bestreiten Kritiker, dass der Iran kurz vor der Entwicklung einer Atombombe steht und diese überhaupt anstrebt. Israels Verteidigungsdoktrin beinhaltet die Ausschaltung der Bedrohung durch alle relevanten Akteure, meint die israelische Analystin Mairav Zonszein. Dazu gehört die Ausschaltung der Angriffskapazitäten der im Libanon aktiven Hisbollah, die ebenfalls vom Iran gelenkt wird, sowie der Kampf gegen die Hamas und die Huthi-Krieger im Jemen.

Die USA und Israel haben den Iran im Alleingang, ohne ein Völkerrechtsmandat und Konsultation der eigenen Alliierten, angegriffen. Erfolgreich war Epic Fury in dem Sinne, dass hochrangige iranische Führungspersönlichkeiten eliminiert werden konnten, darunter der oberste religiöse Führer Ali Khamenei, der Nachfolger des Gründers der iranischen Theokratie, Ayatollah Ruhollah Chomeini.

Der strategische Fehler des Angriffs

Es ist ethisch hoch umstritten, ob das angewandte Prinzip des gezielten Tötens von Führungspersönlichkeiten („targeted killing“) zur Vermeidung eines größeren Schadens rechtfertigungsfähig ist. Nach dem Anschlag vom 11. September 2001 setzen die USA auf diese Form des Tötens vor allem mit Hilfe von Drohnen; auch Israel schaltete auf diese Weise zahlreiche Hamas-Kommandeure aus. Offen bleibt die Frage, ob ein weitgehendes Abkommen mit dem Iran kurz vor dem Abschluss stand, bevor Israel die USA zum Angriff am 28. Februar 2026 überredete.

Der strategische Fehler des Angriffs liegt darin, dass die Entscheidungsträger glaubten, einen Enthauptungsschlag gegen das Mullah-Regime allein durch Luftschläge erfolgreich durchführen und damit einen Regimewechsel bewirken zu können. Doch ein solcher scheint in weiter Ferne zu sein, da das Regime die im Krieg getöteten Führungspersonen zu ersetzen vermag und das Regime fester in der Gesellschaft verankert zu sein scheint als angenommen. Deshalb bleibt der Aufstand der Bevölkerung, wie er sich Ende des Jahres 2025 abzuzeichnen schien, zunächst aus.

Die potenziellen Folgen von Epic Fury für die US-Alliierten in der Region und die vernetzte Weltwirtschaft wurden von den amerikanischen Entscheidungsträgern nicht berücksichtigt, monieren Kritiker. Damit verstießen sie gegen die Prämissen einer realistischen Verantwortungsethik. Die USA haben, so der amerikanische Politikwissenschaftler John Mearsheimer, die Widerstandskraft des Iran unterschätzt. Dessen Potenzial an wirkungsvollen Drohnen und Kurz- und Mittelstreckenraketen gefährdet nicht nur den Energietransport durch das Nadelöhr der Straße von Hormus, durch welche circa 20 Prozent des globalen Mineralölvolumens transportiert werden. Dazu kommen sämtliche Flüssiggasexporte aus Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Noch prekärer ist die Situation im Bereich des Stickstoffdüngers. Hier werden 30 bis 35 Prozent des Weltbedarfs durch die Meerenge transportiert. Bei einem Ausfall dieser Transporte droht in den Golfanrainerstaaten eine Hungersnot.

Auch ein Nachfolgeregime im Iran wird legitime Sicherheitsinteressen haben

Das Sichern der Straße von Hormus gegen Verminung und den Beschuss von Tankern erscheint unrealistisch, ebenso wie die Einnahme der Insel Kharg, die von zentraler Bedeutung für die iranische Ölproduktion ist. Großbritannien mit Winston Churchill hatte im Ersten Weltkrieg beim Versuch, die Durchfahrt der eigenen Flotten durch die Dardanellen zu erzwingen, im Jahre 1915 auf der Halbinsel Gallipoli eine schwere Niederlage erlitten.

Luftschläge im Allgemeinen beinhalten stets die Gefahr, das Kriegsvölkerrecht in dem Sinne zu verletzen, dass eine Unterscheidung zwischen militärischen und zivilen Zielen schwer zu gewährleisten ist. Aus Sicht des Christlichen Realismus ist ein vorschnelles Urteil über Opfer und Täter, über Kriegsursachen und moralische Dimensionen in einem gegenwärtig stattfindenden Konflikt unangebracht. Zu sehr beinhalten Kriege das Instrument der Propaganda als Mittel der Kriegsführung. Es ist anzuerkennen, dass auch ein Nachfolgeregime im Iran legitime Sicherheitsinteressen haben wird. Wie dieser Krieg die internationale Ordnung beeinflusst, darüber werden auch die Reaktionen von Chinesen, Russen und anderen Akteuren aus dem globalen Süden entscheiden. Für Christen bleibt es unerlässlich, für Besonnenheit und Weisheit der handelnden Staatsmänner zu beten, damit eine weitere Eskalation des Krieges vermieden werden kann.


Der Autor ist angestellter Lehrer für Ethik und Politik und Gesellschaft, Dozent in der Erwachsenenbildung und Autor im Bereich der internationalen Politik. Seine letzte Monographie war „Das Kreuz und der Krieg“ (Lepanto Verlag, 2021). 

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