Politiker beten für Freunde und Gegner

200 Gäste kamen zum ersten Nationalen Gebetsfrühstück in Österreichs Parlament. Von Stephan Baier

Relevante Frage: Der Quantenphysiker Professor Anton Zeilinger auf dem Ersten Gebetsfrühstück in Wien: „Woher kommen die Naturgesetze, nach denen die Evolution so wunderbar verlaufen ist?“ Foto: Stephan Baier
Relevante Frage: Der Quantenphysiker Professor Anton Zeilinger auf dem Ersten Gebetsfrühstück in Wien: „Woher kommen die... Foto: Stephan Baier

Mühsam sei es gewesen, alle Parlamentsfraktionen dafür zu gewinnen. Enorme Spannungen seien zu überwinden gewesen, gestand der frühere ÖVP-Abgeordnete Josef Höchtl zu Beginn des Ersten Nationalen Parlamentarischen Gebetsfrühstücks im österreichischen Parlament. Anders als in den USA, wo er bereits 1981 das National Prayer Breakfast erkundete, sei man in Österreich „nicht gewohnt unter Politikern verschiedener Fraktionen und Konfessionen, füreinander und miteinander zu beten“. Schließlich gelang es doch, alle sechs Fraktionen im Nationalrat dafür zu gewinnen, und so versammelten sich am Mittwochvormittag 200 Gäste aus insgesamt 26 Ländern zu einem Gebetsfrühstück im Parlament, darunter auch die beiden Wiener Weihbischöfe Franz Scharl und Stefan Turnovsky, der Generalsekretär der Bischofskonferenz, Peter Schipka, sowie der serbisch-orthodoxe Bischof in Österreich, Andrej.

Der Dritte Präsident des Nationalrats, der seit seiner Bundespräsidentschaftskandidatur im Vorjahr europaweit bekannte FPÖ-Politiker Norbert Hofer, meinte in einem Grußwort, in den Vereinigten Staaten von Amerika seien auch Politiker viel offensiver, wenn es darum geht, sich zum eigenen Glauben zu bekennen. Christliche Werte würden in allen Lebensbereichen helfen. „Wir sind Christen, wo immer wir sind, ob in der Familie, im Arbeitsleben, in der Politik.“ Gerade in der Politik helfe der christliche Glaube, „zu verzeihen, wenn man angegriffen wird“.

Die Gebete sprachen beim Parlamentarischen Gebetsfrühstück nicht die anwesenden Priester oder Bischöfe, sondern Laien. Die Grundsatzrede hielt kein Politiker, sondern der Quantenphysiker Anton Zeilinger als Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Er bestritt, dass die Wissenschaft die Religion widerlegen könne: „Auf Seiten der Religion ist oft das Problem, dass man meint, Glaubensaussagen wissenschaftlich beweisen zu müssen.“ Das sei aber nicht sinnvoll. Umgekehrt könne die Wissenschaft nicht beweisen, dass der Glaube falsch sei. „Woher kommen die Naturgesetze, nach denen die Evolution so wunderbar verlaufen ist?“, fragte Zeilinger. Diese Frage verweise auf das größere Wunder. Es sei aber „eine persönliche Gnade, wenn man Gott dafür verantwortlich machen kann“.

Der Wissenschaftler zeigte sich überzeugt, dass es Geheimnisse gibt, die sich den Naturwissenschaften dauerhaft entziehen, doch sei dies aus naturwissenschaftlicher Sicht „nicht tragisch“. Für beide Seiten wichtig sei allerdings die Offenheit für den anderen: „nicht nur zwischen den Religionen, sondern auch zwischen Religion und Wissenschaft“.

Während die Parlamentsbediensteten den Gästen lautlos Semmeln, Marmelade, Wurst und Käse nachlegten, las der Wiener Dompfarrer Anton Faber aus dem Johannes-Evangelium, formulierten Vertreter von ÖVP, FPÖ und SPÖ, aber auch der Loretto-Gemeinschaft Fürbitten – darunter auch eine für die verfolgten Christen und alle, die unter Intoleranz zu leiden haben.

Karl von Habsburg, ein Enkel des 2004 seliggesprochenen letzten regierenden Kaisers von Österreich und Königs von Ungarn, erklärte anschließend, warum sich das vereinte Europa als größtes Friedensprojekt der Jetztzeit den christlichen Werten verdanke, und wie in einer Zeit wachsender Gefährdungen der Mut gefordert sei, zu den eigenen Werten zu stehen. Darum sei es ermutigend, dass so viele Politiker sich offen zu ihrem Glauben bekennen, wie bei diesem parlamentarischen Gebetsfrühstück, so der Chef des Hauses Habsburg.

Der frühere christdemokratische Ministerpräsident Sloweniens, Lojze Peterle, erklärte als einer der Väter der slowenischen Unabhängigkeit, dass es seinem Land 1991 nicht darum ging, auf der angenehmeren Seite zu stehen, sondern die jugoslawische Diktatur zu verlassen, um sich mit jenen zu verbinden, die die gleichen Werte von der Würde des Menschen teilen.

In Anspielung darauf, dass die Europäische Union in der Weltpolitik oft als „soft power“ bezeichnet wird, sagte der heutige Europaabgeordnete Peterle: „Jesus lehrt uns, wie wir stark sind in unserer ,soft power‘.“ Das neue Konzept von Macht müsse der Dienst an den anderen statt deren Beherrschung sein.

Aus Washington war eigens der Vorsitzende des US-Agrarausschusses, der republikanische Kongressabgeordnete Robert Aderholt, angereist, der das amerikanische Prayer Breakfast seit Jahren maßgeblich prägt. „Wir beten seit 60 Jahren in den USA für unsere Freunde und für unsere Gegner“, erzählte er aus der amerikanischen Erfahrung mit dem Prayer Breakfast. Bei einem kleineren, wöchentlichen Gebetstreffen spreche man im Kongress „über die Grundsätze Jesu“. Politiker seien auseinanderdividiert durch Herkunft, Tradition, Philosophie und Partei, doch fänden sie mit Blick auf die Person Jesu zusammen.

An diese Tradition, die in Washington einst der Methodistenpastor Abraham Vereide begründete und die auch von den US-Präsidenten seit Dwight Eisenhower geschätzt wird, versucht man nun auch in Wien anzuknüpfen. Die Bundesregierung war zwar nur dank Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter (ÖVP) vertreten, doch ist Österreich ja auch bereits im Wahlkampf. Immerhin luden 36 Politiker aus insgesamt vier Fraktionen zu dem morgendlichen Gebetsfrühstück ein.