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Die „Welt“ dreht sich

So geht Springer in das Superwahljahr: Der bisherige „Tagesthemen“-Chef Helge Fuhst übernimmt die Leitung der Premium-Gruppe. Jan-Philipp Burgard scheidet als Chefredakteur der „Welt“-Titel aus.
Neuer Welt-Chefredakteur Helge Fuhst
Foto: IMAGO/Kirchner-Media/TH (www.imago-images.de) | Bekommt Springer nun eine neue „Welt“? Zunächst einmal fällt auf, dass Helge Fuhst und sein Vorgänger Burgard sich in ihrer Karriere ähneln.

Das ist ein personaler Paukenschlag, mit dem Springer 2026 startet. Und es ist auch ein inhaltlich profilierter Akzent, mit dem der Verlag so das Superwahljahr beginnt. Helge Fuhst, aktuell noch Leiter der „Tagesthemen“-Redaktion bei der ARD, soll zum nächstmöglichen Termin den Vorsitz der Chefredaktionen der sogenannten Premium-Gruppe des Verlages übernehmen. Dazu zählen einmal alle „Welt“-Medien – „Welt“, „Welt am Sonntag“ und „Welt TV“ – und weiterhin „Politico Deutschland“ wie „Business Insider Deutschland“.

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Besonders interessant ist dieser Wechsel mit Blick auf die „Welt“-Medien, wegen ihrer Layout-Grundfarbe auch „blaue Gruppe“ genannt (der andere wichtige Faktor bei Springer ist die „rote Gruppe“, die den „Bild“-Kosmos umfasst). Bei „Welt“ löst Fuhst nämlich zugleich Jan-Philipp Burgard als Chefredakteur ab, der sich, so lautet die Verlagsmitteilung, aus gesundheitlichen Gründen zurückzieht. Ulf Poschardt bleibt Herausgeber der „Welt“-Gruppe.

Eher Kontinuität als Zäsur

Was auf den ersten Blick wie eine inhaltliche Zäsur erscheint, steht vielleicht doch in einer gewissen Kontinuität. Denn auch Burgard stammt aus der ARD-Schule. Und in den beruflichen Lebensläufen von beiden spielt ein Mann eine zentrale Rolle: Tom Buhrow, US-Korrespondent für die ARD, „Tagesthemen“-Moderator und dann schließlich WDR-Intendant.

Trotzdem sticht natürlich gerade jetzt sofort ins Auge, dass nun mit Fuhst bei Springer ausgerechnet ein langgedienter ÖRR-Journalist in einem zentralen Bereich die Regie übernimmt. Vor allem die „Welt“-Gruppe wurde in den vergangenen Jahren zum Flaggschiff des Verlages in den Kulturkämpfen. Dafür steht vor allem der meinungsstarke Ulf Poschardt, dem es eine diebische Freude bereitet, dem linksliberalen Establishment, von ihm polemisch „Shitbürgertum“ genannt, in die Parade zu fahren. Der mittlerweile auch schon 58-jährige Franke, der im letzten Jahr in den Herausgeber-Olymp wechselte, hatte aus der „Welt“ in seinen acht Jahren zuvor als Chefredakteur eine freche, im Zweifel fast schon eher libertäre als liberale Zeitung gemacht, die im Spektrum rechts der Mitte für sich Meinungsführerschaft beansprucht. Wider den Stachel löcken – das schien seit Poschardts Zeiten das publizistische Leitmotto für die blaue Gruppe zu sein.

Das änderte sich auch nicht, als Jan-Philipp Burgard, vorher war er nur für „Welt TV“ zuständig, die Gesamtverantwortung für die Gruppe übernahm. Insgesamt hat er zwar nur gut ein Jahr amtiert, aber er knüpfte an den von Poschardt gesetzten Trend an und baute ihn weiter aus. Vor allem „Welt TV“ gewann unter Burgard deutlich an Profil, nicht zuletzt durch ein von ihm moderiertes TV-Duell zwischen Alice Weidel und Sahra Wagenknecht. Ähnlich kontrovers wurde ein Gastbeitrag von Elon Musk vor ziemlich genau einem Jahr in der WamS diskutiert, in dem der US-Tech-Milliardär zur Wahl der AfD aufrief. Ein Gastbeitrag des AfD-Ehrenvorsitzenden Alexander Gauland, der vor wenigen Wochen eingeplant war, erschien nach Protest in der Redaktion nicht. Veröffentlicht wurde er erst später in der „Berliner Zeitung“ Jörg Friedrichs, die sich ähnlich wie die Poschardt-„Welt“ um ein nonkonformes Image bemüht, aber eben nicht aus der bürgerlichen Richtung diesen Blick wagt, sondern von ganz links durch eine DDR-Nostalgie-Brille auf das politische Geschehen schaut. Freilich zeigt diese Episode, wie sehr die deutsche Medienlandschaft im Moment im Fluss ist und wie sehr auch alte Lagergrenzen zerbrechen, während neue hochgezogen werden.

Affinität zum CDU-Umfeld

Bekommt Springer nun eine neue „Welt“? Zunächst einmal fällt auf, dass Fuhst und sein Vorgänger Burgard sich in ihrer Karriere ähneln. Beide starteten in Washington für die ARD, und beide gingen im Windschatten des gleichen Mannes ihren Weg in der ARD. Sowohl Fuhst wie Burgard waren zeitweise persönliche Referenten von Tom Buhrow, der als Intendant des WDR amtierte. Während Fuhst dann noch weiter in der Hierarchie aufstieg – er wurde Programmgeschäftsführer von Phoenix und dann später eben stellvertretender Chefredakteur von ARD aktuell und damit zuständig für die „Tagesthemen“, 2024 wollte er gar Nachfolger seines Mentors Buhrow in Köln werden, unterlag aber bei der Intendantenwahl –, setzte Burgard seine Karriere bei Springer fort.

Beide haben auch eine Affinität zum CDU-Umfeld. Fuhst war, wie die „Süddeutsche Zeitung“ 2017 berichtete, in seiner Studentenzeit Vorsitzender der Jungen Union in seiner Heimatstadt Cuxhaven, trat auch einmal für die CDU für den Kreistag an. Als aber klar wurde, dass Journalismus sein Beruf wird, verließ er die Partei wieder. Burgard ist Altstipendiat der Journalistischen Nachwuchsförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Fuhst, geboren 1984, wie Burgard, Jahrgang 1985, verbindet schließlich die Zugehörigkeit zur gleichen Generation, sie zählen zu jenen Jahrgängen, die nach der Wiedervereinigung aufgewachsen sind und die vielleicht deswegen auch beide ein ähnlich großes Interesse für die USA aufbringen, eben für die Führungsnation des siegreichen Westens. Zur Schule gingen sie, als vielfach noch die Vorstellung von dem „Ende der Geschichte“ nach diesem Sieg im Kalten Krieg vorherrschte. Teenager waren sie, als Bush junior im Weißen Haus saß und der 11. September 2001 das Land erschütterte.

Medienmanager mit US-Kenntnissen

Für beide dürfte dann aber wie für viele ihrer Generation Barack Obama der faszinierendste US-Präsident geworden sein. Allerdings, dies verbunden, nun machten sie ihre ersten journalistischen Erfahrungen in den USA, mit einem sich ausdifferenzierenden Blick auf das Land. 2014 legte Fuhst, betreut von dem Chemnitzer Extremismusforscher Eckhard Jesse, eine Dissertation mit einem bezeichnenden Titel vor: „Barack Obama: Präsident der polarisierten Staaten von Amerika“.

Springer tickt traditionell transatlantisch, mittlerweile nicht nur grundsätzlich, sondern auch, was das eigene Business angeht. „Politico“, für die deutsche Ausgabe ist Fuhst nun verantwortlich, soll eine weltweite Marke werden. Wie ja überhaupt Mathias Döpfner, nachdem er im Zusammenspiel mit Verleger-Witwe Friede Springer im vergangenen Jahr die Eigentumsverhältnisse im Verlag in eine neue und stabile Ordnung gebracht hatte, die Losung ausgegeben hat, Springer solle langfristig das führende Medienhaus des freien Westens sein. Da ist ein Medienmanager und Journalist wie Fuhst mit seinen US-Kenntnissen genau der Richtige. Er wird seine ganz eigene Sicht auf die Trump-Administration haben. Ob er das Thema auch wie sein Vorgänger Burgard nutzen wird, um die deutsche Medienwelt aufzuwirbeln? Es wird sich zeigen. Die Personalie Fuhst spricht eher dafür, dass Springer im Superwahljahr nicht auf noch mehr Polarisierung setzen will. Ob das „Welt“-Herausgeber Poschardt schmeckt?

Die „Welt“-Chefredaktion war schon immer ein Posten mit Zeichencharakter. Wer dort Platz im Chefsessel nahm, der stand automatisch auch für eine bestimmte Richtung, die das Haus Springer einschlägt. Das war schon so mit dem legendären Hans Zehrer. Er war es, der Axel Springer für die Deutschlandpolitik begeisterte und sogar zu einem Besuch bei Sowjet-Herrscher Nikita Chruschtschow überredete. Es sieht im Moment nicht so aus, dass Helge Fuhst zum Zehrer von Mathias Döpfner werden könnte. Döpfner braucht keinen Ideenflüsterer, der Verleger hat selbst Visionen mehr als genug.

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