Grenzgänger und Getriebener

Eine Biografie zeigt das rastlose Innenleben Mozarts.

Johann Wolfgang Mozart
Johann Wolfgang Mozart, gemalt von Barbara Krafft im Jahr 1819. Foto: IN

Wer ist Wolfgang Amadeus Mozart? Den kennt doch jeder. Wirklich? Tatsächlich wird es mit dem Verstehen der facettenreichen Persönlichkeit des weltberühmten Komponisten umso schwieriger, je mehr man sich mit ihm beschäftigt. Denn Mozart ist ein Mensch voller Widersprüche. Genial als Tonsetzer wie als Interpret, eine Ausnahmebegabung, schon als Kind mit scheinbar müheloser Leichtigkeit Töne setzend und die schwierigsten Passagen auf Klavier oder Geige mit traumwandlerischer Sicherheit wiedergebend. Als Mensch charmant, aber auch vulgär, intrigant und bösartig scheinen dem Bild des Menschen Wolfgang Amadé vor allem eins zu fehlen: Grenzen. Dass er sie permanent überschritt, in musikalischer wie in finanzieller Hinsicht, ist eines der Kennzeichen seines Wesens. Aber warum ist das so?

Genau diese Frage hat Eva Gesine Bauer sich gestellt und eine Antwort gefunden, die sie als Konzept ihrer neuen und das sei gleich vorausgeschickt, ungemein kenntnisreichen und lesenswerten Biografie zugrunde legt. Die Idee der Autorin: Sie legt als Schlüssel für das Verständnis der Widersprüchlichkeiten in Mozarts Leben und Wirken ein mythologisches Konzept zugrunde. Ihre Begründung: „Mythologische Konstellationen können gesellschaftliche und psychologische Sachverhalte erhellen.“ Die Konstellation, die Bauer bei ihren Recherchen für eine neue Mozart-Biografie zufiel: die Geschichte von Eros, Poros und Penia. In der griechischen Antike wurzelnd, die einen ausgeprägten Sinn für die Sprache der Bilder hatte, erzählt der Mythos von Eros von einem wie sein Vater Poros starken und beharrlichen Fallensteller, der wie seine Mutter Penia zugleich immer bedürftig war, weil ihm das Gewonnene je neu durch die Finger rann. Am Geburtstag der Göttin Aphrodite gezeugt, ist Eros dem Schönen verbunden, von ihm fasziniert und bleibt doch immer ein heimatloser Suchender. Und es gibt noch weitere Parallelen zwischen dem alten Mythos und dem Komponisten. Denn Eros ist ein Ränkeschmied, gleichermaßen fasziniert von Philosophie und Magie, ein Wesen, dass sich seiner Mängel bewusst ist, ein großer Liebender, der aber nicht von allen geliebt wird.

Mit diesem Schlüssel ausgerüstet, erzählt Eva Gesine Bauer in prägnanter Sprache, die die Tiefenschichten der Bedeutungsebenen mit spielerischer Leichtigkeit zur Erschließung ihres Sujets nutzt, vom Leben Mozarts. Die Geschichte beginnt mit Vater Leopold, dessen bissig strengem Karrierestreben, das sich gerade in dem Moment, in dem er endlich für das ihm Eigene Anerkennung zu ernten beginnt, auf einem anderen Feld entfaltet, in der Präsentation seiner beiden Kinder und deren wunderbarer Begabung die zugleich seine pädagogischen Fähigkeiten leuchtend unter Beweis stellen sollen. Der Widerspruch ist schon an dieser Stelle vorprogrammiert. Denn kein Mensch kann mit dem, was einem anderen gehört, Ehre einheimsen. Was auf diese Weise scheinbar gewonnen wird, nährt die Seele nicht. Das Sehnen nach Anerkennung, das schon Leopold Mozart trieb, bleibt ungestillt. Er wuchert mit einem Talent, das nicht sein eigenes ist. Rücksichtslos, allein auf Gewinn und Erfolg ausgerichtet. Und das hat Konsequenzen.

Mozart bekam nicht die Anerkennung, die er suchte

Der hochbegabte Sohn, der schon als kleines Kind ständig Wechselbäder zwischen feuchtkalten Unterkünften und dem gleißenden Rampenlicht aushalten muss, führt ein Leben, in dem er keine Wurzeln schlagen kann. Seine psychische Konstitution als Hochbegabter mit einer immensen Sehnsucht nach vorbehaltlos geschenkter Liebe kann und wird vom Vater nicht erfüllt werden. Die Mutter, selbst ein Mangelwesen, schenkt ihm diese Zuwendung zwar, aber es ist nicht genug. Mozart ist, wie viele Künstler, menschlich gesehen ein Fass ohne Boden. Ganz egal, wieviel Applaus, Geld oder Liebe man ihm gibt, es ist nie genug. Den Mangel, den er selbst am deutlichsten spürt, versucht er durch Äußerlichkeiten auszugleichen: teure Kleidung, kostspielige modische Accessoires und ein immerwährendes verzweifeltes Bemühen um die Anerkennung durch höherrangige Persönlichkeiten. Aber es gelingt nicht. Nie. Er bleibt ein Grenzgänger, ein Heimatloser und die innere Unruhe, die ihn nicht nur musikalisch zum Getriebenen macht, entlädt sich in seinen Briefen, aber auch im persönlichen Umgang, mitunter in wüsten Beschimpfungen derbster Natur.

Im Gegensatz zu seinem kalt kalkulierenden, hochdisziplinierten Vater, fehlt es ihm an Strebsamkeit, um seine durchaus vorhandene Intriganz erfolgreich einzusetzen. Und es fehlt ihm, obwohl er durchaus liebesfähig war und enorm großzügig sein konnte, an Empathie. Die zeigt er zwar in der musikalischen Ausgestaltung seiner Opern in reichem Maße, im persönlichen Leben aber ist Mozart narzisstisch. Der einzige Mensch, an dem er dauerhaft interessiert ist, ist er selbst.

Man könnte meinen, dass die neue Mozart Biografie deshalb eine deprimierende Lektüre ist. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die Autorin vermag es, die Grenzen von Mozarts Charakter und seine Ausnahmebegabung in einem ausgewogenen Gleichgewicht darzustellen, das notwendige Offenheit gegenüber seinen Schwächen mit einer Grundsympathie für den Menschen Mozart angesichts seiner Gebrochenheit verbindet. Zugleich bietet dieses neue Mozart-Buch eine Fülle interessanter musikalischer und gesellschaftspolitischer Fakten. Die Lektüre ist spannend und uneingeschränkt empfehlenswert.

Eva Gesine Bauer: Mozart: Genius und Eros. Eine Biografie.
C.H. Beck Verlag, München 2020, 656 Seiten, ISBN 978-3-406-74939-1, EUR 16,95

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