Köln

Hochadelsfamilie Arenberg: Eine transnationale Familie

Auch sie waren Kinder ihrer Zeit: Ein Werk zur Geschichte der katholischen Hochadelsfamilie Arenberg.

Arenbergische Schloss in Herverlee
Das Arenbergische Schloss in Herverlee, das heute von der Universität Löwen genutzt wird. Foto: trzrtz

Jeder, der die europäische Integration für das größte Friedensprojekt seit dem Zweiten Weltkrieg und politisch für das größte Positivum seiner Generation hält, sieht die Entwicklung auch mit Sorge. Nämlich wie das, was mit der Montanunion 1951 und mit den Römischen Verträgen und der Gründung der EWG 1957 begann und mit dem Schengener Abkommen 1985, dem Vertrag von Maastricht und der Gründung der Europäischen Union 1992 und dem EURO als Bargeld 2002 große Hoffnungen weckte, seit dem Scheitern des europäischen Verfassungsvertrags durch die Referenden in Frankreich und in den Niederlanden 2005, seit der vorangegangenen und der nachfolgenden Osterweiterung von 2004 und 2007, durch die Finanzkrise seit 2007 und durch die Flüchtlingskrise ab 2015 immer mehr in sein Gegenteil zu geraten scheint. Wenn er darüber hinaus auch noch den Austritt Großbritanniens und Nordirlands 2020, die von vielen Zeitgenossen in besonders betroffenen Ländern als nationale Egoismen wahrgenommene einzelstaatliche Abschottung der Mitgliedsstaaten in der Covid-19-Pandemie 2020 und den Erfolg populistischer Parteien, die EU-Gegnerschaft und einen neuen Nationalismus propagieren, sieht, dann greift er gern zu einem Buch über eine seit Jahrhunderten transnationale europäische Familie. Her-ausgeber und Autoren sprechen statt von „transnational“ von „transterritorial“. Das ist richtig, weil der heutige Inhalt des Nationenbegriffs ebenso wie der Nationalismus des 19. und 20. Jahrhundert dem 16., 17. und 18. Jahrhundert fremd waren.

Die Geschichte der aus dem Hennegau in der belgischen Wallonie stammenden Familie der Herzöge von Arenberg geht auf den seit 1142 erwähnten Thierry de Ligne zurück – die Fürsten de Ligne gibt es bis heute –, dessen Nachkommen seit der Zeit um 1480 nach der ererbten Herrschaft Barbançon den Namen Ligne-Barbançon führten.

Namengebend ist aber eine Burgruine in der Eifel, die Burg Arenberg oder Aremberg im Kreis Ahrweiler, deren erster bekannter Herr 1166 Heinrich von Arenberg war. Um die Burg entstand eine Herrschaft, die 1299 im Erbgang an eine Nebenlinie der Grafen von der Mark, der späteren Herzöge von Kleve, Jülich und Berg, fiel.

Schon 1612 hatte Carl von Arenberg durch Heirat in Flandern das Herzogtum Aerschot erworben, bevor im 18. Jahrhundert durch Eheschließung und Erbschaft der Titel eines Grafen von der Mark oder Comte de La Marck an die Familie zurückkehrte. Nach dem Verlust der linksrheinischen Gebiete an Frankreich erhielt Herzog Louis Engelbert von Arenberg durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 als Entschädigung das kurkölnische Vest Recklinghausen und vom Hochstift Münster das Amt Meppen, bevor sein Sohn Prosper Louis 1806 mit seinem Beitritt zum napoleonischen Rheinbund auch das 1803 dem Herzog von Croy zugesprochene münsterische Amt Dülmen gewann. Nach dem Wiener Kongress 1815 kehrten die Herzöge von Arenberg unter Beibehaltung ihrer rechtsrheinischen Säkularisationsgewinne in die südlichen Niederlande beziehungsweise nach Belgien zurück.

„Die Arenberg stellten“, so William D. Godsey, „eine ,transterritoriale‘ Familie dar. Dabei hatten sie ihren Besitzschwerpunkt in einer der bedeutendsten Grenzregionen Europas – der politisch zerrissenen Landschaft des historischen Burgund. Zahlreiche derartige Adelsgeschlechter gab es in den südlichen Niederlanden, am linken Rheinufer, in Lothringen, dem Elsass und der Freigrafschaft Burgund, unter anderem Fürsten, Grafen und Ritter des Heiligen Römischen Reichs, Träger von Adelstiteln spanisch-niederländischen Ursprungs und französische Adelige. Für die Abkömmlinge vieler Geschlechter war es selbstverständlich, politische und kulturelle Grenzen auf der Suche nach Ehepartnern, Karrieremöglichkeiten und sonstigen Chancen zu überschreiten.“ In ihrer spanischen und auch noch in ihrer am Wiener Kaiserhof orientierten Zeit lassen sich, so wieder Godsey, mehrere Konstanten erkennen, „die für die politische Existenz der transterritorialen Arenberg auf lange Sicht maßgeblich“ waren. Eine davon war „das Festhalten am katholischen Glauben“, wenn auch, wie Veronika Hyden-Hanscho anmerkt, die Arenberg kirchliche Karrieren seit der Frühen Neuzeit kaum aufzuweisen hatten. Doch gab es, beeinflusst von der französischen Aufklärung, auch kirchen- und religionskritische Äußerungen, so bei Léopoldine, der Schwester des Auguste de La Marck, während Ernestine, eine Enkelin des Comte de La Mark, in das Kloster der Heimsuchung der Salesianerinnen in Wien einzutreten suchte, aber 1841 vor Beginn des Noviziats starb. Im 19. Jahrhundert verfolgte „die Familie in allen drei Familienzweigen in Belgien, Frankreich und Österreich eine ultramontane Sozialpolitik, geleitet von theologischen Prinzipien und Frömmigkeitspraktiken“.

Neben den beiden Herausgebern haben Renate Pieper, Martin Wrede, Katrin Keller, Guy Thewes, Horst Carl und Sandra Hertel Aufsätze beigesteuert, die unter anderem die Rolle der Arenberg im spanischen Imperium oder im Kriegsdienst des Kaisers, die Eheverbindung mit der italienischen Familie del Carratto und die damit verbundene Neuausrichtung von Madrid nach Wien, die Frauen der Arenberg, die Stellung der Arenberg in der Militärorganisation der Österreichischen Niederlande und die Bedeutung des Statthalterhofes in Brüssel und des Kaiserhofes in Wien für die Familie beleuchten.

Am Ende der Lektüre steht Enttäuschung, aber keine Enttäuschung wegen mangelnder wissenschaftlicher Qualität des Werkes – ganz im Gegenteil, sondern Enttäuschung darüber, dass auch in dieser „transterritorialen“ katholischen Hochadelsfamilie das Virus des Nationalismus wirksam wurde. Während des Ersten Weltkriegs, Anfang 1918, schrieb Eleonore Ursula von Arenberg, die auch eine geborene Arenberg war: „Ich habe meine Ansichten niemals geändert und rufe, es lebe Hindenburg, Ludendorf, Tirpitz und die ganze Vaterlandspartei, die einzigen echten deutschen und reinen Patrioten. Ich weiß es gut und weiß es schon lange, wie gläubig und fromm der Kaiser (Wilhelm II.) und die allergrößten Männer seines glorreichen Heeres sind.“ Es mag sein, dass Eleonore Ursula, wie Veronika Hyden-Hanscho, meint, „innerhalb der Familie Arenberg eher die Ausnahme dargestellt zu haben“ scheint, doch zitiert sie auch aus einem Brief des Herzogs Karl von Arenberg an den deutschen Reichskanzler Leo Graf von Caprivi von 1891: „Die Herzöge von Arenberg sind ein altes deutsches Fürstenhaus und wollen Deutsche und Preußen sein und bleiben.“ So lehrt auch dieses Werk, dass man auch in einer „transnationalen“ und mehrsprachigen katholischen Hochadelsfamilie Kind seiner Zeit war.

William D. Godsey und Veronika Hyden-Hanscho (Hrsg.):
Das Haus Arenberg und die Habsburgermonarchie.
Eine transterritoriale Adelsfamilie zwischen Fürstendienst und Eigenständigkeit (16.–20. Jahrhundert).
Verlag Schnell & Steiner 2019, 498 Seiten, ISBN 978-3-7954-3299-7, EUR 69,–

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